Was Helferin Sarah an der Grenze zur Ukraine erlebt hat

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Sarah ist 29 Jahre alt und hilft seit über einer Woche an der ukrainischen Grenze im polnischen Przemysl. Im Interview berichtet sie von ihren Erfahrungen.
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Wenn Hunderte Kinder Platz brauchen: Im Interview vor Ort berichtet die 29-Jährige von den täglichen Herausforderungen und wie sie mit der Belastung umgeht.

Przemysl

Der private Hilfskonvoi aus Dirgenheim trifft an der polnisch-ukrainischen Grenze auf die 29-jährige Sarah. Sie hilft seit über einer Woche wo sie kann und berichtet im Interview mit Redakteur Erik Roth von den täglichen Herausforderungen vor und hinter der Grenze. 

Kannst du mir sagen, wer du bist?

Ich bin Sarah. Ich bin eigentlich vor einer Woche, wie eigentlich wir alle hier, ohne große Planung und Organisation an die Grenze gekommen. Hier wurd nun einmal Hilfe gebraucht. Leute aus ganz Polen steigen quasi von jetzt auf gleich in ihre Autos und kommen her. 

Woher kommst du eigentlich?

Aus Schlesien, Nähe Katowice. Davor habe ich in Stuttgart gelebt.

Du scheinst immer zu tun zu haben, sprichst deutsch, englisch und polnisch. Was machst du hier genau? 

Wir sind in der Grundschule Nummer 14 hier in Przemysl. Dort bieten wir den Menschen einen Ort, an dem sie ausruhen und zu sich kommen können. Sie bekommen etwas zu Essen und wir helfen ihnen bei rechtlichen Sachen bis hin zum Transport an einen sicheren Ort. Das Wichtigste bei unserer Hilfe ist, den Leuten Zeit zu geben. Sie müssen hier die Entscheidung treffen, wie eigentlich ihr gesamtes Leben weitergehen soll. Ich meine, du lässt dein ganzes Leben hinter dir und musst dann manchmal innerhalb von einer halben Stunde entscheiden, wie es weitergeht.

Wie würdest du die Situation hier beschreiben?

Egal, wie ich es beschreiben würde. Wer es nicht selbst gesehen hat, würde es nicht verstehen. Kinder, die hier sind, freuen sich. Weil sie sich sicher fühlen. Sie haben enorm viel Balast auf der Seele, der erst einmal abfällt. Dahinter steht aber auch eine unglaubliche Trauer - das kann man nicht in Worte fassen. All das, was man sich vorstellen kann, muss man mal Tausend nehmen - oder besser mal Unendlich. Die Leute, mit denen ich hier bin, machen wirklich alles, um zu helfen. Wir bekommen manchmal nachts um 4 Uhr einen Anruf, dass 600 Waisenkinder einen Platz brauchen. Oder das 200 krebskranke Kinder einen Platz brauchen. Ich bin die meiste Zeit an meinem Telefon und versuche zu organisieren. Wir haben keinen richtigen Plan, es kommen Sachen, darauf bist du nicht vorbereitet. Wir alle lernen voneinander. Polizei, Militär, Feuerwehr, Psychologen. 

Wie könnte man euch am besten helfen?

Uns fehlt zum Beispiel Geld für Benzin. Wir organisieren die Sachen, die in der Ukraine gebraucht werden und bringen sie dort hin. Im Moment sind wir in Przemysl gut versorgt. Aber wir können nicht nach vorne planen. In der Ukraine vor Ort können wir kaum helfen. Unsere Hilfe besteht daraus, dass wir die Sachen, die dort gebraucht werden, organisieren und dort hin transportieren. 

Wie gehst du mit der Belastung um?

Ich bin seit etwa einer Woche hier. Es gibt immer wieder Situationen, die einen - jeden Menschen - umknicken lassen. Aber da ich die ganze Zeit irgendetwas mache, irgendetwas organisiere, keine Zeit habe, um nachzudenken oder mir bewusst zu machen, wie schlimm die Situation ist, sehe ich einfach die Kinder, denen man hilft. Das gibt einem den Kick, um weiterzumachen und zu helfen. Und klar kommen wieder Situationen, die einen wieder auf den Boden drücken. Aber dann geht man einfach weiter, weil man weiß, um die Ecke sind weitere zehn Kinder, denen man helfen kann.

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