Wort zum Sonntag

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Elke Lichtenstein - Pfarrerin in Trochtelfingen.

Schimpfen, aufregen, beten

Bopfingen-Trochtelfingen. Als Schulkind hatte ich einmal einen Alptraum, in dem Hubschrauber dröhnend über unsere Straße flogen. Am Morgen habe ich meine Mutter bang gefragt: „Kann es bei uns Krieg geben?“ Sie meinte beruhigend: „Mach Dir keine Sorgen. Wenn es Krieg gibt, gehe ich auf die Straße!“ Mein Kinderherz ist damit ein wenig leichter geworden. Wenn meine Mutter protestieren ginge, dann würde bestimmt nichts passieren. An ihre Worte wurde ich leider immer wieder erinnert. Als Teenager im Geschichtsunterricht zum Krieg im Balkan. Als Studierende bei Menschenketten gegen den Zweiten Golfkrieg. Und jetzt. Mehrere Brennpunkte und Tagesthemen hat es gedauert, bis mein Kopf verstanden hat, was meine Augen sahen: Es ist Krieg. Und keine Lösung in Sicht. „Wie sagen wir es den Kindern?“ Das war erst daheim die große Frage. Und nach den Ferien im Schulkollegium: „Wie fangen wir Sorgen und Ängste auf?“ Erklärt man einem Grundschulkind die Realität, die man selbst nicht fassen kann? Wie macht man sensibel für die neue Großwetterlage, ohne Angst zu schüren? Kann man darauf überhaupt Rücksicht nehmen, während andere traumatisiert in unsere Gemeindehäuser und Altenheime einziehen müssen?
Der blaue Himmel wirkt unwirklich, wenn gerade Menschen um ihr Leben fliehen. Der Saharastaub wie ein surreales Zeichen, dass anderswo Bomben fallen. Die vergangenen Tage und Wochen machen mich sprachlos. Gibt es irgendetwas Sinnvolles zu sagen? Schimpfen kann ich noch, mich aufregen. Und beten. „Es ist kein Wort auf meiner Zunge, das Du, HERR, nicht schon wüsstest!“, sagt der Betende in Psalm 139: „Du verstehst meine Gedanken von ferne.“ Gott kennt mich besser als ich mich selbst. Möge Er mir Ideen eingeben, die ich noch nicht zu denken angefangen habe, und die richtigen Worte, die ich noch nicht zu sprechen weiß. Aus klagendem Herzen. In kindlicher Hoffnung. Meine Mutter geht jetzt wieder auf die Straße.

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