Von der ukrainischen Grenze nach Dirgenheim zurück: So ging es für die Geflüchteten weiter

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Ein Dolmetscher hilft den vier Geflohenen wichtige Dokumente auszufüllen. Joe (blaue Jacke) erklärt die Situation auf Deutsch.
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Der Hilfskonvoi aus Dirgenheim hat Menschen von der ukrainischen Grenze in den Ostalbkreis gebracht. So geht es für die Menschen weiter.

Dirgenheim

Es klopft an der Tür von Kinga und Joe Putschögl. Es ist Vika, die 13-Jährige, die zusammen mit ihrer kleinen Schwester Yadviga (10), ihrer Mutter Svietta (36) und ihrem Großvater Anatolik (61) aus dem Osten der Ukraine nach Dirgenheim geflohen ist. Es ist das erste Mal, dass wir sie seit der Ankunft sehen. Der Hilfskonvoi, den Kinga und Joe organisiert haben, war erfolgreich. 26 Menschen von der ukrainischen Grenze haben sich dazu entschieden, mit uns zu kommen. Jede und jeder Geflüchtete findet eine übergangsmäßige Unterkunft. Für sie beginnt nun ein neuer Lebensabschnitt.  Für diejenigen, die sie aufnehmen, geht die Arbeit weiter. 

Kinga kann sich einigermaßen mit Vika unterhalten. Für Joe und mich - keine Chance. Ein Übersetzungsprogramm stellt für uns die Fragen. „Braucht ihr etwas?“ Mit Hand und Fuß verständigen wir uns. Über einen Fernseher würden sich die Vier freuen. Und ein Ladegerät für ein Handy. Vika hat ein kleines Notizbuch dabei. Sie zeichnet gerne. Sie blättert, Seite für Seite, und erzählt etwas zu ihren Bildern. Blumen, eine Tasse mit ihrem Namen, etwas, das an Grafitti erinnert, mit Bleistift gezeichnet. Was sie dazu erzählt, kann ich nicht verstehen. Zwischen den Zeichnungen tauchen Seiten voller Text auf. Sie blättert schnell weiter, sagt nichts dazu. Weitere Bilder. Darunter: ein weinendes Gesicht. 

Fünf Tage zu Fuß

Vika und ihrer kleinen Schwester Yadviga kann man ihr schweres Schicksal kaum anmerken. Kinga erzählt: Die Familie kommt aus dem Osten der Ukraine, ihr Haus wurde zerstört. Der Vater der beiden Mädchen ist schon seit zwei Jahren nicht mehr am Leben. Zwei Tage sind sie mit Bussen und Zügen unterwegs. Danach geht es fünf Tage zu Fuß weiter. Es gibt wohl noch zwei Onkel in der Familie - einer bereits gefallen und einer, dessen Schicksal ungewiss ist. 

Vika, Yadviga, Svietta und Anatolik sind bei den Putschögls untergekommen. In einem separaten Abteil des Hauses mit Küche, Betten und Toilette lassen sie sich nieder. Die Frage, ob wir einkaufen gehen können kommt auf. Anatolik bittet um einen Rasierer. Auch Essen möchten die vier kaufen. Sie wollen uns zum Essen einladen. Es soll Borschtsch geben. Wir erklären ihnen, dass die Geschäfte geschlossen sind, es ist Sonntag. Sie haben Verständnis.

Im Laufe des Tages trifft ein Dolmetscher ein. Er hilft dabei, wichtige Dokumente für die vier auszufüllen. Joe ist mit dabei und erklärt dem Dolmetscher die Situation auf deutsch. Gleichzeitig gibt es für Vika ein neues Handy, bereitgestellt durch einer Helferin aus der Region. Vika hatte schon früh nach einem Telefon gefragt - ihr Tastenhandy hat die Flucht nicht überstanden.

Es ist nicht ganz einfach, das Telefon für sie bereit zu machen. Es braucht viele Angaben, eine E-Mail-Adresse. Wir können ukrainisch nicht lesen, sie kann deutsch nicht lesen. 

Die Gemeinde an Bord

Doch die vier sind nicht die einzigen, die in der Region einen sicheren Ort zum Leben finden sollen. 26 Menschen hat der Konvoi von der ukrainischen Grenze nach Deutschland gebracht. Für alle Geflohenen sowie für die Helferinnen und Helfer gab es Suppe und etwas zu trinken im Landhotel Oßwald.

Dort wartete auch Danyel Atalay, seit kurzem der Bürgermeister von Kirchheim am Ries. „Unser Dank“, sagt Atalay in einer Pressemitteilung, „gilt neben jenen, die mutig selbst an die Grenze fuhren, allen, die durch Tatkraft und Spenden dazu beigetragen haben, den Menschen aus der Ukraine ein sicheres Dach über dem Kopf, ein gemühtliches Bett und warme Mahlzeiten zu ermöglichen“.

Für den Bürgermeister sei das „ein ganz starkes Zeichen der Hoffnung und der Solidarität“. Er verweist darauf, dass auch die evangelische Kirchengemeinde „sehr eng in diese großartige Hilfsaktion eingebunden war und im örtlichen Gemeindehaus zahlreiche Schlafplätze liebevoll hergerichtet hat“. 

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Vika, Svietta, Anatolik und Yadviga kommen aus dem Osten der Ukraine. Ein langer Weg führte sie nach Dirgenheim.
Die vier Geflohenen haben nach einem Fernseher gefragt. Kurz darauf schließt Joe das Gerät an.

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