Den Bauern geht das Wasser aus

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Informationsstand bei der Kartoffelsortenschau bei Rötlen.
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Bei der Kartoffel-Sortenschau in Neunheim ging es in diesem Jahr vor allem um die Gewährleistung der Ernährungssicherheit in Deutschland. Die Bauern formulieren in diesem Zuge klare Forderungen an die Politik.

Ellwangen. Normalerweise sind bei einer Kartoffel-Sortenschau Kartoffeln die Hauptdarsteller. In diesem Jahr war das in Rötlen auf dem Testacker von Landwirt Anton Wagner etwas anders. Da wurde von Fachleuten vor allem über die Zukunft der Landwirtschaft in Baden-Württemberg und in Deutschland diskutiert. Und um die ist es derzeit nicht so gut bestellt: Den deutschen Bauern machen nicht nur die überbordende Bürokratie und der Flächenschwund schwer zu schaffen. Sie leiden auch zunehmend unter den Folgen des Klimawandels und mahnen deshalb eindringlich: Um die Ernährungssicherheit im Land sicher zu stellen, müssen Landwirtschaft und die dafür dringend benötigte Bewässerung in Deutschland  neu gedacht werden. Und das möglichst schnell.

Das Interesse an der Kartoffelsortenschau war am vergangenen Freitag enorm. Anton Wagner und seine Frau Corinna konnten zahlreiche Gäste auf ihrem rund 3,4 Hektar großen Testgelände bei Rötlen begrüßen. Neben Kartoffelbauern aus dem gesamten süddeutschen Raum waren auch Ellwangens Bürgermeister Volker Grab und der CDU-Landtagsabgeordnete Winfried Mack zu dem Termin erschienen.

Es sollte hier auch gleich in medias res gehen. Mark Mitschke vom Beratungsdienst Kartoffelanbau Heilbronn, der die verschiedenen Sorten - von der ertragssicheren,  vorwiegend festkochenden Laura bis hin zur robusten, mehlig kochenden Afra - vorstellte, machte gleich eingangs klar, mit welchen Herausforderungen die Kartoffelbauer in diesem Jahr zu kämpfen hatten. Ihnen fehlte das Wasser. Außerdem sei es für die Kartoffeln vielfach zu heiß gewesen. Sie vertrügen Temperaturen zwischen zehn bis 27 Grad. "Da wachsen sie. Wird es heißer, schwitzen sie nur noch."  Und in diesem Sommer sei es zu oft sehr heiß gewesen. Auf einem Kartoffeltestgelände im Heilbronner Land habe die Temperatur an vielen Tagen bei bis zu 36 Grad gelegen.  Für die Kartoffel sei das Stress pur. Bei dieser Hitze stelle sie das Wachstum ein. Und es werden unterhalb des Kartoffelkrauts weniger und kleinere Knollen gebildet als üblich. Ein Schutzmechanismus. So versucht die Pflanze zu überleben.

Ein weiteres Problem sei die Bewässerung. Obwohl die Kartoffel mit einem Wasserbedarf von etwa 130 Litern pro Kilogramm im Vergleich sehr sparsam im Wasserverbrauch ist, mussten die Äcker in Deutschland in diesem Jahr vielfach beregnet werden. Wie Mitschke in diesem Zuge erklärte, seien in Niedersachsen, wo auf rund 110 000 Hektar Fläche Erdäpfel angebaut werden, in diesem Sommer rund 90 000 Hektar zusätzlich bewässert worden. Und auch Anton Wagner musste nachhelfen und beregnen, da die Kartoffeln auf seinem Äckern in diesem Jahr bislang nur rund 111 Liter Regen pro Kilogramm abbekommen haben - rund 80 Liter weniger als in Ellwangen üblich.

Mitschke machte deutlich, dass die Landwirtschaft und vor allem die Politik sich dieses Themas dringend annehmen müssen. Die Bewässerung von Feldern müsse im Bedarfsfall sicher gestellt sein. Was laut dem Experten grundsätzlich auch kein Problem sei - nicht einmal bei langen Trockenperioden im Sommer. Denn: "Eigentlich haben wir in Deutschland genug Wasser", erklärte Mitschke. Es müsse nur im Winter entsprechend aufgefangen und gesammelt werden, damit es im Sommer der Landwirtschaft zur Verfügung steht. Wasser dürfe künftig nicht mehr über die Flüsse aus dem Land getragen werden. Das sei eine Zukunftsaufgabe. Dem stimmte auch Winfried Mack zu. Die Politik müsse die Wasserversorgung insgesamt neu organisieren, bestehende Staubecken müssten optimal genutzt werden. Die Politik habe das Problem bereits erkannt und sich dieser Aufgabe angenommen, "Wir stehen aber noch ganz am Anfang", räumte der Landespolitiker ein.

Bei dem Vor-Ort-Termin wurde zudem deutlich, dass sich auch in der Gesellschaft etwas ändern muss. Bauern werden offenbar vielfach angefeindet, wenn sie ihre Felder beregnen. Auch von mutwilligen Beschädigungen von Bewässerungsanlagen wurde berichtet. "Man sieht es halt, wenn bei uns die Beregnungsanlagen laufen", erklärte ein Landwirt dazu lapidar. Gleichwohl sehen sich die Landwirte zu Unrecht in der Kritik, da sie nur rund 2,5 Prozent des Wassers im Land verbrauchen würden. Der Rest entfalle auf die Industrie und den Privatsektor.

Darüber hinaus wird sich von den Landwirten mehr und vor allem unbürokratische Hilfe von den Behörden vor Ort gewünscht. Anton Wagner berichtete, dass er vor einiger Zeit zur Bewässerung den Bucher Stausee anzapfen wollte - der sei ursprünglich nämlich nicht nur zum Zwecke des Hochwasserschutzes, sondern auch zur Unterstützung der Landwirtschaft gebaut worden. Der Wasserverband Obere Jagst habe damals auch grünes Licht gegeben. "Aber der Naturschutz hat es dann noch verhindert. Mir wurde gesagt, dass ich dort ja ein eigenes Becken bauen könnte."

Anton Schneider, stellvertretender Vorsitzender beim Kreisbauernverband Ostalb, schnitt bei der Veranstaltung noch ein weiteres Problem der Landwirtschaft an. Er kritisierte scharf die Pläne der EU, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 um 50 Prozent verringern zu wollen. Würde das tatsächlich durchgesetzt, sei bei der Ernte mit 50 Prozent weniger Erlösen zu rechnen, warnte Schneider. "Pflanzenschutz macht Sinn. Er ist zum Schutz der Pflanze nötig. Deswegen heißt er ja Pflanzenschutz." Kämen die Pflanzenschutzmittelverbote wie angekündigt, könnte die Landwirtschaft das nur kompensieren, wenn auf mehr Fläche angebaut werden kann. "Und wir wissen alle, dass auch Fläche mittlerweile knapp ist."

Das Interesse bei der Kartoffelsortenschau auf dem Testgelände von Kartoffelbauer Anton Wagner (links im Bild) war enorm. Mark Mitschke vom Beratungsdienst Kartoffelanbau Heilbronn erläuterte die Vorzüge und Nachteile der verschiedenen Sorten und betonte dabei auch die enorme Wichtigkeit von diesen "Feldversuchen". Nur so könne man feststellen, welche Sorten mit den neuen klimatischen Bedinungen gut zurecht kommen.

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