Zweijähriger zu Tode gequält: Lebenslänglich oder „nur“ vier Jahre Haftstrafe?

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Verteidigerin Rechtsanwältin Sarah Schwegler schaut zu, wie der Angeklagte in Hand- und Fußfesseln aus dem Gerichtssaal gebracht wird.
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Im Prozess um den zu Tode gequälten 23 Monate alten Nick haben Staatsanwaltschaft und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten.

Bopfingen/Ellwangen

Tag 7 im Prozess um den zu Tode gequälten kleinen Nick. Die Plädoyers stehen an. Für Staatsanwalt Patrick Schmidt ist erwiesen, dass der Angeklagte die Schuld am Tod des Kindes trägt. Die Beweisaufnahme habe die Anklage bestätigt. „Es gibt keinen vernünftigen Zweifel daran, dass der Angeklagte das Kind gequält und den Stampftritt ausgeführt hat“, sagte er.

Der Angeklagte habe Nick über einen längeren Zeitraum hinweg gequält. Er habe ihn gebadet und gewindelt - stets hinter verschlossenen Türen und sehr oft hatte das Kind danach blaue Flecken. Bevor der Angeklagte in die Familie zog, habe es so etwas nicht gegeben. Schließlich kam es zum tödlichen Stampftritt. Das Kind habe auf dem Boden gelegen. Der Tritt war kurz und sehr heftig, drang bis zur Wirbelsäule durch, eine Darmschlinge riss ab, rekapitulierte der Staatsanwalt das medizinische Gutachten.

Alle Zeugen hätten den Angeklagten belastet, die Polizeibeamten hätten ihre Ermittlungen schlüssig dargelegt. 'Erst habe ich ihn gehasst, jetzt, wo er tot ist, habe ich ihn doch gemocht', diesen Satz habe der Angeklagte gesagt. Am Telefon habe er, noch bevor Nick tatsächlich tot war, einem befreundeten Ehepaar gesagt: 'Ich glaube, ich bin schuld an Nicks Tod'. „Alle Beweise und Indizien deuten auf den Angeklagten“, sagte der Staatsanwalt.

Der Stampftritt sei vorsätzlich ausgeführt worden, Nicks Tod habe der Angeklagte billigend in Kauf genommen. Auf Basis eines sehr ähnlichen Falles berief sich der Staatsanwalt auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von 2001 und forderte, den Angeklagten für „Mord, in Tateinheit mit Misshandlung eines Schutzbefohlenen“ zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Sollte das Gericht zum Urteil Totschlag kommen, so müsse dies ein „Totschlag in einem besonders schweren Fall in Tateinheit mit der Misshandlung eines Schutzbefohlenen“ sein und auch hier müsse die Konsequenz „lebenslänglich“ bedeuten. Weder die medizinischen Gutachten noch die Ermittlungen hätten ergeben, dass beim Angeklagten schuldmindernde Umstände zu berücksichtigen seien.

Kollektives Totalversagen aller Beteiligten ist die Ursache, dass Nick nicht mehr auf der Welt ist.

Robert Bäumel, Rechtsanwalt

Klare Worte der Nebenklage

Rechtsanwalt Robert Bäumel als Vertreter der Nebenklage schloss sich der Forderung der Staatsanwaltschaft an. „Kollektives Totalversagen aller Beteiligten - der Mutter, des Jugendamtes, der Freunde, des Umfeldes, ist die Ursache, dass der kleine Nick nicht mehr auf der Welt ist. Den Stampftritt aber führte der Angeklagte aus“, sagte er.

„Alle Erwachsenen haben weggesehen, nur die Kinder haben die Mutter angesprochen. Ohne Erfolg“, so Bäumler. Jeder im Gericht sei erschüttert gewesen, als die Bilder des misshandelten Nicks gezeigt wurden, „nur der Angeklagte zeigte keine Reaktion“, erinnerte er. Dass die Verteidigung versuche, Nicks älteren Bruder, der an ADHS leide, aggressives Verhalten zu unterstellen, sei verteidigungstaktisch „vielleicht legitim, aber moralisch verwerflich“, schloss er.

Verteidigung sieht offen Fragen

Wer wann den Stampftritt ausgeführt habe, und ob dieser todesursächlich war, das habe die Verhandlung nicht klären können, widersprachen die Rechtsanwältinnen Sarah Schwegler und Sandra Ebert. Täter, Tatort und Tatzeitpunkt seien ebenso unklar.

Das Motiv, der Angeklagte haben den leiblichen Kindsvater gehasst, sei nicht erwiesen. Im Gegenteil. Mord komme daher juristisch nicht in Betracht, so wenig wie Totschlag, sagten sie.

Bei der Vernehmung der Kinder durch die Polizei seien die Rechte der Verteidigung beschnitten worden. Der Angeklagte habe nicht nachfragen können, die Kinder hätten keinen Zeugenbeistand gehabt, all diese Aussagen dürfe das Gericht daher nicht verwerten.

Wer Nick wann und wie oft Verletzungen zugefügt hat, sei nicht geklärt, behaupteten sie. Einzig der Biss in Nicks Oberschenkel sei dem Angeklagten zuzuordnen. Als Täter für alle anderen Misshandlungen, auch den Stampftritt, kämen Dritte in Frage - Nicks zweitältester Bruder oder seine „eiskalte Mutter“, die statt mit dem Gericht lieber mit RTL rede, um dabei den Angeklagten zu belasten.

Zeugen hätten den Angeklagten als freundlich beschrieben, er habe sich um den Jungen gekümmert, ihm „das Laufen beigebracht“. Niemand habe je gesehen, dass er ihn misshandelt habe. Das Kind kopfüber in ein Wasserfass zu stecken sei nur eine Sekunde lang geschehen, und als solches nicht strafbar. Der Angeklagte habe stets abgekaute Fingernägel, zwicken können habe er damit niemanden.

Schwegler forderte eine Verurteilung wegen Körperverletzung zu einer Haftstrafe von zwei Jahren. Der Angeklagte müsse in eine Entziehungsanstalt eingewiesen werden, der Haftbefehl gegen ihn sei aufzuheben. Als mildernd zu bewerten, seien seine Alkoholsucht sowie der Umstand, dass er die Untersuchungshaft isoliert verbringen muss. Die Strafe könne maximal bei vier Jahren liegen, ergänzte Rechtsanwältin Ebert.

Der Angeklagte hatte das letzte Wort: Er sagte nichts.

Das Urteil wird am Mittwoch verkündet.

Mehr zur Gerichtsverhandlung:

Prozesstag 1: Totes Kind: Lebenslänglich oder nicht?

Prozesstag 2: Es gibt keine Zeugen für den Tritt

Prozesstag 3: Mutter sagt vor Gericht nicht aus

Prozesstag 4: Retter schildern die Todesnacht

Prozesstag 5: Nicks Bruder belastet Angeklagten

Prozesstag 6: Whatsapp-Chats zur Misshandlung

Landgericht Ellwangen Aussenansicht
Landgericht Ellwangen Aussenansicht
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