Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

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Der Angeklagte neben seinen Verteidigerinnen verbirgt sein Gesicht unter einer schwarzen Mütze. Bislang hat er geschwiegen und will sich auch in der Verhandlung nicht äußern.
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33-Jähriger wird im Fall des zu Tode gequälten Kindes in Aufhausen wegen Totschlags angeklagt. Er kann im Laufe des Verfahrens aber auch wegen Mordes verurteilt werden.

Ellwangen/Bopfingen

Auf grausamste Weise ist im Oktober 2021 ein 23 Monate alter Junge in Aufhausen zu Tode gequält worden. Am Montag hat am Landgericht Ellwangen der Prozess gegen den 33-jährigen damaligen Lebensgefährten der Mutter des toten Jungens begonnen.

Kamerateams, Journalisten, viele Besucher - gut gefüllt ist der Gerichtssaal zur Verhandlung der 1. Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Bernhard Fritsch. Beisitzende Richter sind Thomas Dietrich und Johannes Wex. Zwischen seinen beiden Verteidigerinnen hat der Angeklagte Platz genommen, das Gesicht unter einer Mütze verborgen. Elf Verhandlungstage sind angesetzt, am ersten klärt Richter Fritsch Strukturelles. Das Wichtigste: Die Anklage lautet auf Totschlag in Tateinheit mit der Misshandlung eines Schutzbefohlenen und nicht auf Mord. Das Gericht habe nach Aktenlage noch keine hinreichenden Hinweise für Mord, das könne sich aber im Laufe der Verhandlung ändern, sagte Fritsch.

Der Angeklagte schweigt weiter

Der Angeklagte sitzt seit 23. Oktober 2021 in Untersuchungshaft. Bislang hat er sich nicht geäußert. Über seine Anwältinnen lässt er wissen, er werde auch jetzt nichts sagen. Der Mann stammt aus Rothenburg ob der Tauber, war zuletzt in einem kleinen Ort im Landkreis Ansbach gemeldet. Er ist ledig, Deutscher, von Beruf Bauhelfer.

Wie Oberstaatsanwalt Dirk Schulte in der Anklageschrift berichtete, stand der Angeklagte seit Ende März 2021 in einer Beziehung mit der Mutter des toten Jungen. Zunächst sei er nur wochenends in Aufhausen gewesen, ab Oktober 2021 habe er dort ständig mit der Frau gelebt. Der kleine Junge sei dann dauerhaft in seiner Obhut gewesen.

Er habe den Jungen gequält und misshandelt. Der Bub, zwölf Kilo leicht und 89 Zentimeter klein, habe keine Chance gehabt, seinem Peiniger zu entkommen. Der Angeklagte habe den Buben nicht gemocht, weil das Kind seinem Vater ähnlich sah, dem Mann, mit dem seine Lebensgefährtin zuvor zusammen war und den er hasste. „Er wollte den Jungen quälen, ihm Schmerzen zufügen und nahm seinen Tod in Kauf“, so der Oberstaatsanwalt.

Ein unfassbares Martyrium

Vom 18. bis 21. Oktober 2021 habe der Angeklagte dem wehrlosen Kind zahlreiche multiple Verletzungen zugefügt. Er habe ihn kopfüber bis zur Hüfte in ein Wasserfass gesteckt, den Buben gezwickt, geschlagen, ihn gebissen in Wangen und Schenkel, ihn an den Lippen gezogen bis das Lippenbändchen riss, ihm die Ohren verdreht, bis diese einrissen, ihm stupfe Gewalt angetan an Schultern, Penis, Gesäß, ihm zahlreiche Brüche zugefügt. Der Angeklagte habe dem Jungen so stark in den Bauch getreten, dass eine Darmschlinge und das Bauchfell des wehrlosen Kindes aufrissen, was zu inneren Blutungen und wohl zum Tod führte. Und obwohl dem Angeklagten klar gewesen sein musste, dass dieser Tritt tödlich enden könnte, habe er den Jungen leiden lassen und nichts unternommen, um ihm zu helfen.

Für Staatsanwalt Schulte sind damit die Mordmerkmale „Grausamkeit und niedrige Beweggründe“ gegeben, eine Anklage wegen Mordes daher die logische Folge, wie er nach der Verhandlung der SchwäPo sagte. „Er hat seinen Rivalen, den Vater des Kindes, gehasst. Ich glaube, es war Mord. Die Beweisaufnahme, die Sachverständigen und die Zeugen werden es an den Tag bringen“, sagt Schulte. Die Anklage könne dann auf Mord lauten, ohne dass der Prozess neu aufgerollt werden müsse.

Für den Angeklagten bedeutet eine Anklage wegen Totschlags ein Strafmaß von fünf bis 15 Jahren Haft. Bei einem besonders schweren Fall von Totschlag kann, laut StGB Paragraf 212, Absatz 2, die Strafe aber auch lebenslänglich bedeuten. Bei Mord ist das Strafmaß immer lebenslänglich.

Streitpunkt Zeugenvideos

Bei den Ermittlungen hat die Polizei viele Zeugen, darunter auch die Geschwister des toten Jungens, befragt und Videos angefertigt. Die Geschwister persönlich als Zeugen zu befragen, darauf will Richter Fritsch verzichten, die Videos aber sollen in der Verhandlung gezeigt werden. Die Verteidigerinnen legten hier Widerspruch ein. Bei der Zeugenbefragung wäre dem Angeklagten nicht das Recht eingeräumt worden, die Zeugen selbst kritisch zu befragen. Daher forderten sie für diese Videos ein „Verwertungsverbot“. Staatsanwalt Schulte dagegen verlangte die Zeugenaussagen in jedem Falle einzubringen. Das Gericht wird am Dienstag, 26. April, zum zweiten Termin (9 Uhr) auch darüber entscheiden.

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