Redakteur Erik Roth begleitet Hilfskonvoi

Tag 2: Von der ukrainischen Grenze nach Hause zurück

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Eine schwangere Frau mit fünf Kindern möchte mit uns kommen.
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Zehn Frauen und Männer machen sich auf den Weg an die ukrainische Grenze, um Menschen im Krieg zu helfen. Mit an Bord: die Schwäbische Post.

Dirgenheim/Przemyśl. Ein sonniger Freitagmorgen in Dirgenheim bei Kirchheim am Ries. Dort haben Kinga und Joe Putschögl ihren Wohnmobilverleih "Kings Wohnmobilvermietung". Mit einem starken Fuhrpark, der nun Menschen in der Ukraine helfen soll. SchwäPo-Redakteur Erik Roth begleitet Joe und Kinga, die von Freunden und Bekannten auf ihrer Reise an die ukrainische Grenze unterstützt werden.

Es sind zehn Menschen in sechs Fahrzeugen, die sich auf die Reise machen. Von Dirgenheim geht es nach Przemyśl in Polen, nahe der ukrainischen Grenze. Im Gepäck sind Medikamente und Verbandszeug, Essen und Hygieneartikel, Decken und Kleidung. 

Nachklapp - wir sind heil zurück!

Liebe Leserin, lieber Leser, 
danke, dass Sie den Kinga und Joe Putschögl mit ihrem Hilfskonvoi mit der Schwäbischen Post zusammen verfolgt haben. Dieser Nachklapp wird am Montag, 7. März, verfasst. Wir sind alle heil wieder zu Hause angekommen. 26 Menschen haben sich dazu entschieden, mit uns zu kommen. Danke an alle, die den Konvoi unterstützt und verfolgt haben. Was geschehen ist, was die Helferinnen und Helfer geleistet haben und wie unser Heimweg war, lesen Sie hier. 

Tag 2: Samstag, 5. März

14.44 Uhr: Kurze Info!: Dem gesamten Konvoi geht es gut! Wir waren erfolgreich und sind mit 26 Menschen seit einigen Stunden auf dem Rückweg. Aber: Wir sind alle sehr erschöpft! Wir sind auf dem Weg nach Görlitz, wo wir von einer Gruppe von Feuerwehrleuten als Fahrer abgelöst werden. Dann müssen wir uns ausruhen. Gegen Mitternacht sind wir voraussichtlich wieder zu Hause. Und dann folgt auch alles, was bis da hin passiert ist....

3.07 Uhr - was nun? Was mit dem Krankenhaus geschieht, nachdem die Helfer sich auf den Weg machen, erfahren wir nicht. In der Ferne hört man Sirenen. Vermutlich die der polnischen Polizei. Sie klingen gespenstisch - zumindest, wenn man sie nicht gewohnt ist. Der Parkplatz eines Einkaufszentrums ist unser nächstes Ziel. Die eine Straßenseite: Geschäfte und parkende Autos, in denen teilweise Menschen schlafen. Auf der anderen Seite herrscht der humanitäre Ausnahmezustand. Ein Gebäude, das nur noch durch vereinzelte Schriftzüge von Einkaufsketten als Einkaufszentrum zu erkennen ist, dient Hunderten, wenn nicht Tausend Menschen als Unterkunft. Schlafende Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, liegen eng an eng zugedeckt, mit dem, was da ist: Decken, Schlafsäcke, Jacken. Als Kissen müssen oft auch Taschen oder Rucksäcke herhalten. Es ist stickig warm in der Unterkunft. Einige der Geflohenen haben Tiere, wie Hunde oder Katzen, dabei. Die Palette der Emotionen, die man in den Gesichtern erahnen kann, reicht weit. Kinder etwa wirken, als könnten sie trotz allem ihren Spielsachen Freude abgewinnen. Vielen Heranwachsenden sieht man die Erschöpfung an. Bei Älteren sieht man häufig leere Blicke.

Auch an Babymaterial hat der Konvoi gedacht.
Die erste Gruppe, die sich uns anschließt.

2.30 Uhr - die Grenze der Ukraine. Einzelne Schneeflocken fallen auf das weiß lackierte Holzbrett, auf das ich das Wort "Niemcy", das polnische Wort für Deutschland schreibe. Nur das rhythmische Blinken der Warnblinkanlagen dient mir als Lichtquelle. Eigentlich hatten sich Joe und ich darauf geeinigt, dass wir als Schild-Schreiber ausscheiden. Klassicher Fall von hässliche Schrift. Aber nicht mit unserer Organisatorin. "Nichts da!", stutzt mich Kinga zurecht. Na gut. Dann runter mit dem Eddingdeckel und los. Mit den Schildern wollen wir Menschen finden, die mit uns nach Deutschland kommen wollen. Zum ersten Mal treffen wir Sarah, eine junge Frau, die bis zu diesem Zeitpunkt unser Kontakt zur Grenze war. Sie ist 29 Jahre alt, und ist seit einer Woche hier. Sie bringt uns zu einer kleinen Halle. Dort laden wir Stromaggregate, Gasflaschen und Lampen ab - alles, was wir außer unseren Habseligkeiten und dem Proviant noch haben. Andere Transporter liefern Wasser, Hygieneartikel und Essen. Die Nachricht, dass ein Krankenhaus hinter der Grenze von der Strom- und Wärmeversorgung abgeschnitten wurde, trifft ein. Was am Tag noch ein heiteres Anpacken war, wird zu einer hektischen, aber koordinierten Anstrengung. Die Menschen im Krankenhaus brauchen Hilfe. Schnell.

0.47 Uhr - das letzte Stück vor dem Ziel. Wir haben das letzte Mal Rast gemacht, aufgetankt, uns ausgetauscht. Nächster Halt: die Grenze der Ukraine, dem Land in Europa, in dem gerade Krieg herrscht. Die Lage sei für unser Leib und Leben nicht gefährlich, sagt Organisatorin Kinga. Aber dramatisch. Wie weit wir kommen, ist nicht klar. Das Ziel schon: Menschen die Flucht nach Deutschland ermöglichen. Die drei Gasaggregate, die wir noch an Bord haben, könnten unser Passierschein sein, der uns genau zu diesen Menschen bringt. Mittlerweile sitze ich nicht mehr neben Kristof, sondern neben Joe, Kingas Ehemann. Mit der näher rückenden Grenze wird mir etwas mulmig im Magen. Ich frage Joe, was ihn geritten hat, diese Reise anzutreten. Er hat die Situation sowieso verfolgt. Im Frankreichurlaub hat er sich eine Reportage angesehen. "Da siehst du Frauen mit leeren Blicken, die ihre Kinder festklammern und der Mann zieht in den Krieg." Dabei sei erwähnt: besagter Frankreichurlaub endete am vergangenen Dienstag. Joe und Kinga haben die Idee besprochen, alle Zelte abgebrochen und haben sich nach Deutschland aufgemacht. Drei Tage darauf bewegen wir uns auf das Land zu, auf das ganz Europa - wenn nicht die ganze Welt - derzeit blickt.

Tag 1: Freitag, 4. März

20 Uhr - Die Grenze rückt näher. Wie viele Kilometer uns noch von unserem Ziel trennen? Keine Ahnung. Mehrere hundert müssen es noch sein. Es ist dunkel geworden, Schnee setzt ein, wird zu Regen, hört auf. Auf der Straße sehen wir Nummernschilder verschiedener Nationen. Polnische, deutsche, ukrainische, russische.

18 Uhr - Die erste Lieferung ist abgeladen. Wirklich beeindruckend ist es, wie herzlich die Menschen helfen. Die Hände der gut 30 Menschen vor dem polnischen Gemeindehaus räumen unsere sechs Transporter genauso fix leer, wie die beiden von Jessica Wolff und Waldemar Fiedler aus Tamm im Kreis Ludwigsburg. Die Helferinnen und Helfer, darunter zwei Jungs, 13 und 14 Jahre alt, holen die einzelnen Pakete aus den Laderäumen, damit andere sie leichter anpacken können. Auch wenn der Anlass ernst ist, lassen sich die Menschen vor Ort nicht die Freude am Helfen nehmen. Sie machen Späße, es wird gelacht - nur, um gleich darauf das nächste Paket oder den nächsten Sack zu schnappen und weiterzumachen. Ist alles ausgeräumt, geht es für uns schon weiter. Zwei Ecken weiter dürfen wir bei unseren Freunden einkehren und uns stärken. Es gibt Kartoffelbrei, Schnitzel und Salat. Lecker und notwendig. Nach der langen Fahrt knurren die Mägen. Die Stimmung ist ausgelassen, fast familiär. Es wird gescherzt, gelacht, sich ausgeruht. Ich genieße die Pause. Gleichzeitig hoffe ich, dass es nicht "die Ruhe vor dem Sturm" ist, bevor wir in Richtung ukrainische Grenze fahren. 

14.40 Uhr - Willkommen in Polen! Erste Amtshandlung hinter der Grenze. Tanken. Volltanken. Beim ersten Blick auf die Spritpreise klappt die Kinnlade runter - dann fällt mir ein: In Polen bezahlt man mit Zloty. Und dessen Kurs liegt unter dem Euro. Trotzdem ist der Dieselpreis hoch, betont Fahrer Kristof. "Sehr hoch." Nächster halt: ein Baumarkt. Schon während der Fahrt hat Organisatorin Kinga in die Wege geleitet, dass wir die Gasaggregate nur noch bezahlen und abholen müssen. Ich selbst friere, habe die Kälte unterschätzt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es den Menschen geht, denen in diesem Moment das Gas zum Heizen ausgeht. Wir sorgen zwar für Nachschub, zuerst müssen wir aber unsere Hilfsgüter abladen - und uns stärken.

13.24 Uhr - die polnische Grenze: Über die Autobahnen der Republik nähern wir uns unserem Ziel. Dresden haben wir bereits hinter uns gelassen und nähern uns Bautzen. Auf dem Weg liegt noch Görlitz - dann sind wir in Polen. Fahrer Kristof und ich trauern unserem kaputten Radio hinterher, die Sonne hatte Schichtwechsel mit einer grauen Nieselsuppe, und auf der Autobahn haben wir einen Militärkonvoi der US-Armee "getroffen". Organisatorin Kinga hängt die meiste Zeit am Hörer und tauscht sich mit unseren Partnern hinter der polnischen Grenze und vor der ukrainischen Grenze aus. Was sie dabei erfahren hat: Den Menschen geht langsam die Energie zum Heizen aus. Ob wir Stromaggregate mitbringen können, ist die Frage. Wir werden es auf jeden Fall versuchen! Unsere Hilfsgüter laden wir kurz nach der polnischen Grenze ab - die gehen von dort aus direkt zu den Menschen, die sie brauchen. Für uns geht es anschließend weiter - Menschen bei der Flucht helfen, ist das Ziel. Bis sie aber unsere freien Plätze füllen, sollen es Stromaggregate tun, doch die müssen wir erst einmal auftreiben. 

8.25 Uhr - Abfahrt. Erste Etappe: die Autobahn 7. Fahrer Kristof hört alle möglichen Musikrichtungen, erzählt er. Auch Rock. Der Rocksender wird gewählt. Kenny Loggins singt vom "Highway to The Dangerzone", der Autobahn in die Gefahrenzone. Es folgt Bachman-Turner Overdrive mit "You Ain't Seen Nothing Yet" - du hast noch gar nichts gesehen. Musik, die auf der Reise zum Nachdenken anregt. Wird es gefährlich? Was werden wir sehen? Das lässt sich nach gut drei Stunden Fahrt noch nicht sagen. Sicher ist: Das Ziel des privaten Hilfskonvois ist klar - Menschen in Not helfen. Komme, was wolle.

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