Leben auf Kuba in Zeiten von Corona

  • Weitere
    schließen
+
Alissa Scheer aus Bopfingen, die als Fremdenführerin in Havanna lebt, der Hauptstadt der elf Millionen Einwohner zählenden Insel, mit Mundschutzmaske beim nächtlichen Schlangestehen.

Die gebürtige Bopfingerin Alissa Scheer berichtet vom Leben zwischen Langeweile und Schlangestehen in Havanna. Was dort alles anders und teilweise schlimmer ist als in Deutschland.

Havanna

Alissa Scheer aus Bopfingen lebt auf Kuba. In der Hauptstadt Havanna, unter zwei Millionen Einwohnern. Sie hat der SchwäPo von dort einen Bericht geschickt:

In Kuba kam das Virus offiziell Mitte März an, etwas später als in Europa. Die große Sorge war, dass Corona durch den Reiseverkehr eingeschleppt wird. Als die ersten Fälle bekannt wurden, waren es meist Touristen selbst oder Kubaner, die unmittelbar mit ihnen Kontakt hatten. Kubaner fingen an, Touristen explizit zu meiden und ihnen aus Angst vor einer Ansteckung nicht zu nahe zu kommen. Ungemütlich auf der Straße wurde es zeitweise dadurch auch für mich – denn Kubaner machten keine Unterschiede zwischen Touristen und Ausländern, die auf Kuba leben. Man wurde kritisch beäugt und mit großem Abstand gemieden.

Ende März hieß es, trotz Hochsaison, dass die Grenzen geschlossen werden. Alle noch verbleibende Urlauber wurden von ihren jeweiligen Unterkünften in bestimmte Hotels übergesiedelt, die sie nicht mehr verlassen durften, bis sie ausgeflogen wurden.

Das Rückholprogramm des deutschen Auswärtigen Amtes flog die letzten deutschen Touristen am 3. April aus. Havanna, vor allem aber die touristische Altstadt, verwandelte sich nach und nach in eine Geisterstadt. Restaurants, Bars und Hotels wurden geschlossen, die bunten Oldtimer-Taxis stellten ihren Betrieb ein, Souvenirverkäufer schlossen ihre Läden.

Alle nicht lebensnotwendigen Geschäfte sind geschlossen, Schulen und Universitäten ebenfalls, der öffentliche Transport ist in Havanna seit sogar auch eingestellt. In Kuba sollte man das Haus nur verlassen, wenn es unumgänglich ist, das heißt, zur Arbeit oder zum Einkaufen.

Schon seit Wochen darf man nur mit Mundschutz "nasobuco" auf die Straße. Das kubanische Fernsehen zeigt mehrmals täglich in einem kurzen Clip, wie man sich einen solche zu Hause aus Stoffresten anfertigt. Im Laden zu kaufen gibt es keine. Wer sich nicht an die Mundschutzregel hält, bezahlt zwischen 12 und 120 CUC (1 CUC = 1 US-Dollar) Strafe. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass der offizielle Durchschnittslohn 30 CUC im Monat beträgt.

Gefängnis, wer krank rumläuft

Es geht sogar noch rigoroser: Wer wissentlich krank ist und nicht zum Arzt geht, sogar weiterhin auf der Straße herumläuft und somit zur Verbreitung von Corona beiträgt ("propagación de la epidemia") muss mit einer Freiheitsstrafe von drei bis acht Jahren rechnen.

Ein besonders großer Kultureinschnitt ist das zeitweise erteilte "besos"-Verbot, denn Kubaner begrüßen sich üblicherweise mit Küsschen auf der Wange.

Mein Alltag besteht seit ein paar Wochen aus einer sprichwörtlichen Jagd nach Lebensmitteln. Grundnahrungsmittel sind hier ständig knapp, ausverkauftes Klopapier ist Standard und Schlangen vor dem Supermarkt sind Alltag. Durch die Coronakrise nimmt das schon surreale Züge an.

Zur Zeit heiß begehrt und ständig ausverkauft sind vor allem Spül-bzw. Waschmittel und Hähnchenfleisch – seit ein paar Wochen die einzig verfügbare und billigste Fleischsorte. Wenn eine Lieferung einer dieser Produkte im Supermarkt eintrifft, spricht sich das sofort herum – auch dank spezieller WhatsApp-Gruppen – und es bildet sich im Nu eine riesige Schlange mit bis zu 100 Menschen. Die ist natürlich in Zeiten von Corona kontraproduktiv.

Es gibt hier keine Masken zu kaufen.

Alissa Scheer

Die Polizei steht daher vor jedem Supermarkt und kontrolliert, dass sich die Schlange schön ordnet, nur eine gewisse Anzahl an Menschen gleichzeitig den Supermarkt betritt, alle Mundschutz tragen und sich die Hände desinfizieren und dass jeder Abstand hält, was natürlich absolut unrealistisch ist. Die nervigen Folgen: Stundenlanges Warten in brütender Hitze, es geht gefühlt nichts voran und das gewünschte Produkt ist meist nach ein paar Stunden ausverkauft.

Großer Coup: Hähnchenfleisch

"Heute ist mir dann der große Coup gelungen, indem ich kubanischer war als Kubaner: Nachdem ich gestern Abend um 11 Uhr durch eine WhatsApp-Gruppe erfahren habe, dass am folgenden Tag Hähnchen beim Supermarkt bei mir ums Eck verkauft wird, und dass sich schon eine Schlange von 20 Leuten gebildet hatte, lief ich hin und habe "meinen Platz markiert", wie die Kubaner so sagen. Wichtig dabei ist, sich immer die Person zu merken, die vor einem und nach einem dran ist. Dann hat man sich seinen Platz gesichert und kann nach Hause gehen. Am nächsten Tag, wenn man dann (mindestens eine Stunde vor Ladenöffnung) wieder zurückkommt, nimmt man dann seinen Platz in der Schlange ein. Ich hatte größte Zweifel, ob dieses kubanische Schlangensystem auch wirklich funktioniert, doch alles lief wunderbar und ich bekam endlich Hähnchen.

Warteschlange als Geschäft

Kleine Anmerkung: Einige findige Kubaner haben das Schlangenstehen professionalisiert: Sie harren die ganze Nacht vor den Supermärkten aus, markieren mehrmals einen Platz in der Schlange und verkaufen ihren Turnus dann am nächsten Morgen für 1 CUC.

Abgesehen vom Schlangestehen vor dem Supermarkt ist es zugegebenermaßen zurzeit etwas langweilig. Ein Novum für mich auf Kuba, denn hier ist jeder Tag abwechslungsreich.

Ich beneide meine Freunde in Deutschland oder anderswo auf der Welt – die haben wenigstens Wlan und können sich durch Filme schauen im Internet ablenken. In Kuba hat so gut wie kein Privathaus Wlan, Internet ist nur am Handy durch mobile Daten verfügbar, die auch recht teuer sind. Daher schaut man kaum Videos an, die ja viele Daten ziehen. Wobei sich das kubanische Fernsehen echt Mühe auf seinen nur fünf Kanälen gibt und neue Hollywoodfilme oder sogar Netflixproduktionen zeigt, wobei das bestimmt nicht ganz so legal ist.

Immer zur Mess nach Hause

Als ich gelesen habe, dass dieses Jahr die Ipfmesse ausfällt, war ich als Bopfingerin natürlich sehr traurig. Die Mess ist Pflicht, normalerweise komme ich dafür immer extra nach Hause. So war es auch dieses Jahr geplant. Wann ich wieder kommen kann, hängt davon ab, wann die Reisebeschränkungen aufgehoben werden. Ich hoffe natürlich, bald.

Zurück zur Übersicht: Bopfingen

WEITERE ARTIKEL