Wie Corona den Online-Handel beflügelt

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Die Modegeschäfte sind voller Frühjahrsware, doch die Läden müssen wegen Corona weiterhin geschlossen bleiben. Tobias Funk, Geschäftsführer von Mode Funk, setzt in diesen Zeiten auf ein Hybridmodell, das stationären und Online-Handel auf eine spezielle Art und Weise miteinander verbindet.
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Mode Funk zeigt einen Weg auf, wie der stationäre Handel von den großen Online-Modeplattformen wie Zalando & Co profitieren kann. Nicht nur in der Corona-Krise.

Aalen

Hohe Infektionszahlen, eine Sieben-Tages-Inzidenz über 200: Auch Aalens Einzelhandelsgeschäften ist weiterhin die Schließung verordnet, Einkauf bei den Händlern vor Ort ist derzeit nur möglich über Click & Collect, also über eine Telefon- oder Online-Bestellung und die anschließende Abholung an der Geschäftstür oder über den Versand nach Hause.

Während für viele Geschäfte des stationären Handels gerade das Finanzgerüst zusammenbricht, nutzt Mode Funk neue Kanäle und Ideen, um neben der Onlineshopping-Welt weiterhin auch stationär für die Kunden da zu sein.

Stefanie Kraft und Tobias Funk, geschäftsführende Gesellschafter von Mode Funk, sind im Lockdown in dieses Hybridmodell eingestiegen, das stationären und Online-Handel auf eine spezielle Art und Weise miteinander verbindet.

„Online- und Offline-Handel schließen sich nicht mehr aus, sondern wachsen zusammen“, stellt Tobias Funk fest. Der Verkaufsraum des Modehauses hat inzwischen die Zusatzfunktion eines Lagers für den Onlinehandel und ist im eigenen Online-Shop sowie als angeschlossener Einzelhändler auf großen Plattformen wie etwa Zalando sichtbar. Auf diese Weise, so Tobias Funk, stelle man aktuell 90 Prozent der Ware des Modehauses online sichtbar auf große Plattformen und etwa 35 bis 40 Prozent in den eigenen Online-Shop.

Herr Funk, wie schwierig ist es, Artikel in den eigenen Online-Shop zu stellen?

Tobias Funk: Es ist deutlich schwieriger, den Inhalt für einen eigenen Online-Shop zu erstellen. Im Gegensatz dazu ist es viel einfacher, Artikel online auf die Plattform eines große Mode-Onlinehändlers zu bekommen, weil hier zum Beispiel Bildmaterial und Warenbeschreibung rechtssicher direkt von der Plattform kommen.

Können Sie das näher erklären?

Ein Beispiel: Der klassische stationäre Händler hat einen Artikel nur jeweils ein bis zwei Mal pro Größe vorrätig, weil wir unsere Kunden ja nicht uniformieren wollen. Die Artikel im Modehaus sind somit mengenmäßig begrenzt. Diesen einen Artikel im eigenen Online-Shop toll in Szene zu setzen, ihn online rechtssicher zu präsentieren – das ist ein riesiger Aufwand. Bis wir ein einziges Stück online präsentieren können, verkaufen wir parallel schon drei Stück davon in unserem Laden – vorausgesetzt, der Laden ist offen.

Welche Alternative bietet sich Ihnen?

Es gibt inzwischen in der Modebranche sogenannte Content-Händler, die Ware qualifiziert und rechtssicher beschreiben und mit Fotos vollautomatisch in unseren eigenen Online-Shop bringen. Auf diese Weise bekommen wir aktuell 35 bis 40 Prozent unseres Warenangebots online. Das ist noch zu wenig, und wir arbeiten hier an einer Ausweitung des Angebots.

Als stationärer Händler profitieren Sie also von den großen Online-Plattformen?

Natürlich ist die Frequenz bei global agierenden Online-Plattformen immens. 30 Millionen Menschen sind hier zum Beispiel in ganz Europa aktiv. Unsere Herausforderung ist, dass wir primär unsere stationären Stammkunden bedienen wollen. Auch hierzu gibt es Techniken, beispielsweise Artikel erst nach einem gewissen Zeitraum auf die Plattformen zu übertragen. Somit hat der Offline-Kunde exklusives Vorkaufsrecht.

Könnten Sie sich vorstellen, komplett auf den Online-Verkauf umzustellen?

Keineswegs. Wir wollen nicht komplett umstellen. Allerdings schaffen wir im Lockdown auf diese Weise zumindest 25 bis 30 Prozent des Umsatzvolumens unseres Modehauses und können vor allem unsere Mitarbeiter weiter beschäftigen und Arbeitsplätze erhalten, was uns sehr wichtig ist.

Welche Möglichkeiten bieten sich den stationären Einzelhändlern, um selbst im Lockdown persönlich für die Kunden da zu sein?

Wir beispielsweise beraten unsere Kunden via Telefon oder Videocall. Darüber hinaus halten wir unsere Schaufenster, genauso wie unsere Social-Media-Kanäle ständig auf dem Laufenden. Und wir gehen neue „kontaktlose“ Wege. Zum Beispiel haben wir für unsere Kunden digitale Fashionshows live produziert, um die neuen Kollektionen vorzustellen. Gerade haben wir unser neues Look-Book aufgelegt: Auch hier haben wir den digitalen Weg eingeschlagen und den ersten Online-Katalog produziert. Ganz wie bei der blätterbaren Offline-Variante können die Kunden ihre Lieblingsteile einfach bestellen und von uns beraten werden.

Jede zweite Online-Bestellung kommt wieder zurück. Wie gehen Sie damit um?

Wir agieren im Online-Handel sehr Prozess-orientiert und haben Strategien entwickelt, um Artikel mit hohen Retourenquoten schnell zu erkennen und relativ schnell aus dem Online-Sortiment zu entfernen.

Welchen Einfluss hat die Corona-Krise Ihrer Meinung nach auf die Zukunft des lokalen Einzelhandels?

Wir denken, dass die Hybridisierung weiter voranschreiten wird und das Sortiment vieler stationärer Einzelhändler in naher Zukunft gleichermaßen off- und online gekauft werden kann. Shopping über Social-Media-Kanäle wird hierbei auch mehr an Bedeutung gewinnen. Auch die großen Plattformen denken regionaler. Zalando beispielsweise hat seinen Partnern im Einzelhandel angekündigt, dass bald Click & Collect verfügbar sein wird.

Was bedeutet das für den Kunden im Ostalbkreis?

Der Aalener Kunde wird künftig einen bei Zalando ausgewählten Artikel zur Abholung im Laden in Aalen bestellen können. Der Kunde muss also immer einen greifbaren Nutzen haben und der Online-Handel wird künftig deutlich nachhaltiger werden.

Sehr beliebt im Netz: Bekleidung und Schuhe

Der Krisengewinner: Laut Statistischem Bundesamt hat der Internet-Handel seinen Umsatz in der Corona-Krise noch einmal deutlich steigern können. Besonders beliebt seien bei den Kunden im Netz Bekleidung und Schuhe. Wie das Magazin Textilwirtschaft vermeldet, ist der Online-Handel mit Bekleidung im Jahr 2020 um 14,6 Prozent auf fast 16,34 Milliarden Euro gewachsen. Im Schuhsegment betrug das Plus 8,8 Prozent. Während die stationären Händler ihre Online-Erlöse trotz des Lockdowns nur um rund 9 Prozent steigerten, boomte dagegen das Plattform-Geschäft.

Der Verkauf in unserem Laden vor Ort geht immer noch vor.“

Tobias Funk, Mode Funk
Auch das gehört zur Wahrheit: Aktuell kommt bislang noch beinahe jede zweite Online-Bestellung wieder zurück. Die Verpackungen stapeln sich.

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