Zu Tode gequälter Zweijähriger: 14 Jahre Haftstrafe für Nicks Peiniger

+
Letzter Prozesstag im Fall des zu Tode gequälten Nicks.
  • schließen

33-Jähriger wird wegen Totschlags und Misshandlung an dem 23 Monate alten hilflosen Kind verurteilt. Für eine lebenslängliche Strafe fehlen der Kammer die Beweise.

Ellwangen/Bopfingen

Urteilsverkündung im Prozess gegen einen 33-Jährigen, der den kleinen Nick zu Tode gequält hat. Dienstag. 11.10 Uhr Hochspannung im Saal. Mucksmäuschenstill. Der Angeklagte verbirgt sich zwischen seinen Verteidigerinnen. Den Blick gesenkt. Regungslos - bis zum Ende. Vorsitzender Richter Bernhard Fritsch verkündet: Der Angeklagte wird wegen Totschlags in Tateinheit mit schwerer Misshandlung von Schutzbedürftigen zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Der Haftbefehl gegen ihn bleibt bestehen. Eine Entziehungskur erhält er nicht. Er trägt die Kosten des Verfahrens.

Damit bleibt die 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Ellwangen ein Jahr unter der Höchststrafe von 15 Jahren. Staatsanwaltschaft und Verteidigung haben nun eine Woche Zeit, das Urteil anzufechten.

„Die Kammer hat nicht den Hauch eines Zweifels daran, dass der Angeklagte schuldig ist“, schickt Richter Fritsch seiner Urteilsbegründung voraus. Wer hat Nick zwei Tage vor dessen Tod am 21. Oktober 2021 den tödlichen Tritt zugefügt? Dies war die erste zentrale Frage für die Kammer, so Fritsch.

In der Familie gab es Gewalt, die sei aber vom Noch-Ehemann der Mutter ausgegangen. Dass Mutter oder der mittlere Bruder, der an ADHS leidet, je Gewalt ausgeübt hätten, dafür gebe es keinerlei Belege, so der Richter.

Misshandlung seit Juli 2021

Erst seit der Angeklagte im Juli 2021 in einer Beziehung mit der Mutter war, kam es zu Misshandlungen. Diese hätten sich gesteigert, als der Angeklagte einzog und täglich für Nick zuständig war. Zwei Wochen vor der Tat hat der älteste Bruder den misshandelten Nick fotografiert und die Mutter konfrontiert. Der Angeklagte habe daraufhin gedroht, er werde ihn „durch den Raum prügeln“.

Das Umfeld der Familie hatte ausgesagt, dass oft, wenn der Angeklagte Nick hinter verschlossenen Türen wickelte, Geschrei und Klatschen, wie von Schlägen, zu hören war, erinnerte der Richter. Nicks Kopfüber-Eintauchen in ein Fass füge sich da ins Bild. Ins Bild passe auch, dass ab dem Zeitpunkt, an dem die Misshandlungen zunahmen, Termine mit Jugendamt und Familienhilfe abgesagt wurden.

Das Gutachten von Prof. Dr. Sebastian Kunz, Chef der Rechtsmedizin Ulm, belege das Ausmaß der Misshandlungen. Einzelne Verletzungen könnten wohl auch von einem Unfall stammen, die meisten aber nicht, wie die Bisse, der Abriss des Lippenbändchens, die Verletzung der Peniswurzel und andere.

Die zahnmedizinische Gutachterin Dr. Gabriele Lindemaier schreibe den Biss in Nicks Oberschenkel „zu 98 Prozent“ dem Angeklagten zu. Auch die weiteren Bisse zeigten sehr große Ähnlichkeiten. Dass die Bisse von Nicks mittlerem Bruder stammten, schloss sie aus.

Auf die Schuld des Angeklagten zeige auch ein Telefonat, dass der am 21. Oktober 2021, zwischen 20 und 22 Uhr, also noch bevor der Notarzt eintraf, mit einem befreundeten Paar führte. Darin habe er gesagt, 'Ich bin schuld an Nicks Tod'. „Das war eine Art Geständnis. Alle Versuche, diesen Satz anders zu deuten, gehen fehl“, so der Richter.

Weiter habe der Angeklagte gesagt 'Nick sei der Darm geplatzt'. „Da tritt das Wissen vom Bauchtrauma des Kindes zutage“, sagte der Richter, denn die Ärzte gingen zunächst von einer Kopfverletzung aus, und entdeckten erst durch die Sonographie Flüssigkeit im Bauchraum.

Vorsatz lässt sich nicht beweisen

Die Kammer habe keine Zweifel daran, dass der Angeklagte zwei Tage zuvor den tödlichen Tritt ausgeführt hat, sagte der Richter. Alle Ermittlungsergebnisse und Indizien deuteten auf ihn und eben nicht auf Mutter, mittleren Bruder oder Dritte hin.

Eine weitere Frage: Wurde der Tritt vorsätzlich ausgeführt? Laut Gutachten war die Wucht des Trittes so enorm, dass ein Erwachsener wissen musste, was er einem Kind antut. Vorsatz lasse sich nicht nachweisen. Der Angeklagte habe Nicks Tod aber billigend in Kauf genommen. Totschlag sei damit erwiesen.

Keine Verurteilung wegen Mord

Eine Verurteilung wegen Mordes sei unmöglich, weil keines der im Gesetz geforderten Merkmale bewiesen werden konnte. „Sicher war die Tat grausam“, sagte der Richter, aber eben grausam im Sprachgebrauch und nicht im juristischen Sinne, weil es hier um das Maß der Schmerzen gehe und im Prozess kein Gutachter Angaben über deren tatsächliches Maß machen konnte. Der Gesetzgeber sehe eben nicht vor, dass die Tötung eines schutzlosen Kindes per se als besonders grausam zu werten sei.

Auch für die Mordmerkmale Hass oder niedrige Beweggründe hätten sich keine greifbaren Anhaltspunkte ergeben. „Es mag Alkohol eine Rolle gespielt haben, vielleicht auch Überforderung, vielleicht war es eine Kurzschlussreaktion. Wir wissen es nicht, es mag wohl ein Bündel gewesen sein“, so der Richter.

Der Angeklagte sei schuldfähig. Dies hätte das psychiatrische Gutachten belegt. Erst im Nachhinein hätte er die Angaben über seinen Drogenkonsum drastisch nach oben geschraubt. Die Analyse von Haarproben stehe dem aber entgegen.

Kein „schwerer Totschlag“

Den Angeklagten für einen besonders schweren Fall von Totschlag zu lebenslanger Haft zu verurteilen, sei auch nicht möglich. Diese Strafe werde nur bei „Fällen, wie Mehrfachtötungen“ verhängt. Vorsatz sei dem Angeklagten eben nicht nachzuweisen, wohl aber „billigendes in Kauf nehmen“.

Überforderung, das Handeln aus der Situation heraus und möglicherweise Alkoholkonsum sprächen strafmindern für den Angeklagten. Zu seinen Lasten falle, dass das Kind ihm anvertraut war und seine Vorstrafen. Mit 14 Jahren bleibe die Kammer fast „weit oben am Strafmaß“.

„Sie haben nun Zeit, um sich mit der Tat auseinanderzusetzen und ihr Verhalten zu ändern. Ein Nichtaufarbeiten wird ihre Entlassung erschweren“, wandte sich der Richter direkt an den Angeklagten.

Abschließend bemerkte der Richter, dass sich die Kammer „ausdrücklich den Ausführungen der Nebenklage voll anschließt“. Auch Fritsch sprach von möglichem Totalversagen bei Mutter und Ämtern, wenngleich „konkrete Fehlleistungen der Behörden nicht zutage getreten sind“. Möglicherweise seien hier noch gesonderte Verfahren zu erwarten.

Einen vollkommenen Schutz gebe es nicht, aber vielleicht lägen hier strukturelle Ursachen zugrunde - bei Behörden, in Gesetzen und beim Personal. Vielleicht ließen sich, wenn hier mehr investiert wird, bessere Ergebnisse erzielen, endete Fritsch.

Mehr zur Gerichtsverhandlung:

Prozesstag 1: Lebenslänglich oder nicht?

Prozesstag 2: Es gibt keine Zeugen für den Tritt

Prozesstag 3: Mutter sagt vor Gericht nicht aus

Prozesstag 4: Retter schildern die Todesnacht

Prozesstag 5: Nicks Bruder belastet Angeklagten

Prozesstag 6: Whatsapp-Chats zur Misshandlung

Prozesstag 7: Lebenslänglich oder „nur“ vier Jahre Haftstrafe?

Kommentar von Redakteur Martin Simon

Zurück zur Übersicht: Bopfingen