„Wohnen wird zur Gretchenfrage“

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Ministerin Nicole Razavi trug sich zu Beginn der Veranstaltung ins Goldene Buch ein. Hinter ihr MdL Winfried Mack(links) und Landrat Dr. Joachim Bläse.
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Veranstaltung mit Ministerin Nicole Razavi im Landratsamt. Warum bezahlbare Wohnungen ein immer knapper werdendes Gut, aber gleichzeitig ein wichtiger Wirtschaftsfaktor sind.

Aalen. Ihr Start in der Runde war etwas unglücklich, wegen eines Versprechers: Sie danke für die Einladung „hier nach Heidenheim“, sagte Nicole Razavi (CDU), Ministerin für Landesentwicklung und Wohnen. Doch in den folgenden zweieinhalb Stunden gewann sie Sympathien ihrer Zuhörer. In einer Runde mit Kreistagsmitgliedern, Bürgermeistern, Vertretern von Wohnbaugesellschaften, Sozial- und Wirtschaftsinstitutionen ging es am Donnerstagabend im Landratsamt um das Thema Wohnen.

Wohnen sei Grundbedürfnis der Menschen, Wohnraum auch auf dem Lande im Ostalbkreis sehr begehrt. Immobilien gälten als Wertanlage mit nachhaltiger Rendite, umriss Landrat Dr. Joachim Bläse die Facetten des Themas. Bezahlbarer Wohnraum werde Standort- und Wirtschaftsfaktor und immer mehr nachgefragt, nun zusätzlich durch die Flüchtlingsströme des Ukraine-Kriegs. 2250 Menschen aus der Ukraine habe man Wohnraum anbieten können, „der schon da war“. Doch der Druck sei groß, zusätzliche Wohnungen zu schaffen, und so erhoffe man sich an diesem Abend Aufschluss darüber, „wie das Land tickt und denkt“ bei der Wohnraumpolitik.

Ministerin Nicole Razavi nannte „zwei Mammutaufgaben“ des Landes für die nächsten Jahre: die Fortschreibung des Landesentwicklungsplans, insbesondere mit einer klugen Verteilung der Flächen, und die Weichenstellung zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums. Letztere werde „zur echten Gretchenfrage für Baden-Württemberg“. Das Land unterstütze mit vielen Programmen neue Bauten, aber auch Reaktivierung und Renovierung, allen voran dem Städtebauförderprogramm - 265 Millionen Euro im Jahr - und dem Landesförderprogramm Wohnungsbau; jetzt mit einem Rekordvolumen von 377 Millionen Euro.

Um die Herausforderungen der Kommunen ging es in der Diskussionsrunde: Aalens OB Frederick Brütting schilderte die Erfolge des „Aalener Modells, mit dem seit 2016 fast 100 Sozialwohnungen entstanden. Wasser in den Wein goss der Geschäftsführer der VGW Schwäbisch Gmünd, Celestino Piazza: Sein Unternehmen biete 50 Wohnungen zu 6,30 Euro Kaltmiete an, und die Wohnraumoffensive der Stadt laufe gut. Doch neue Sozialwohnungen zu bauen, sei angesichts der Baukostenexplosion und steigender Zinsen nicht mehr zu finanzieren. Piazza: „Das Land muss dringend die Baukostenzuschüsse erhöhen.“

In diesem Fall lieferte die Ministerin umgehend: Sie kündigte an, das Land werde bei der Landeswohnraumförderung ab Juni den Betrag berücksichtigungsfähiger Baukosten von 3500 auf 4000 Euro pro Quadratmeter anheben. Razavi, unter Beifall des Publikums: „Dann ist das auskömmlich.“

Markus Mengemann, Regionalleiter der Caritas Ost-Württemberg, und Simone Götz, Geschäftsbereichsleiterin Soziales im Landratsamt, schilderten aus ihren jeweiligen Bereichen, dass es seit Jahren immer schwieriger werde, bezahlbaren Wohnraum für Menschen mit geringem Einkommen oder mit Handicaps zu finden. Angesichts massiv steigender Nebenkosten sei nun die Gefahr da, dass viele ihre Wohnung nicht mehr halten können und obdachlos werden.

Aus dem Publikum gab es am Ende viele Impulse und Forderungen an die Ministerin: Bürokratie beim Baurecht zu entschlacken, die Fortschreibung des Landesentwicklungsplans erheblich zu beschleunigen, mehr Wohnen im Außenbereich zuzulassen und den Flächenverbrauch zu stoppen, indem man Wohnungen und Photovoltaikanlagen auf Supermarktdächer setzt statt auf die grüne Wiese. Von der Gründung einer Landes-Wohnungsbaugesellschaft hält Ministerin Razavi übrigens gar nichts: „Hört sich gut an, aber kriegt nichts hin. Das Land ist nicht der bessere Häuslebauer, es muss Anreize schaffen.“

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