Existenzen in Plastiktüten - die Lage an der ukrainischen Grenze

+
26 Menschen haben sich dem Hilfskonvoi, den Kinga Putschögl (rote Jacke) aus Dirgenheim zusammengetrommelt hat, auf dem Weg nach Deutschland angeschlossen.
  • schließen

Der Hilfskonvoi um Kinga und Joe Putschögl hat die ukrainische Grenze erreicht. Die Schwäbische Post ist mit an Bord. 26 Menschen entschließen sich dazu, mit uns nach Deutschland zu kommen.

Dirgenheim/ Przemysl

Das rhythmische Blinken der Warnblinkanlage spendet mir Licht, um "Niemcy", das polnische Wort für Deutschland auf die weiß lackierten Holzschilder auf der Straße zu schreiben. Joe Putschögl, der Ehemann der Hilfskonvoi-Organisatorin Kinga und ich hatten uns eigentlich geeinigt, dass wir die Schilder nicht schreiben. Klassischer Fall von hässlicher Handschrift. "Nichts da", stutzt mich Kinga zurecht. In den rund 18 Stunden, die ich die 36-Jährige kenne, habe ich schnell gelernt, keine Rückfragen zu stellen, sondern mich auf sie zu verlassen und einfach zu machen. Einzelne Schneeflocken fallen in der abgelegenen Straße, einige hundert Meter weiter ist die Grenze zur Ukraine - das Land, in dem der Krieg tobt. 

Die Mission, der mit mir zusammengerechnet zehnköpfigen Gruppe, ist klar: Wir wollen Menschen, die vor dem Krieg fliehen in Sicherheit bringen. Auf dem Weg laden wir Hilfsgüter ab. Medikamente, Kleidung, Decken, Essen. Das, was gebraucht wird. Wir müssen flexibel sein, lernen wir. Ein ukrainisches Krankenhaus, wir vermuten in der Stadt Mariupol, wurde von Wasser, Strom und Gas abgeschnitten, sagt Sarah, eine Helferin an der Grenze. Wir kaufen Aggregate. Die Lage ist ernst.

Unsere Lieferung laden wir in einer kleinen Halle ab. Andere Helfer kommen mit ihren Transportern, und wir helfen beim Abladen. Was am Vortag noch ein heiteres Anpacken war, wird zur hektischen aber koordinierten Anstrengung. Die anderen Helfer brechen wieder auf. Sie gehen hinter die Grenze. 

In der Ferne hört man Sirenen, vermutlich die, der polnischen Polizei. Sie klingen gespenstisch. Zumindest, wenn man sie nicht gewohnt ist. Sarah erzählt uns von einem Einkaufszentrum, das zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert wurde. Es ist unser nächstes Ziel. Unser Konvoi lässt sich auf dem Parkplatz eines Baumarktes nieder, um uns herum sind andere Transporte und Autos. In einer weißen Limousine mit ukrainischem Kennzeichen liegen eine Frau und zwei Kinder auf den Sitzen und schlafen. Der Motor läuft.

Existenzen in Plastiktüten

Auf der anderen Straßenseite herrscht der humanitäre Ausnahmezustand. Nur noch die rar gesäten Schriftzüge von Einzelhandelsketten erinnern an das Einkaufszentrum. Menschen, hauptsächlich Frauen und Kinder, wenige Männer. Sie liegen, sitzen, stehen dicht an dicht. Existenzen sind in Plastiktüten gepackt. Es ist stickig-warm. Egal wo man steht: Man hat das Gefühl, im Weg zu sein. Das Leid des Krieges bekommt hier ein Gesicht. Ein Gesicht mit vielen Emotionen, die sich nur erahnen lassen. Kinder können teilweise ihrem Spielzeug etwas Freude abgewinnen, Heranwachsenden sieht man die Erschöpfung an. In jeder Richtung gibt es Menschen, deren Blick ins Leere zu gehen scheint. 

Die erste Gruppe

Nach dem ersten "Vorfühlen" in der Unterkunft besprechen wir uns auf dem Parkplatz. Die Fahrer sollen schlafen. Die Frauen versuchen Menschen, die mit uns kommen wollen zu finden. Im eigenen Bett schläft es sich sicherlich besser, als im Wohnmobil an der ukrainischen Grenze. Verglichen mit dem, was den Menschen in der Unterkunft bleibt dennoch: purer Luxus. Ich bin erschöpft, kann und will aber nicht schlafen. Nach und nach wird es schwerer, wach zu bleiben im recht ruhigen, dunklen Schlafabteil eines der Wohnmobile. 5.17 Uhr: Die Ruhe wird von energischem Klopfen und rufen unterbrochen. Ich bin wie elektrisiert, haste zur Tür. Ich verstehe nur noch: "Wir haben jemanden." Hektisch ziehen wir uns an, geschlafen haben nur wenige. Wir hetzen über die Straße, ein polnischer Polizist stoppt den Verkehr für uns.

Kinga und die beiden anderen haben eine zehnköpfige Gruppe bei sich. Frauen, ein Mann auf Krücken, einige heranwachsende Mädchen, Kinder. Wir nehmen ihnen das Gepäck ab, merken aber, dass das Misstrauen - wer will's ihnen verübeln - überwiegt. Die meisten behalten mindestens eine Tasche. Vermutlich die, mit dem wichtigsten: Geld, Pässe, Handy, was auch immer. Wir bringen sie in die Wohnmobile und starten die Motoren. Niemand soll frieren müssen. 

26 Menschen kommen mit

Es ist schwierig, mit den traumatisierten Menschen zu kommunizieren und ihr Vertrauen zu gewinnen. Es kursieren Geschichten von Verschleppung. Betrug. Zwangsprostitution. Keiner von uns spricht ukrainisch. Stunden vergehen und der Tag bricht an, bis wir unsere Kapazitäten von 28 Plätzen mit 26 Menschen besetzen können. Wir achten darauf, Familien nicht zu trennen. Fünf Kinder in Begleitung zweier Frauen, eine davon hochschwanger, finden Platz in einem Neunsitzer. 

Etwa gegen 8 Uhr, vielleicht 9 Uhr, brechen wir auf. Einer unserer Fahrer kann nicht mehr, ist erschöpft. "Erik", sagt Joe, "kannst du fahren?". Ich weiß es nicht. Mittlerweile bin ich seit über 30 Stunden wach. "Ich kann fahren", antworte ich. Sicherlich nicht in der besten Verfassung, für eine lange Fahrt stelle ich den Sitz auf meine Größe ein. Aber es geht nicht anders. Der eigentliche Fahrer hat seine Konzentration auf der Hinfahrt schon an seine Grenzen gebracht. Meine reicht noch aus. 

Auch Joe geht zwischendurch die Kraft aus. Ich tausche die Autos. Zu meinem Glück ein baugleicher Kleinbus. Immerhin keine große Umstellung. Joe fallen auf dem Rücksitz die Augen zu. Es geht weiter geradeaus. Neben mir sitzt Kinga, die meiste Zeit mit dem Handy am Ohr. Sie organisiert weiter und weiter. Ist in Kontakt mit Helfern aus der Region und mit Danyel Atalay, dem Bürgermeister von Kirchheim. 

600 Waisenkinder brauchen eine Unterkunft

Joe erholt sich schnell und sorgt dafür, dass ich mich ausruhen kann. Ich bin erschöpft, der Stress lässt mich trotzdem nicht einschlafen. Ich denke an Sarah. Ich denke daran, wovon sie mir erzählt hat. Anrufe um 4 Uhr morgens - 600 Waisenkinder bräuchten eine Unterkunft. Oder 200 krebskranke Kinder, die unmöglich in die Unterkunft können, weil die Gefahr, sich mit Krankheiten anzustecken zu groß ist. Ich denke an den Notarzt, der in den frühen Morgenstunden bei der Unterkunft vorfährt. Man sagt, er sei wegen eines Kindes da. Neben mir schläft ein kleines ukrainisches Mädchen. Später verrät sie mir ihren Namen und wie alt sie ist. Sie heißt Yadviga. Sie ist 10 Jahre alt. Die Eindrücke der Nacht, Sarahs Erzählungen und die schlafende Yadviga lassen Emotionen hochkochen. Ich kämpfe mit den Tränen. Wenig später finde ich einen sehr leichten Schlaf. 

An der Grenze zu Deutschland trifft unsere Rettung ein: Die Freiwillige Feuerwehr von Fichtenau, zu der Joe einen guten Draht hat, ist uns mit einem Neunsitzer entgegengekommen. In ihm finden alle Fahrer Platz. Endlich können sie ihre leergezehrten Energiespeicher auffüllen. Etwa um Mitternacht sind wir wieder in Kirchheim im Landhotel Oswald. Es gibt Suppe für alle. Die Geflohenen kommen alle unter. Ich höre viele Sprachen auf dem Weg zur ukrainischen Grenze und dort, viel polnisch dabei. Letztendlich bleibt nur ein Wort hängen: "Spasybi". Ukrainisch für danke. 

Blog: Redakteur Erik Roth begleitet den Hilfskonvoi

Die erste Gruppe von Menschen, die mit uns kommen wollen. Kinga (rote Jacke) regelt die Situation.
Kinga hilft beim Einladen des Gepäcks einer Gruppe. Das Mädchen in rosa ist die zehnjährige Yadviga.
Der Eingang in das zur Unterkunft umfunktionierte Einkaufszentrum.

Zurück zur Übersicht: Bopfingen

Mehr zum Thema

Kommentare