Bürokratie raubt Zeit für Patienten

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Dr. Konrad Scheuermann und seine Frau Margarete in ihrer Praxis am Stadtgarten in Bopfingen.

Dr. Konrad Scheuermann führt seit 40 Jahren eine Zahnarztpraxis in Bopfingen. Im Interview spricht er über Veränderungen in der Branche und die Arbeit in Zeiten von Corona.

Bopfingen

Seit 40 Jahren praktiziert Dr. Konrad Scheuermann in Bopfingen als Zahnarzt. Viel hat sich verändert in den vergangenen Jahrzehnten. In Zeiten von Ärztemangel, Bürokratie und Corona blickt er im Gespräch mit SchwäPo-Redakteur Martin Simon zurück.

Herr Dr. Scheuermann, erinnern Sie sich noch an die Anfänge in Bopfingen?

Dr. Konrad Scheuermann: Sehr gut. Ich hatte das Physikum in Medizin und Zahnmedizin absolviert und entschied mich dann dafür, Zahnarzt zu werden. Nach Staatsexamen und Promotion habe ich mich in vier Assistenz-Jahren gezielt für die Niederlassung auf dem Lande vorbereitet.

Was meinen Sie damit?

Da es jenseits der Ballungsräume keine Fachpraxen gab, wollte ich vorbereitet sein. So bildete ich mich in der Kieferchirurgie des Sindelfinger Krankenhauses oralchirurgisch weiter und engagierte mich ebenso in der Kieferorthopädie.

Und wie kamen Sie auf Bopfingen?

Auch der ländliche Raum im Osten des Ostalbkreises war 1979 zahnärztlich unterversorgt, insbesondere Unterschneidheim, Lauchheim und Bopfingen. Es gab keine fachchirurgischen Zahnarzt-Praxen mit Spezial-Röntgengeräten für Oralchirurgie und Kieferorthopädie im östlichen Altkreis Aalen.

Wann ging es los in Bopfingen?

1980 war es soweit: In neuen Räumen im Burgstallweg am Stadtgarten habe ich meine Praxis eröffnet. Ich bot das Diagnose- und Therapiespektrum für den allgemeinzahnärztlichen Bereich sowie die kieferorthopädische und die ambulante oralchirurgische Fachdisziplin. Für eben diese Fachbereiche veranstaltete ich ab 1983 interdisziplinäre Fortbildungen mit Professoren der süddeutschen Universitäten.

Sie waren auch darüber hinaus außerhalb der Praxis tätig.

Ja, ich machte bei Bedarf Hausbesuche und kümmerte mich um Prophylaxe-Schulungen in den hiesigen Kindergärten.

Seit wann ist ihre Frau Teil des Praxisteams?

Als Fachzahnärztin für Kieferorthopädie übernahm meine Ehefrau Dr. Margarete Scheuermann 1992 sämtliche kieferorthopädischen Behandlungen als separaten Teil der fachübergreifenden Gemeinschaftspraxis.

Sie sind auch an der Berufsschule tätig.

Ich machte damals bei Bedarf auch Hausbesuche.

Dr. Konrad Scheuermann Zahnarzt

Die Berufsschule Ellwangen gab es damals noch nicht, sodass ich seit 1989 im Auftrag der Zahnärztekammer Stuttgart eine Prüfungskommission an der Berufsschule Schorndorf führe.

Sie kümmern sich auch um Patienten der Wachkoma-Klinik.

Nach deren Einrichtung hat mir die Pflegedirektion des Ostalbklinikums die zahnärztliche Betreuung der dort untergebrachten Menschen anvertraut. Dazu gehören auch halbjährliche Schulungen des Pflegepersonals. Gleiches gilt für das DRK-Altenpflegeheim, um dessen Heimbewohner ich mich auf Wunsch des Roten Kreuzes seit 2010 ebenfalls regelmäßig kümmere.

Wie bedeutend ist diese Arbeit?

Sie wird immer wichtiger, denn früher hatten Menschen im Alter nur noch wenige Zähne und deshalb zumeist totale Prothesen. Wegen der guten zahnärztlichen Versorgung und der damit verbesserten Zahn- und Mundpflege haben alte Menschen heutzutage eher viele Zähne und selten totalen Zahnersatz. Hinzu kommt eine steigende Lebenserwartung, sodass sehr alte und pflegebedürftige Mitmenschen nicht nur zuhause, sondern auch in den Heimen zahnärztliche Betreuung benötigen.

Gibt es einen Leitsatz in Ihrer Arbeit?

Hier, wie auch im Praxisalltag orientierten wir uns bei den Behandlungen stets am Menschen beziehungsweise an dem, was wir als Patient ebenfalls bereit wären – bei uns selbst – als angemessen und gut zu akzeptieren. Die insbesondere in Großstadtpraxen zunehmende Bedarfsweckung von üppigen Behandlungen ist für uns kein Thema, zumal nicht alles, was man machen kann, auch sinnvoll ist.

Was hat sich verändert in Ihrer Arbeit?

Insgesamt negativ ist, wie sehr die penetrant zunehmende und teils unsinnige Bürokratie die eigentliche Arbeit und die Zeit für die Patienten fortwährend beeinträchtigt.

Das ärgert Sie?

Ja, aber nicht nur das, denn in nicht unwesentlichem Maße trägt auch dies dazu bei, dass immer weniger Ärzte bereit sind, die Verantwortung für eine Praxis im ländlichen Raum zu tragen. Deshalb werden allenthalben Medizinische Versorgungszentren gegründet. Aber in diesen zunehmend nicht wohnortnahen und in erster Linie nach Gewinn ausgerichteten Zentren wird es für Patienten eher unwahrscheinlich sein, immer ihren vertrauten Behandler anzutreffen.

Anders als bei Ihnen ...

… und bei Kolleginnen und Kollegen, die wie wir arbeiten. Denn selbst wenn man mal länger warten muss, wir sind vor Ort, es wird niemand abgewiesen. Wir sind verlässlich für Patienten da – falls nötig und nach Vereinbarung auch außerhalb der Sprechstunden.

40 Jahre sind ein lange Zeit.

Die penetrant zunehmende Bürokratie beeinträchtigt die Arbeit am Patienten.

Dr. Konrad Scheuermann

Vier Jahrzehnte pflichtbewusster Praxisführung ohne Unterbrechung zur zahnärztlichen Versorgung im ländlichen Raum sind nicht die Regel und ebenso eine Gelegenheit, sich für das über die Jahre entgegengebrachte Vertrauen ganz herzlich zu bedanken. Besonderer Dank gebührt unseren guten und treuen Mitarbeiterinnen. Und von den demnächst 22, die eine erfolgreiche Ausbildung bei uns absolvierten, verwirklichte eine sogar ihren Herzenswunsch und wurde Zahnärztin!

Und wie ist es mit der Behandlung in Zeiten von Corona?

Ja, das ist so eine Sache, und wenn man über das Virus die entscheidenden Dinge genau wüsste, gäbe es nicht so viel Unsicherheit innerhalb und außerhalb der Wissenschaft.

Wie gehen Sie damit um?

Nun, Ärzte und Zahnärzte haben einen Sicherstellungsauftrag und können deshalb nicht ohne weiteres schließen. Ärzte haben gegebenenfalls Teile der Sprechstunde eventuell am Praxisfenster im Erdgeschoss abgewickelt. Das ist bei uns nicht möglich. Im März wollte uns die Politik erst mal vorschreiben, welche Geräte Zahnärzte verwenden dürfen …

Wie setzt man das um?

Die Verantwortung einer Behandlung trägt der jeweilige Behandler. Aus diesem Grunde kann es nur um eine mit dem Patienten abgesprochene Behandlung unter Einhaltung der machbaren Hygienemaßnahmen gehen. Das heißt, nicht wir, sondern die Patienten legen den Mundschutz von sich aus ab. Gestern, als ich in die Wachkomastation gerufen wurde, habe ich dort unter anderem einen Ganzkörperschutz getragen.

Kommen momentan alle Patienten?

Nein, viele verlegen ihre Termine.

Und wie sieht es mit der künftigen zahnärztlichen Versorgung auf dem Lande aus?

Ich denke, das wird, wie schon 1980, schwierig bleiben. Und das ist dann selbst für jene ein Problem, wenn sie im Alter nicht mehr so mobil sind, um das auswärtige Shoppen mit einer dortigen Behandlung zu verbinden.

Machen Sie weiter?

Ja, so lange meine Hände ruhig sind, kümmern wir uns in der Praxis am Stadtgarten gerne weiterhin um jeden Patienten.

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