"Ich dachte, das war's jetzt" - Ukrainehelferin berichtet

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Pawel Sienko und Sarah-Johanna Hamera leisten Menschen in der Ukraine humanitäre Hilfe.
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Sarah-Johanna Hamera hilft in der Ukraine und an ihrer Grenze, Menschen zu versorgen. Sie berichtet von großem Leid und großer Angst.

Dirgenheim/Kiew

Sarah-Johanna Hamera (29) war der direkte Draht an die ukrainische Grenze, als sich Kinga und Joe Putschögl aus Dirgenheim Anfang März entschlossen haben, humanitäre Hilfe für Menschen in der Ukraine zu leisten. Der Hilfskonvoi kehrte mit 26 Menschen zurück zur Ostalb, Hamera blieb, um zu helfen. Nach knapp zwei Monaten berichtet sie der Schwäbischen Post erneut von der Situation vor Ort. 

Anmerkung der Redaktion: Sarah-Johanna Hamera ist der Redaktion bekannt. Aus Sicherheitsgründen nennt sie keine genauen Orte, an denen sie und ihre Organisation humanitäre Hilfe leisten.

Das Auto vollgepackt und los. Ohne größere Planung. "Ich war an der Grenze seit Kriegsbeginn", schildert die 29-Jährige, "weil ich es zu Hause nicht mehr ausgehalten habe". Gebürtig kommt sie aus Stuttgart, wohnt seitdem sie 15 ist in Schlesien. Während der sechs Wochen, die sie an der polnisch-ukrainischen Grenze geholfen hat, führte sie ihr Weg zwei Mal in die Ukraine. "Wir hatten eine Situation, in der ein Bomber über uns flog", berichtet sie. Es folgten 20 Sekunden pures Adrenalin. "Ich dachte: Das war's jetzt. Ich habe noch nie in meinem Leben so eine Angst gehabt." 

Versorgung an vielen Stellen

In der Ukraine versuchen sie und ihre Mithelfer, Menschen in Notsituationen zu unterstützen: Krankenhäuser mit medizinischem Material versorgen. Waisenhäuser mit Essen und Gütern wie Windeln beleifern. Menschen an der Front mit Tabletten zur Wasseraufbereitung ausstatten. Auch Geflüchteten gelte es zu helfen - in der Ukraine. Denn auch dort gebe es viele Menschen, die ihren Wohnsitz aufgeben mussten. "Nur, weil sie nicht das Land verlassen haben, heißt das nicht, dass sie keine Hilfe brauchen."

Hamera schildert den Eindruck, die Hilfsleistungen ebbten ab, würden mit der Zeit weniger. "Ich glaube, den Leuten ist es nicht bewusst, dass es noch schlimmer wird." Eine ihrer Fahrten führte sie in ein Krankenhaus unweit der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Sie berichtet von Menschen mit frischen Wunden, von Anfang-20-Jährigen, denen Gliedmaßen fehlen. "Dadurch, dass die Leute es nicht hautnah miterleben, wissen sie nicht, wie schlimm es ist." Dennoch könne sie verstehen, wenn Menschen, die bereits geholfen haben, am Rande ihrer Möglichkeiten sind. 

Viele wollen zurück

In der Ukraine kommt sie auch mit Menschen in Kontakt. "Es ist eine ganz, ganz komische Atmosphäre dort." Hamera spricht von Kraftlosigkeit, tiefem Schmerz - auch, wenn manche lachen würden. "Weinen bringt nichts." Sie wisse von vielen geflüchteten Familien, die versuchen, zurück in die Ukraine zu reisen. Vor einer Rückkehr nach Kiew warnte kürzlich auch Vitali Klitschko, der Bürgermeister der Stadt. "Die Menschen möchten lieber zurück, als sich als Last zu fühlen." Hinzu komme die Sprachbarriere. "Wir müssen uns bewusst machen, dass die Menschen nicht nur Essen und eine Unterkunft brauchen." Es sei wichtig, den Menschen Sicherheit zu bieten, ihnen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein. "Ein Lächeln kostet nichts", sagt die 29-Jährige, "aber es kann jemandem den Tag retten".

Die Helferin und ihre Organisation planen weiterhin Hilfe für und in der Ukraine zu leisten. Nach wie vor steht sie in Kontakt mit Familie Putschögl aus Dirgenheim, die sich für die Unterbringung von Geflüchteten in und um die Gemeinde einsetzt. Wer Familie Putschögl bei ihrem Einsatz oder Sarah-Johanna Hamera unterstützen möchte, kann das über diese Bankverbindung tun: Passionsspielgruppe Dirgenheim e.V. IBAN: DE62 6006 9239 0022 9190 07.

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