Tod des kleinen Nick: Retter schildern die Todesnacht

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Am Mittwoch, 4. Mai, wird weiterverhandelt. Dann will Nicks älterer Bruder aussagen.
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Die Mutter des toten Nicks sagt vor Gericht nicht aus - gibt aber RTL ein TV-Interview. Nach Analyse der Bissspuren meint die Gutachterin, diese stammen zu 98 Prozent vom Angeklagten. Von

Ellwangen/Bopfingen

Prozesstag 4 im Verfahren gegen den 33-Jährigen, der den Tod des 23 Monate alten Nick aus Bopfingen-Aufhausen verschuldet haben soll: Im Mittelpunkt stehen Aussagen von Rettungskräften und Medizinern. Für einen Paukenschlag sorgt Oberstaatsanwalt Dirk Schulte mit der Nachricht, dass die Mutter dem TV-Sender RTL ein Interview gab. „Vor Gericht sagt sie nichts, aber RTL gibt sie Interviews“, ist Verteidigerin Sarah Schwegler „irritiert“. Vorsitzender Richter Bernhard Fritsch teilt die Irritation, lässt es aber zu, dass der TV-Beitrag gezeigt wird.

Mutter belastet den Angeklagten

In diesem Video belastet die Mutter den Angeklagten schwer. Der habe ihr Vertrauen erschlichen. Als sie ihn auf Nicks Verletzungen ansprach, auf die sie ihr älterer Sohn hingewiesen habe, habe der Angeklagte gedroht, den älteren Bruder zu verprügeln, sollte er diese Vorwürfe wiederholen. Der Angeklagte habe ganz am Ende wörtlich zu ihr gesagt: „Jetzt, wo er tot ist, habe ich ihn doch gemocht, als er gelebt hat, habe ich ihn gehasst.“ Sie sei traurig, mache sich Vorwürfe, sagt die Mutter im Video auch. Beweiskraft hat das Video nicht.

Retter im Zeugenstand

Ihre Erinnerungen an die vergebliche Rettung des Kindes schildern dann eine Notfallsanitäterin und zwei Notfallsanitäter sowie der damals diensthabende Notarzt Dr. Horst Köddermann. Einhellig berichtet jeder, dass die Wohnung in Aufhausen „düster und unaufgeräumt“ war. Das Kind habe eine „Art Windel getragen“. Der Junge „sei „sehr dünn, fahl“ gewesen, habe eine „aufgeblähte Bauchdecke“ gehabt, sein Körper sei mit „Blutergüssen übersät“ gewesen. Die Mutter habe gesagt, der Junge habe sich mittags übergeben und sei nun seit 30 Minuten leblos. Die Retter waren gegen 22.30 Uhr vor Ort.

Die Sanitäter sagen einhellig, sie hätten rasch erkannt, dass das Kind in kritischem Zustand war. Reanimationsmaßnahmen seien sofort eingeleitet worden. Verwundert waren sie, dass die Mutter und der Angeklagte sehr ruhig gewesen seien, kaum Nachfragen hatten. In vergleichbaren Fällen stünden Eltern unter viel größerer Anspannung, seien oft kaum zu beruhigen.

Dr. Köddermann berichtete, dass der Junge zehn bis zwölf Minuten reanimiert wurde, aber keine Vitalfunktionen erreicht werden konnten. Die Reanimation wurde im Rettungswagen fortgesetzt, das Ostalb-Klinikum entsprechend informiert.

Köddermann berichtet weiter von „Hämatomen unterschiedlichen Alters“ und von „Bissspuren“ am Körper des Jungen. Ihm sei klar gewesen, dass hier ein „schweres Verschulden Dritter“ vorliege, weshalb er die Polizei informierte. Köddermann sagt sehr emotional: „Das Kind ist über einen langen Zeitraum mit unglaublicher Brutalität gequält worden“ - Dafür fängt er sich von Richter Fritsch einen Rüffel ein. Er sei hier nicht als Sachverständiger, sondern als Zeuge geladen und solle sich auf Fakten beschränken. Sein emotionaler Ausbruch trage nichts zur Sache bei, entließ der Richter den Arzt.

Danach schildert Dr. Matthias Müller, leitender Oberarzt in der Notaufnahme am Ostalb-Klinikum, den vergeblichen Kampf um das Leben des Kindes. Auch im pädiatrischen Schockraum sei es nicht gelungen, die Herz-Kreislauf-Funktion des Kindes in Gang zu bringen. Dr. Müller berichtete von einem „Kind, das offenkundig massiver Gewalt ausgesetzt war“. Er sprach von Bissspuren an Ober-, Unterschenkel und im Gesicht. Der Junge habe viel Flüssigkeit im Bauchraum gehabt - Milz und Leberflüssigkeit, wie sich viel später herausstellte. Organverletzungen habe man bei der Behandlung nicht feststellen können. Die Verletzung im Bauchraum sei ähnlich einer Huftrittverletzung zu bewerten, beschrieb es der Arzt. Um 23.19 Uhr sei das Kind für tot erklärt worden. Zwischen 0 und 0.30 Uhr habe er die Mutter und den Angeklagten, die in der Klinik waren, darüber informiert. Deren Reaktion? Eher verhalten.

Die Bissspuren sind analysiert

Mit den Bissspuren hat sich die zahnmedizinische Sachverständige Dr. Gabriele Lindenmeier (München) befasst. Sie hat transparente Gebissabdrücke des Angeklagten gefertigt und diese über Fotos der Bissspuren gelegt. Ihr Fazit: „Zu 98 Prozent, also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, stammt die Bissspur am Unterschenkel des Kindes vom Angeklagten.“

Kinderärzte bemerkten nichts

Danach wird die Kinderärztin Dr. Birgit Aldinger vernommen, die Nick im Alter von drei Wochen bis zur U 5, im Alter von sieben Monaten, ärztlich betreut hat. Es habe keinerlei Auffälligkeiten gegeben, bis auf den Umstand, dass der Kleine und seine Geschwister an Krätze litten.

Diese Krankheit diagnostizierte später auch der Bopfinger Kinderarzt Dr. Otto Penner bei Nick. Der war bei ihm in Behandlung, seit die Mutter in Aufhausen lebte. Auffälligkeiten habe es zunächst nicht gegeben, alles sei normal gewesen, bis zum 22. September 2021. Da sei der Junge zu ihm gebracht worden mit Hämatomen an Wangen, Stirn und Ohren. Grenzwertig sei dies gewesen, aber er habe dies als Folgen eines ihm geschilderten Unfalls gedeutet, sich aber vorgenommen, sehr genau hinzuschauen, falls so etwas erneut auftritt.

Mehr zur Gerichtsverhandlung: 

Prozesstag 1: Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

Prozesstag 2: Fall des zu Tode misshandelten Jungen: Es gibt keine Zeugen für den Tritt

Prozesstag 3: Getöteter Zweijähriger: Mutter sagt vor Gericht nicht aus

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