Wenn Waschbären zur Plage werden

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Polizei und Feuerwehr im Waschbär-Einsatz. Warum sich die putzigen Tiere gerade in Tallagen auf der Ostalb immer weiter ausbreiten und auch Tierschützer darüber nicht erfreut sind.

Aalen-Wasseralfingen

Kleines Tier, großer Aufwand. Eine kurze Polizeimeldung aus der vergangenen Woche – und eine Geschichte dahinter.

Die Meldung: Weit oben in einem Baum dicht an der B29, zwischen Affalterried und der Parkbucht Richtung Hüttlingen, saß ein Tier. "Eine Katze", so wurde der Polizei gemeldet, "säße da seit mehreren Stunden auf dem Baum und käme nicht mehr allein herunter", rekapituliert Polizeisprecher Holger Bienert. Die Polizei rief die Feuerwehr.

Der Einsatz: Mit drei Fahrzeugen – darunter die Drehleiter – und neun Mann Besatzung rückte die Aalener Feuerwehr aus. Vor Ort stellte sich heraus: Es war keine Katze, die da auf dem Baum saß – es war ein Waschbär. Die Feuerwehrleute fuhren die Drehleiter aus. Als die in Höhe des Tieres platziert war, wurde der Störenfried selbst aktiv. Kletterte auf eigene Faust den Baum runter und suchte das Weite.

Die Feuerwehr: Insgesamt neun solcher im Wortsinne tierischen Einsätze hatte die Aalener Feuerwehr in den vergangenen beiden Jahren, berichtet der Kommandant der Aalener Gesamtwehr, Kai Niedziella. Dass zur Rettung eines Tieres vom Baum gleich neun Mann mit drei Fahrzeugen ausrücken müssten, sei Corona geschuldet. "Wir wollen, dass so wenig Leute wie möglich gemeinsam in einem Wagen sitzen." Ob die Feuerwehr tatsächlich zur Rettung eines Waschbären oder einer Katze ausrücken müsse, werde in jedem Einzelfall abgewogen. Die Entscheidung hänge zum Beispiel davon ab, ob die Verkehrssicherheit an Straßen oder Kreuzungen gefährdet sei. Niedziella: "Ansonsten gilt: Wenn Katze oder Waschbär auf einen Baum rauf sind, kommen sie auch allein wieder runter."

Der Jäger: Alfred Roder aus Wasseralfingen ist der zuständige Jagdpächter in diesem Bezirk. Mit Sorge beobachtet er seit Jahren die zunehmende Ausbreitung von Waschbären nicht nur in den Wäldern, sondern auch in Wohnsiedlungen und Gärten. Vor neun Jahren sei das nachtaktive Tier zum ersten Mal in Wasseralfingen gesichtet worden.

Der Aufwand eines Feuerwehreinsatzes sei das eine. Roder: "Was das an Steuergeldern kostet!" Das andere seien die Schäden, die das pelzige Tier anrichte. Roder: "Waschbären sind Allesfresser. Insekten, Frösche, Igel, Krebse – die gehen an Vogelnester und fressen die Eier, bei den Bodenbrütern, aber auch bei Singvögeln. Dafür klettern Waschbären auf die höchsten Eichen. Die fressen junge Hasen und wühlen ganze Gärten um nach Wurzeln. Oder gehen in den Hühnerstall. Da sind sie schlimmer als der Fuchs, weil sie die Hühner und die Eier nehmen."

Tagsüber schlafen die putzigen Tiere meistens, auf Bäumen, in Scheunen oder Gartenhütten. Roder: "Einen habe ich mal in einer Mülltonne entdeckt."

Einen Waschbär habe ich mal in einer Mülltonne entdeckt.

Alfred Roder Jagdpächter in Wasseralfingen

Jagdrecht: Entgegen der landläufigen Meinung steht der Waschbär nicht unter Naturschutz. Vom 1. August bis 28. Februar darf er in Baden-Württemberg geschossen werden, in den übrigen Monaten hat er Schonzeit. In dieser Zeit darf er nur in einer Kastenfalle gefangen und weiter weg wieder ausgesetzt werden. Allein in Wasseralfingen werden es nach Roders Statistik stetig mehr Tier: So hat er 2013/2014 drei Waschbären eingefangen, 2017/2018 waren es neun, 2019/20 schon 31 und 2020/21 sogar 36. Roder kommt ins Grübeln: "Ich bin sehr für Tierschutz, aber das Wildschwein hat bei uns praktisch keine Schonzeit mehr, der Waschbär dagegen fünf Monate."

Natur- und Umweltschutz: Carl-Heinz Rieger vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Aalen ist sicher: "Den Waschbär kriegen wir auf der Ostalb nicht mehr los. In Tallagen und an Wasserläufen wie in Wasseralfingen vermehren sich die Tiere auf jeden Fall stark." Zu den Folgen für die Natur kämen Schäden, wenn Waschbären in Häuser eindringen. Rieger: "In Essingen gab es einen Fall, da ist der Waschbär ins Dach gegangen und hat die komplette Isolierung zerstört."

Perspektiven: Kürzere Schonzeit, stärkere Bejagung – könnte das die Lösung sein, um die Waschbärzahlen auf der Ostalb in Grenzen zu halten? Rieger, selbst Jäger, winkt ab: "Stärkere Bejagung versuchen die Tiere auszugleichen durch stärkere Vermehrung." Ein solcher Schuss würde also buchstäblich nach hinten losgehen. Der BUND setzt laut Rieger eher auf die Ansiedlung von Arten wie von Luchs und Wolf. Dann, so Rieger, hätte der Waschbär auf der Ostalb natürliche Feinde.

Dem pelzigen Gesellen die Rote Karte zeigen

Aalen. Der Waschbär stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde in den 1920/30er Jahren als Pelzlieferant nach Deutschland gebracht. 1934 setzte man ihn in Hessen aus, um ihn in Deutschland anzusiedeln. Seitdem vermehrt er sich erheblich. Natürliche Feinde haben lediglich die Jungtiere, zum Beispiel durch Füchse und Greifvögel. Auf der Ostalb halten sich Schäden bisher in Grenzen. Wo bereits Waschbären gesichtet worden sind, sollte man allerdings besonders vorsichtig sein. Der Naturschutzbund (Nabu) gibt unter anderem diese Tipps: Mülltonnen und Abfälle möglichst unzugänglich aufstellen oder mit starken Spanngummis gegen Aufklappen sichern. Gelbe Säcke erst am Tag der Abholung rausstellen. Abstand: Mülltonnen nach Möglichkeit mindestens einen halben Meter von Zäunen entfernt aufstellen. Futter für Haustiere nicht über Nacht im Garten oder auf der Terrasse lassen. Waschbären auf keinen Fall füttern. Mehr Info: www.nabu.de

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