Ein Mann außer Kontrolle

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Ein 36-Jähriger aus Schwäbisch Gmünd muss sich gerade vor dem Ellwanger Landgericht verantwortet. Der Mann hatte - offenbar im Wahn - seinen Nachbar und Polizeibeamte angegriffen.
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Ein 36-Jähriger soll im Wahn seinen Nachbarn und Polizeibeamte angegriffen haben. In seiner Wohnung hatte der Mann eigenen Kot und Urin gesammelt - und dann verzehrt.

Ellwangen. Es taten sich wieder schlimme menschliche Abgründe auf - am Dienstag vor dem Ellwanger Landgericht. Hier musste sich ein 36-Jähriger aus Schwäbisch Gmünd verantworten. Der Mann, der laut Anklage unter einer paranoiden Schizophrenie leidet und eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt, war im Mai des vergangenen Jahres erst auf einen Nachbarn und dann auf Polizeibeamte losgegangen.  Und das als Wiederholungstäter. Zwölf Jahre zuvor hatte der gelernte Landwirt  im Wahn  versucht, im Krankenhaus einen Mitpatienten mit einem Kissen zu ersticken. Der 58-Jährige überlebte damals nur, weil er - nach einer vorangegangenen Kehlkopfkrebs-Operation - einen künstlichen Luftröhrenzugang hatte.

Der Vorfall, um den es jetzt ging, hatte sich am 14. Mai 2021 zugetragen. An diesem Tag soll der 36-Jährige, der momentan im Zentrum für Psychiatrie Bad Schussenried untergebracht ist, in der Waschküche seines Mietwohnhauses  grundlos mit einem erhobenen Zimmererhammer auf einen Nachbarn losgegangen sein - und das mit den wirren Worten: "Du bist ja immer noch da!"Der völlig verängstigte Mann war daraufhin  geflüchtet und hatte dann die Polizei informiert. Die schaffte es nur unter größten Kraftanstrengungen den polizeibekannten, toptrainierten 36-Jährigen, der sich in seiner Wohnung verbarrikadiert hatte, festzunehmen. Ein Polizeihund und sechs Beamte waren vonnöten, drei Beamten trugen  Verletzungen davon.

Bei seiner Anhörung versuchte der Angeklagte, sehr wortreich, diesen Vorfall zu erklären. Zum einen hätte er ein schwieriges Verhältnis zu dem Nachbarn gehabt, weil der sich regelmäßig, aber zu Unrecht über ihn bei der Wohnungsgesellschaft beschwert hätte. Zum anderen habe er sich damals in einer "angestrengten Planungs- und Lebensphase" befunden. Nachdem er 2019 seinen Job bei einem Lebensmittelversandhandel verloren hatte, habe er praktisch rund um die Uhr an eigenen Firmenkonzepten, 16 an der Zahl,  gefeilt. "Ich habe damals die Ausgangsbeschränkungen genutzt, um zu arbeiten." Der Nachbar und dessen Beschwerden seien für ihn dabei  "ein störender Faktor" gewesen.  An dem Tattag habe er aber lediglich ein klärendes Gespräch mit ihm führen wollen. Warum er danach auch die Polizisten attackiert hatte, denen er durch die geschlossene Wohnungstür noch Sätze, wie "Wisst ihr eigentlich, was draußen für Spannungsfelder herrschen?", zugerufen hatte, konnte der Angeklagte nicht wirklich erklären. "Ich hatte damals eben komplizierte Gedankengänge." Die hatten sich wohl vor allem um seine Experimente gedreht. In diesem Zuge hatte der 36-Jährigen, neben Tierknochen und Biomüll, auch seinen eigenen Urin und Kot in der Wohnung gesammelt, portioniert und mitunter  verzehrt.  Alles im Namen der Wissenschaft, wie der 36-Jährige betonte. "Das mag schockierend klingen, aber es ging dabei um Metallgewinnung. Als Waldorfschüler hat man ohnehin weniger Berührungsängste mit Exkrementen." 

Am Dienstag wurden auch noch Polizeibeamte angehört und der Nachbar, der sich mit Schrecken an den 14. Mai 2021 zurückerinnerte. "So etwas wünsche ich niemandem." Der 36-Jährige habe wirr auf ihn eingeredet und dann sein E-Bike genommen, das der 54-jährige Arbeiter gerade aus dem Keller holen wollte und es aus dem Haus auf eine Wiese geschleudert.  Er sei daraufhin so schnell  wie möglich geflüchtet. 

Ein polizeilicher Ermittler berichtete, dass der 36-Jährige 2011 wegen seiner Schizophrenie behandelt und offenbar gut medikamentös eingestellt worden war. Diese Medikamente  habe er dann aber 2019 auf eigene Initiative abgesetzt und sich in seiner Wohnung mehr oder weniger komplett isoliert - auch von der eigenen Familie. In der Isolation muss sich die Situation dann immer weiter zugespitzt haben. In einem polizeilichen Verhör hatte der 36-Jährige ausgesagt, dass er Stimmen hören würde - die kämen mal aus der Steckdose, mal aus der Dusche, mal aus der Wand. Die Stimmen hätten ihn bedroht und seinen Rechner gehackt. "Er lebt einfach in einer anderen Realität als wir", sagte der Beamte.

Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt. Dann soll auch das Urteil gefällt werden. 

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