Essay: Lasst den Streit beginnen

Wir müssen wieder debattieren lernen

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lars reckermann

Es gibt Nuancen zwischen Schwarz und Weiß. Lassen Sie uns streiten.

Ostalbkreis. Es hat sich jetzt schon entschieden, ob Sie an einer Debatte interessiert sind oder nicht. Sie lesen diese Zeilen noch, das heißt, Sie lassen sich darauf ein. Ja, Sie lesen richtig. Ein Satz reicht aus und bei vielen Menschen steht fest, dass Sie mir keine Chance geben. Wer keine Lust hat, sich auf eine Debatte einzulassen, liest auch kein Essay über eine Debatte. Warum auch? Die Meinung ist klar und unverrückbar.

Ich beginne einmal mit Selbstkritik: Gibt es dann einmal Meinungs- oder Diskussionsrunde, tun wir Medienleute einiges dafür, noch einmal mit Schärfe nachzuwürzen. Es gibt für uns TV-Duelle, Niederlagen, da gibt es nach einer Debatte Verlierer und Sieger. Als wenn die Debatte ein Kampf wäre.

Wir brauchen wieder eine Debattenkultur. Wir haben Sie längst verloren. Nicht erst, seitdem wir Menschen in Impfgegner und Impfbefürworter einteilen. Flüchtlinge, Landwirtschaft, Klima ... wir sehen nur Schwarz und Weiß. Wir müssen gar nicht in die Weltpolitik schauen. Radfahrer gegen Fußgänger, Albaufstieg, Skateranlagen vor der Haustür, Windkraft, 5G-Antennen. Die Meinung steht fest. Der Gegner wird niedergebrüllt. Schwarz und Weiß eben. Dass es dazwischen viele Nuancen und Positionen gibt, die ausdiskutiert werden sollten, geht in den Spuckfäden der jeweiligen Ja/Nein-Schreier unter. So finden wir als Gesellschaft nie einen gemeinsame Nenner.

Lassen Sie uns 2022 im Kleinen starten, im Ostalbkreis. Ich frage ganz offen: Schaffen wir es, bei uns eine Debattenkultur zu installieren, in der Diskussionen sachlich und ohne Emotionen geführt werden? Und bitte sagen Sie jetzt nicht, manche Argumente wollen Sie gar nicht hören. Ist es nicht eine Form des Totalitarismus, Menschen das Recht wegzunehmen, Argumente vorzutragen? Schauen Sie sich um und seien Sie ehrlich: Haben Sie auch schon Ihren Freundeskreis nach politischer Ausrichtung neu sortiert? Pluralismus ist das nicht. Nun geht es mich nichts an, wie Sie Ihre Freunde aussuchen. Wenn Sie aber Ihre Freunde aussortieren, weil Sie sich ihnen moralisch überlegen fühlen, brauchen Sie auch keine Diskussionen mehr zu führen - und Sie selbst sind ein schlechter Freund. Wenn diese Meinung jetzt nicht die Ihre ist, brüllen Sie mich bitte nicht nieder. Aus psychologischer Sicht ist das keine gute Strategie. Ich zitiere aus dem Forum für Streitkultur: „Studien zeigen, dass Menschen nur sehr selten ihre Standpunkte ändern, wenn Sie mit Gegenargumenten bombardiert werden – selbst wenn die Argumente gut sind. Im schlechteren Fall verhärtet sich das Überzeugungssystem des Gegenübers. Backfire effect heißt dieses Phänomen in der Psychologie.“

Also, lassen Sie uns reden. Lassen Sie uns das neue Jahr zum „Lasst-uns-miteinander-reden-Jahr“ für die Ostalb machen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat ein tolles Format. Es heißt: Deutschland spricht.Warum nicht: „Die Ostalb spricht.“ Worüber sollen wir auf der Ostalb sprechen? Schreiben Sie mir. Wir organisieren Gesprächsrunden zu den Themen. Wir stellen die Fragen, die Sie haben. Aber: Sie müssen sich auch die andere Meinung anhören. Was wir brauchen? Ihre Bereitschaft, Pluralismus zu leben. Wir brauchen ihre Bereitschaft zu Nuancen und kein Schwarz/Weiß.

Ich freue mich auf 2022. Lassen Sie uns streiten.

Zehn Regeln für eine gute Debatte

Viele halten es für Schicksal, ob eine Debatte eskaliert. Dabei kennt die Forschung Verhaltensweisen, die jedes Gespräch besser machen. Hier sind zehn Regeln für eine gute Debatte.

Viele halten es für Schicksal, ob eine Debatte eskaliert. Dabei kennt die Forschung Verhaltensweisen, die jedes Gespräch besser machen. Hier sind zehn Regeln für eine gute Debatte. Die zehn Regeln für eine gute Debatte erschienen zuerst auf ZEIT ONLINE und wurden zusammengetragen vom Berliner „Forum für Streitkultur“.

1 Versuchen Sie, wirklich zu verstehen Hören Sie zu, wenn Ihr Gegenüber spricht, und versuchen Sie zu verstehen, worum es ihm im Kern geht. Fassen Sie zusammen, was bei Ihnen angekommen ist. Sie können zum Beispiel sagen: „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann ist Ihre Sorge, dass …“ Nur so können Sie sicherstellen, dass Sie wirklich verstanden haben, was dem anderen wichtig ist. In der Theorie der gewaltfreien Kommunikation nennt man dieses Vorgehen „aktives Zuhören“.

2 Bleiben Sie beim Thema Menschen neigen in Diskussionen dazu, an entscheidenden Stellen abrupt das Thema zu wechseln oder in schneller Abfolge verschiedene Meinungen zu äußern. Das führt dazu, dass Streitpunkte aus dem Blick geraten, bevor Sie ihnen auf den Grund gegangen sind. Machen Sie das Parolenspringen nicht mit. Moderieren Sie das Gespräch und haken Sie nach: „Das scheint mir ein neuer Punkt zu sein. Können Sie mir erst noch erklären, was Sie gemeint haben mit …“

3 Stellen Sie so viele offene Fragen wie möglich Stellen Sie Ihrem Gegenüber offene Fragen. Sie signalisieren damit den aufrichtigen Wunsch, die Position des Gegenübers zu verstehen, und schaffen sowohl auf der Sach- als auch auf der Beziehungsebene eine gute Grundlage für die weitere Diskussion. Die wichtigste Frage für eine gelingende Debatte ist: „Warum glauben Sie, dass …?“

4 Finden Sie Gemeinsamkeiten In jedem Gespräch und mit jedem Gegenüber lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Machen Sie deutlich, worin Sie mit Ihrem Gegenüber übereinstimmen. Sie schaffen damit ein gutes Klima für die weitere Diskussion und finden heraus, an welchem Punkt Ihre Auffassungen auseinandergehen. Womöglich liegen Ihre Positionen weniger weit voneinander entfernt, als Sie ursprünglich dachten.

5 Belehren Sie Ihr Gegenüber nicht Wer belehrt, demonstriert höhere Erkenntnis und ruft beim Gegenüber Abwehr hervor. Vermeiden Sie es, zu moralisieren. Fragen Sie lieber nach und stellen persönliche Bezüge her: „Ist es Ihnen selbst schon einmal widerfahren, dass …?“

6 Begründen Sie Ihren Standpunkt Ihre Meinung ist wichtig. Aber durch das bloße Aufeinanderprallen von Meinungen ist noch nichts gewonnen. Um miteinander ins Gespräch zu kommen, ist es entscheidend, warum Sie dieser Meinung sind. Begründen Sie Ihren Standpunkt und laden Sie Ihr Gegenüber ein, das Gleiche zu tun. Bloße Meinungsbekundungen und Polemisierungen bringen das Gespräch nicht weiter.

7 Interpretieren Sie wohlwollend Stürzen Sie sich nicht auf die offensichtlichen Schwächen in den Argumenten Ihres Gegenübers. Versuchen Sie, jedes Argument in seinem bestmöglichen Sinn zu interpretieren und auf die stärkste Version des Punktes einzugehen – selbst wenn Ihr Gegenüber nicht in der Lage ist, das Argument in Perfektion zu entwickeln. In der Argumentationslehre nennt man diesen Grundsatz „Prinzip des Wohlwollens“.

8 Üben Sie sachliche Kritik Korrigieren Sie falsche Informationen. Decken Sie voreilige Schlüsse und Pauschalisierungen auf. Weisen Sie auf lückenhafte oder widersprüchliche Stellen in der Argumentation hin. Gehen Sie mit Ihrer Kritik jedoch sparsam um und vermeiden Sie, wenn möglich, offene Konfrontation.

9 Deeskalieren Sie In Diskussionen kochen häufig Emotionen hoch. Achten Sie darauf, dass Ihr Gegenüber sein Gesicht nicht verliert, wenn Sie Kritik üben. Bringen Sie gelegentlich Witz oder Ironie ein und sprechen Sie Ihre Gefühle und die des Gegenübers an. Sagen Sie so etwas wie „Ich merke, dass Sie/mich dieses Thema sehr wütend macht.“ Wichtig ist in jedem Fall: ruhig bleiben.

10 Wechseln Sie die Perspektive Oft scheitern Diskussionen nicht nur an unterschiedlichen Meinungen, sondern an entgegengesetzten Wertvorstellungen. In solchen Fällen kann es helfen, die Perspektive des Gegenübers einzunehmen und zu überlegen, wie Sie argumentieren können, wenn Sie die Wertvorstellungen Ihres Gegenübers zugrunde legen. Wenn Ihrem Gegenüber der Schutz der Familie ein besonders hohes Gut ist, können Sie versuchen, vor diesem Hintergrund für Ihre Position zu argumentieren. Im wissenschaftlichen Diskurs nennt man dieses Vorgehen „reframing“. Wichtig ist dabei, authentisch zu bleiben und die eigenen Grenzen nicht zu überschreiten.

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