Im Dialog mit jüdischen Menschen

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Kein Vortrag, sondern eine Fragerunde: Die Besucherinnen und Besucher haben die Chance, mit Claudia Marx-Rosenstein (rechts, schwarzes T-Shirt) und David Holinstat (Mitte) zu sprechen und mehr über jüdisches Leben zu erfahren.
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In der ehemaligen Synagoge in Oberdorf fand am Sonntag ein Begegnungsprojekt des Zentralrats der Juden statt. Was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erfahren haben.

Bopfingen-Oberdorf

Kennen Sie einen Juden? Wissen Sie, wie jüdisches Leben aussieht, was es bedeutet, als Jüdin in Deutschland zu leben, oder welche Umstände damit verbunden sind? Am Sonntag konnten Interessierte in der ehemaligen Synagoge in Oberdorf darauf Antworten bekommen.

Miteinander statt übereinander

Claudia Marx-Rosenstein und David Holinstat haben im Rahmen des Projekts „Meet a jew“, das vom Zentralrat der Juden Deutschland getragen wird und unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier steht, gemeinsam mit dem Trägerverein „Ehemalige Synagoge Oberdorf“ zu einer besonderen Veranstaltung eingeladen. Unter dem Motto „Miteinander reden statt übereinander“ soll dabei der persönliche Kontakt im Vordergrund stehen.

Michael Freiherr von Thannhausen, Vorsitzender des Vereins, freute sich, nach eineinhalb Jahren wieder eine Veranstaltung durchführen zu können. Neben den beiden Referenten konnte er auch Margit Stumpp, Mitglied des Bundestags, sowie interessierte Mitbürgerinnen und Mitbürger begrüßen.

Ein anderes Bild schaffen

„Es ist wunderschön hier“, sagt David Holinstat . Der US-Amerikaner, der in den 80 er Jahren als Ingenieur nach Deutschland kam, lebt gerne hier, betont er. Mit dem Projekt „Meet a jew“ wollen die 350 Ehrenamtlichen erreichen, das man ein anderes Bild von Jüdinnen und Juden bekommt, als es gemeinhin in den Köpfen der meisten Menschen verankert sein dürfte. Holinstat beziffert, dass nur ein geringer Teil, nämlich lediglich 5 Prozent der etwas über 200 000 in Deutschland lebenden Juden orthodox sei. Deren Bild habe sich aber, auch dank medialer Berichterstattung, eingeprägt. „Wir sind keine Exoten“, macht auch seine Kollegin Claudia Marx-Rosenstein deutlich.

Berührungsängste vorhanden

Die Pädagogin, die ursprünglich aus Brasilien stammt und gemeinsam mit Holinstat in Stuttgart in der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in der sogenannten Repräsentanz, ähnlich einem Gemeinderat, tätig ist, spricht aus, was sie bewegt. „Wenn jüdisches Leben normal in der Gesellschaft wäre, dann würde ich nicht hier sitzen.“

Kein Leben in der Synagoge

Deutlich wird in der Fragerunde, dass es tatsächlich so etwas wie Berührungsängste gibt, man wenig oder gar nichts voneinander weiß. „Jüdisches Leben wird in Deutschland nie normal sein“, betont Claudia Marx-Rosenstein und bedauert außerdem, dass es kein Leben in der Oberdorfer Synagoge mehr gibt.

Ein Miteinander funktioniert nur, wenn man sich kennt, machen die beiden Moderatoren deutlich. Unterschiede gibt es, ganz klar, aber die gibt es bei allen Religionen. Fragt man aber beispielsweise jemanden, der die Juden hasst, ob er überhaupt einen kenne, käme meistens die Antwort „Nein, aber ...“ Und genau hier liegt das Problem. „Warum müssen wir immer betonen, dass wir eigentlich gute Menschen sind?“, fragt sich Claudia Marx-Rosenstein. Margit Stumpp wirft ein, vielleicht gerade im ländlichen Raum mehr über jüdische Bräuche oder Feiertage zu informieren, um so vielleicht mehr Transparenz in die Bevölkerung zu bringen.

„Tragen Sie eine Kippa in der Öffentlichkeit?“, wird David Holinstat gefragt, woraufhin die Antwort kommt, dass er keine trage, was aber nichts mit Angst zu tun habe.

Und so hat die Fragerunde gezeigt, wie wichtig es ist, in den Dialog zu treten, Vorurteile abzubauen und den gemeinsamen Weg zu suchen, ohne jemanden aufgrund seiner religiösen Ausrichtung in eine Schublade zu stecken.

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