Getöteter Zweijähriger: Nicks Bruder belastet Angeklagten

+
Der Angeklagte wird in Handschellen und Fußfesseln ins Gericht geführt.
  • schließen

Im Prozess zum Tod des kleinen Nicks wird das Umfeld des Angeklagten und der betroffenen Familie beleuchtet: Alkohol, Drogen und Gewalt waren offenbar an der Tagesordnung.

Ellwangen/Bopfingen

Tag fünf im Prozess gegen den 33-Jährigen, der den Tod des kleinen Nicks verschuldet haben soll. Das engere Umfeld des Angeklagten und der betroffenen Familie wird erhellt. Als letzter Zeuge sagt der älteste Bruder des kleinen Nicks aus - und er belastet den Angeklagten.

Der 18-Jährige möchte auf Anraten seines Zeugenbetreuers unter Ausschluss der Öffentlichkeit aussagen. Er sei traumatisiert, zu intim seien die Einblicke in das Familienleben, seine Aussagen könnten den Ruf der Familie diskreditieren. Das Gericht berät sich - und lehnt den Antrag ab. Das Interesse der Öffentlichkeit sei höher zu bewerten, begründet Vorsitzender Richter Bernhard Fritsch.

Der junge Mann schildert dann die Dinge, wie er sie wahrgenommen hat. Zunächst sei der Angeklagte nur an den Wochenenden in Aufhausen gewesen. Er habe ihn anfangs als freundlich und witzig erlebt. „Ich kam OK mit ihm aus“, sagte er.

Ende Sommer 2021 sei der Angeklagte eingezogen und die Situation habe sich verändert. Der Angeklagte habe immer mehr getrunken, habe auch andere Drogen konsumiert. Dreimal habe er das gesehen. Einmal habe er Crystal Meth konsumiert, einmal Speed und einmal Kokain.

Er habe eine Veränderung bei all seinen drei jüngeren Brüdern bemerkt, sagt der 18-Jährige. Am gravierendsten sei ihm dies bei Nick aufgefallen. Der habe auch immer häufiger blaue Flecken gehabt, viel geweint, „nicht mehr getanzt, wie früher“, scheinbar die Lebenslust verloren. „War er da, hatte Nick blaue Flecken, war er weg, war alles normal. Und auch früher war nichts, da hatte Nick nur einen blauen Fleck, wenn er auf dem Spielplatz hinfiel“, sagte der junge Mann aus.

Als der Angeklagte Nick wieder einmal allein in einem anderen Zimmer gewickelt habe, sei ein lautes Klatschen zu hören gewesen. Als er nachsah, habe der Angeklagte behauptet, Nick sei vom Sofa gefallen. Misstrauisch geworden begann der junge Mann ein Auge auf Nick zu werfen, wie er sagte. Er war es, der die Verletzungen des Kindes mit seiner Handykamera dokumentiert hat. Das war kurze Zeit bevor der kleine Junge starb.

Mit seinen Befürchtungen, die er mit seinen Brüdern teilte, wandte er sich an eine Freundin. Die riet ihm Polizei und Jugendamt einzuschalten und alles mit Fotos zu dokumentieren. Als er den Angeklagten zur Rede stellte, habe der alles abgestritten. Er habe sich auch seiner Mutter anvertraut, ihr die Fotos gezeigt. Sie habe versprochen wachsam zu sein und mit dem Angeklagten zu reden. Resultat des Gespräches sei gewesen, dass der Angeklagte gesagt habe, er, der älteste Bruder, wolle die Mutter aufhetzten und wenn er nicht aufhöre, „werde er mich durch die Bude schlagen“, sagte der 18-Jährige aus.

Der junge Mann war täglich bis 16 Uhr in der Schule, auf Nick aufzupassen war schwierig für ihn und über den Kopf der Mutter hinweg die Polizei oder das Jugendamt einzuschalten, das hat er nicht vermocht.

In der Nacht als Nick starb, lag der 18-Jährige im Bett und schlief. Er habe nichts mitbekommen von dem Rettungseinsatz, sagte er. Wenige Stunden zuvor habe er noch mit seiner Mutter und Nick am Küchentisch gesessen und versucht, den Jungen zu füttern. Äußerliche, neue Verletzungen habe er nicht bemerkt, nur, dass Nick weinte, jammerte, blass war und nicht essen wollte.

Gegen 3 Uhr nachts seien seine Mutter und der Angeklagte aus der Klinik zurückgekehrt und hätten ihm gesagt, dass Nick tot sei. „Beide haben geweint, waren fertig“, sagte er. Wie konnte das passieren, habe er gefragt. Beide hätten gesagt, sie wüssten es nicht. In der Klinik habe man gesagt, es sei durch einen Tritt geschehen. Weitere Antworten habe er nicht bekommen. Der Angeklagte habe gesagt: „Als er gelebt hat, habe ich ihn nicht gemocht, jetzt wo er tot ist, habe ich ihn doch gemocht.“

Offensichtliche Misshandlungen

Zuvor hatte das Gericht bereits verschiedene Zeugen vernommen. Unter Tränen schilderte die Mutter des Angeklagten ihren Sohn als Menschen, der sich stets um Nick gekümmert habe. Er habe ihn „gewickelt, gefüttert, während sie rumsaß, geraucht und Kaffe getrunken hat“, sagte sie aus. Aufbrausend sei er, ja, aber nie gegen Kinder, sagte sie weiter. „Als ich Krebs hatte, hat er sich liebevoll um mich und meine Enkel gekümmert“, sagte sie. Und ja, er habe ein Alkoholproblem, räumte sie ein. Alle weiteren Zeugen aus dem Freundeskreis des Angeklagten bestätigten dies. Zehn Bier plus Whiskey-Cola sei die übliche Dosis des Angeklagten gewesen.

Ein befreundetes Ehepaar aus Bayern schilderte unabhängig voneinander, der Angeklagte sei es gewesen, der sich vornehmlich um Nick gekümmert habe. Von Misshandlung hätte er aber nichts gemerkt, sagte der Freund. Seine Frau aber sagte aus, sie habe die blauen Flecken registriert und gefragt, was da nicht stimme. Sie habe aber die Erklärungen über Stürze und Tollpatschigkeit geglaubt.

Als der kleine Nick tot war, habe der Angeklagte sie beide angerufen, sagt das Ehepaar aus. Das Telefon sei auf laut gestellt gewesen. Der Angeklagte habe geweint, gesagt: „Nick ist tot und ich glaube, ich bin schuld“, und weiter gesagt, wahrscheinlich sei es durch einen Sturz vom Sofa beim Spielen passiert.

Ein anderer Freund des Angeklagten sagte aus, er habe die Spuren der Misshandlung am Jungen sofort bemerkt. „Ich wurde als Kind selbst misshandelt“, sagte er. Er habe den Angeklagten darauf angesprochen. Ihn aufgefordert, der Sache nachzugehen, unter Umständen Polizei und Jugendamt einzuschalten. Der Angeklagte und die Mutter hätten versichert, dies zu tun. Er habe den Angeklagten nie als gewalttätig erlebt.

Ein weiterer Freund schilderte den Angeklagten als „lieben Kerl“, aber auch als Trinker, der im Rausch schon mal zugeschlagen habe in Clubs. Das Verhältnis zu Nick und dessen Geschwistern sei „angespannt“ gewesen. Nick habe immer wieder blaue Flecken gehabt. Dass der Angeklagte Gewalt gegen das Kind anwandte, habe er nur einmal erlebt. Der 33-Jährige habe Nick, weil er nicht gehorchte, „kopfüber bis zur Hüfte für eine Sekunde in eine Regentonne getaucht“. Im Oktober sei dies gewesen und schon kalt draußen.

Mehr zur Gerichtsverhandlung:

Prozesstag 1: Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

Prozesstag 2: Fall des zu Tode misshandelten Jungen: Es gibt keine Zeugen für den Tritt

Prozesstag 3: Getöteter Zweijähriger: Mutter sagt vor Gericht nicht aus

Prozesstag 4: Tod des kleinen Nicks: Retter schildern die Todesnacht

Zurück zur Übersicht: Bopfingen