Zwei Streithähne und ein Kirchturm

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Blick auf Bartholomä und die Pfarrkirche im Jahr 1932.

Carsten Weber öffnet die Archive des Heimat- und Geschichtsvereins.

Bartholomä. Mitten im Dorf, gegenüber dem neuen Rathaus in der Beckengasse, steht die katholische Pfarrkirche St. Bartholomäus. Die Geschichte dieser Kirche ist so wechselhaft wie kurz, wurde sie doch erst in den Jahren 1839/1840 anstelle der alten Bartholomäer Zehntscheuer errichtet und 1849 von dem Rottenburger Bischof, Joseph von Lipp, geweiht. 1844 zog der Pfarrer vom Möhnhof (seit 1766 Pfarrsitz) in das neu erbaute Pfarrhaus in Bartholomä ein. Die neue Kirche war sehr geräumig, bot Platz für 110 Personen und war für die ansonsten armen Verhältnisse der Albuchgemeinde mit ihren neuen spätgotischen Altären schlicht, aber geschmackvoll eingerichtet. Vielleicht liegt es daran, dass so mancher Landgeistliche versucht, der Gemeinde auf bauliche Weise seinen Stempel aufzudrücken.

Der größte geistliche "Stempelaufdrücker" des 20. Jahrhunderts in Bartholomä war der ehemalige Pfarrvikar von Wangen im Allgäu, Wilhelm Sohmer (1881 – 1940). 1921 wurde er in Bartholomä als Pfarrer eingesetzt und war 18 Jahre lang ein Seelsorger und Bauherr. Nachdem von Behörden und Gremien die Zustimmungen eingeholt worden waren, begannen die Arbeiten zur Vergrößerung der Kirche im Mai 1929. Ein gen Osten, an die "alte" Kirche grenzendes Areal wurde 1925 käuflich erworben. Zur Finanzierung erlaubte der damalige Bischof von Rottenburg, Joannes Baptista Sproll, das Abhalten einer "Diözesankollekte für den Bartholomäer Kirchenbau", welche das doppelte von dem einbrachte, was man sich erhofft hatte. Sämtliche Gewerbetreibende aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden, namentlich die Miederwarenfabriken in Heubach, die Hüttenwerke in Wasseralfingen und viele andere waren in die Verantwortung genommen worden.

Das im klassizistischen Stil erbaute Gotteshaus erhielt eine Verlängerung nach Osten um drei Meter, daran anschließend erhob sich der im "Bauhausstil" gehaltene Altarraum, die nördlich angebaute Theresienkapelle, die Sakristei mit dem darüberliegenden "Oratorium", die "Krypta" unterhalb des Altarraumes und der wuchtige, 28 Meter hohe Kirchturm. Ein erfahrener Baumeister jener Epoche war der in Gmünd geborene Regierungsbaumeister Hans Herkommer (1887 – 1956). In Briefen, die im Pfarrarchiv erhalten geblieben sind, vertritt er in rigoroser Weise diesen architektonischen Stil für den Anbau der Kirche.

Der Erweiterungsbau gab Anlass zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Sohmer und Herkommer. Sohmer war der Meinung, der Turm müsse nördlich der Sakristei Platz finden. Herkommer vertrat die Ansicht, der Bau beanspruche einen strengeren Charakter, wenn der Turm an der Straßenseite stehe, also den Eingang zur neuen Sakristei bilde. Herkommers Vorschlag wurde schließlich umgesetzt. Ein weiterer Streitpunkt war die Decke des Kirchenschiffes. Herkommer zog in Betracht, vor Beginn der künstlerischen Malerarbeiten im Kirchenschiff dessen Decke zu erhöhen, um so "dem Schiff das Schlauchartige zu nehmen". Dass die Decke des Kirchenschiffes heute noch niedriger ist als jene im Altarraum, liegt an der einen Künstlerwettbewerb angefochten hatte. Ein Streit entbrannte, der zum Teil mit unter die Gürtellinie gehenden Wortwechseln einherging. Aus der Meinungsverschiedenheit zwischen Pfarrer und Baumeister entstand ein wahres "Sich-gegenseitig-dahin-metzeln" in das sich auch das Bischöfliche Ordinariat in Rottenburg sowie das "Schultheißenamt Bartholomä" einmischte – und es aber nur einen gab, der sich die Siegeslorbeeren auf das Haupt setzen durfte: der Pfarrer. Durch den Künstler Andreas Dasser entstand im Herbst 1932 ein für Bartholomä sehr wertvolles Kleinod. Ende Juni 1930 war der Sakralanbau, der eine Summe von umgerechnet etwa 309 000 Euro ausmachte, vollendet und fortan fanden exakt 436 Personen in der Kirche Platz. Pfarrer Sohmer hinterließ ein einzigartiges bauliches Zeugnis des Glaubens. Seine Festansprache vom 27. Juli 1930 beendet er mit den Worten: "Bleib König, Herr, auf dieser Höh; beschütz uns all' und Bartholomä!"

Wilhelm Sommer

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