Was Flick sicher besser macht als Löw

+
"Die Hansi Flick Story" - Christof Kneer, Leiter Fußball bei der Sportredaktion der Süddeutschen zeitung, las in Bopfingen aus seinem Buch und gab Eindrücke zum aktuellen Fußball zum Besten.
  • schließen

Christof Kneer liest in Bopfingen aus seiner jüngst erschienen „Hansi Flick Story“

Bopfingen. „Dies wird sicher ein interessanter Abend mit vielen neuen Eindrücken aus dem Fußball“, sagte Bürgermeister Dr. Gunter Bühler in seiner Begrüßung zur Lesung des Leiters Fußball der Sportredaktion der Süddeutschen Zeitung, Christof Kneer. Kneer, gebürtiger Bopfinger, werde sich auch dem Thema widmen, warum die vergangene Europameisterschaft und die letzte WM 2018 „nicht so toll gelaufen sind“.

Christof Kneer las aus seinem vor kurzem erschienenen Buch „Die Hansi Flick Story“, beschäftigte sich aber auch mit dem Zustand des deutschen Fußballs nach Jogi Löw. So lautete der Titel der Veranstaltung „Isch over: Jogi Löw geht, Hansi Flick kommt – oder können die Deutschen nicht mehr kicken?“ Und: waren die Jahre seit der WM 2018 drei verlorene Jahre?

Zunächst schildert Kneer aber zwei Geschehnisse aus Hansi Flicks fußballerischer Karriere, jeweils im Trikot des FC Bayern. 1989 spielte er mit Bayern gegen den SSC Neapel, mit Diego Maradona. Im Hinspiel in München „kümmerte“ er sich um diesen, die Schlagzeilen lauteten „stark im Zweikampf, nach vorne wenig Akzente“. Flick musste nach einem Ellbogenschlag im Gesicht geklammert werden und spielte weiter. Im Rückspiel revanchierte sich der Argentinier mit einem groben Foul an Flick. Ein Jahr zuvor ging es gegen Real Madrid, damals mit Hugo Sanchez, „einem üblen Provokateur und Schauspieler“. Flick sagte in der Pause des Spiels in München zu seinen Kollegen: „Überlasst ihn mir – und nietete Sanchez regelgerecht um“, wie der Autor aus seinem Buch liest.

Löw hat drei Turniere vercoacht

Zweites Thema war die vergangene EM – oder „wie Löw die deutschen Spiele vercoachte“. Zum Beweis führt er Stellungnahmen von Mats Hummels und Joshua Kimmich nach der EM auf, nach denen mehr drin gewesen wäre – sinngemäß mit einer anderen Aufstellung und Taktik. Die Mannschaft habe zu defensiv gespielt, weil die Offensive nicht trainiert worden war, und dazu mit einigen Spielern auf der falschen Position. Und Löws Begründung, Corona habe den Aufbau der Mannschaft unmöglich gemacht – eine Ausrede, „denn in Italien hat ebenfalls Corona gewütet“, sagt Kneer. Und führte weitere Beispiele für falsches Coaching aus der Vergangenheit an, wie die Spiele bei der WM 2010 gegen Spanien und bei der EM 2012 gegen Italien mit dem „Pirlo-Syndrom“.

Dass Hansi Flick da anders gestrickt ist, zeigt Kneer an Hand des Champion-League-Turniers 2020 auf. „Da ist Bayern von Anfang an gegen jeden Gegner – siehe die Spiele gegen den Favoriten Barcelona und Paris – sofort ohne abwarten ins Pressing gegangen und ließ ihnen keine Luft – und hat gewonnen“, beschreibt er. „Bayern hatte bei Flick Spielfreude und jeder wusste, was der andere tut – und jeder hatte auf jeder Position klare Vorgaben, wie die Spieler danach erzählten“, ergänzt der Autor. „Wie bei Pep Guardiola.“

Menschenfreund kann hart sein

Ein weiteres Beispiel für den Menschenfreund, den Kümmerer Flick und wie er die Bayern-Bosse endgültig überzeugte: In der Corona-Unterbrechung 2020, mit der ja niemand Erfahrung hatte, entwickelte Flick mit den Fitnesstrainern einen Trainingsplan für Cyber-Training und war immer dabei. Er fuhr selbst Geräte zu den Spielern, um mit ihnen im persönlichen Kontakt zu bleiben, sprach mit ihnen immer wieder persönlich und über Skype – was Löw nicht machte. Zitat Uli Hoeneß: „Er hat unheimlich angepackt.“ Aber auch Beispiele für die Härte und Zielstrebigkeit von Flick, wenn er sie für angebracht hält, kommen. So bricht er mal eine Trainingseinheit ab, weil die Mannschaft unkonzentriert wirkt – was bei den Spielern gut ankommt, oder er wechselt Leroy Sané ein – und wieder aus. Oder wie er sich selbst bei Uli Hoeneß für einen Posten bei Bayern ins Gespräch bringt.

Solche und ähnliche Gegebenheiten über die Arbeitsweise von Hansi Flick schildert Kneer noch mehr, aus seiner Zeit als Jugendtrainer in Hoffenheim, als Sportdirektor beim DFB oder seinen Traineranfängen in Bammental, Witz, Ironie und auch Überspitzung sorgen immer wieder für Lacher im Publikum. Begleitet werden diese Schilderungen durch Folien auf einer Leinwand – ebenfalls witzig gehalten.

Den Schluss nach 90 Minuten „Spielzeit“ von Kneer bilden eine kurze Fragerunde und dann Gespräche mit den Besuchern. Um solche Bücher oder auch Artikel mit Aussagen von Spielern und Trainern zu Internas zu schreiben, brauche man deren Vertrauen darin nicht alles zu schreiben, was erzählt wird, genau abzuwägen, lautet Kneer´s Fazit. Jürgen Eschenhorn

Zurück zur Übersicht: Stadt Bopfingen

Mehr zum Thema

WEITERE ARTIKEL

Kommentare