Eine kleine Abkühlung vom Südpol

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Benita Wagner eisverkrustet nach Außenarbeiten bei der Antarktisstation "Neumayer III". Zeitweise hatte es mehr als 40 Grad minus.
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Auf der Antarktisstation Neumayer III sieht man die Sonne nicht mehr. Warum es trotz minus 40 Grad dort wunderschön ist, berichtet Benita Wagner aus Ellwangen im Interview.

Ellwangen/Antarktis

Während hier die heißesten Tage des Sommers anbrechen, gibt es eine Ellwangerin, die nicht ins Schwitzen kommt: Benita Wagner, Geophysikerin, befindet sich auf der deutschen Forschungsstation des Alfred Wegener Instituts Neumayer III. Dort ist es dunkel, die Sonne steigt  auch bei Tag nicht mehr über den Horizont: Polarnacht. Wie sich das anfühlt, erfahren wir per Zoomkonferenz. Benita Wagner überwintert auf der Forschungsstation zusammen mit acht weiteren Personen und sorgt dafür, dass die wissenschaftlichen Labore und Geräte gewartet werden.

Schwäbische Post: Wie finster ist denn der Polarwinter wirklich?

Benita Wagner: Gar nicht finster, sondern richtig schön. Jetzt in der Polarnacht ist es vor allem das besondere Licht, das uns immer wieder nach draußen zieht. Da sieht man die Eislandschaft in ganz faszinierenden Farben. Die „blaue Stunde“, vor Sonnenaufgang oder nach Sonnenuntergang taucht alles in Blau. Oder der Farbübergang von Feuerrot über Gelb zu Rosa zu Blau, wenn die Sonne versucht (wenn auch erfolglos), über den Horizont zu schauen. Allein dafür lohnt es sich hier zu sein. Am 21. Juni war Mittwinter, das wird hier groß gefeiert, wie Weihnachten oder Silvester zuhause. Man bekommt Bilder und Grüße von den anderen Forschungsstationen in der Antarktis zugeschickt. Seit 21. Mai ist die Sonne verschwunden, am 22. Juli wird sie erstmals wieder zu sehen sein. Unsere bisher tiefste Temperatur waren -42 Grad und inklusive Windchill (der Effekt, wenn aufgrund von Wind die gefühlte Temperatur deutlich niedriger ist) sogar -50 Grad. Wir hatten auch schon einen kleinen Erfrierungsbrand an der Wange zu behandeln, das geht ganz schnell bei diesen Temperaturen. Das ist aber nicht weiter schlimm, die Haut ist eine Weile gerötet und schält sich nach einigen Tagen ab, wie bei einem Sonnenbrand.

Dann verbringen sie jetzt die ganze Zeit in der Station?

Nein, wir sind auch draußen. Geräte und Observatorien müssen weiter gewartet werden. Und die Bedingungen im Freien sind im Polarwinter sogar angenehmer, weil es weniger stürmt und schneit. Man muss nur aufpassen wegen der Temperaturen.

Wie weit kann man sich denn von der Station entfernen?

Das weiteste sind 40 Kilometer zur Außenstation „Watzmann“, die legen wir mit den Skidoos, den Motorschlitten, zurück. Wir fahren einmal im Monat auch auf die Bucht hinaus, um die Dicke des Meereises zu messen und beobachten die Pinguinkolonie in der Nähe, wo gerade Brutzeit ist.

Ist das nicht gefährlich, auf das Meereis zu gehen? Woher weiß man, dass es den Motorschlitten trägt?

Wir bekommen über Bremerhaven regelmäßig Daten über die Eisverhältnisse, die ein Satellit vermisst. Vier Wochen, nachdem die Bucht ganz mit Eis bedeckt war, sind wir zum ersten Mal raus. Da wird dann zuerst vorsichtig die Rampe, der Übergang vom Schelf- zum Meereis, erkundet und befestigt mit dem Pistenbully, so dass man danach mit den Skidoos darüberfahren kann. Bei der ersten Fahrt war das Meereis noch unter einem Meter dick. Wir bekommen über Bremerhaven auch Warnungen, wenn Eisberge herandriften oder die Bucht verschließen.

Haben sie Polarlichter gesehen?

Ja, und das war auch wirklich sehr beeindruckend. Über die Aurora-Vorhersage, Daten über Sonnenaktivität, die man auch im Internet abrufen kann, wissen wir schon, wenn die Wahrscheinlichkeit steigt, dass Polarlichter zu sehen sind. Außerdem haben wir unsere eigenen Daten über die Messung des Erdmagnetfeldes, aus denen wir ableiten können, ob aktuell welche zu sehen sein könnten. Allerdings muss auch das Wetter passen, es muss klarer Himmel sein und möglichst kein Vollmond.

Was war denn bisher ihr spannendstes Erlebnis?

Das war die Fahrt zur Außenstation mit den Motorschlitten. Zwei Stunden Fahrt durch die eisige Polarlandschaft. Wir hatten bereits Polarnacht, aber weil der „Watzmann“ etwas höher liegt, habe ich da oben noch einmal die Sonne gesehen. Das war schon beeindruckend. Im Juli bin ich zum Messen des Meereises eingeteilt. Das wird auch spannend werden. Da ist man dann sieben bis neun Stunden draußen, man kommt an der Bucht an einer Stelle vorbei, wo im Sommer Eisberge liegengeblieben sind. Das ist wie ein kleines Gebirge, 30, 40 Meter hohe Brocken. Da bekommt man dann zur Abwechslung eine Ahnung von Topographie beziehungsweise Landschaft, während das Schelfeis um die Station ansonsten ganz flach ist. Vielleicht sieht man dann an der Pinguin-Kolonie schon die ersten Küken, die schlüpfen Ende Juli.

Sie sind nun schon seit Januar auf der Station, seit Mitte März ganz allein mit dem 42. Überwinterungsteam. Freuen sie sich, bis endlich wieder Besuch kommt?

Man gewöhnt sich an das Leben auf der Station, die ist irgendwann gar nicht mehr so groß, wie sie mir anfangs vorkam. Die Leute im Team kennt man ja schon recht lange. Es gibt tatsächlich eine Art Routine, in der man sich einrichtet und man denkt dann eher: Wie wird das, wenn Ende Oktober, Anfang November die ersten Gäste kommen, Technikteam, ein Bauteam, Forscherinnen und Forscher? Kann ich dann noch so leben wie jetzt? Welche Einschränkungen wird es geben, wenn die Station voller wird? Als wir ankamen, war die Station ja auch deutlich voller als jetzt, aber da wusste man auch noch nicht, wie entspannt es hier nur zu neunt ist. Es hat schon was für sich, Neumayer III ganz für sich zu haben.

Und wie wird das mit dem nächsten Überwinterungsteam?

Unsere Nachfolgerinnen und Nachfolger sind bereits ausgewählt, ab August werden sie sich vorbereiten, wie wir das voriges Jahr taten. Mitte Dezember kommen sie hier an, dann werden wir 4 bis 8 Wochen beide Teams gemeinsam hier sein, bis wir Anfang/Mitte Februar rausfliegen.

Rund sechs Monate sind sie zu neunt ganz auf sich gestellt. Was macht man da so die ganze Zeit, wenn man gerade nicht arbeitet?

Wir sind ja nun nicht komplett abgeschnitten vom Rest der Welt. Wir sehen die Nachrichten über Satellit, halten Kontakt zu Freunden, Familie. Als ich in der Tagesschau die Nachricht über den Krieg in der Ukraine sah, war ich fassungslos. An die gemeinsamen Mahlzeiten schließen sich manchmal auch Diskussionen an, zum Beispiel über den Taxonomie-Beschluss der EU, die Entwicklung der Pandemie. Allerdings ist es eben schwierig, sich emphatisch in die Situation zu Hause hineinzuversetzen. Wir sind doch weit weg und können von hier aus nichts unternehmen, was diese Themen beeinflussen würde. Wir halten den Kontakt mit der Außenwelt aufrecht. Manchmal ziehe ich mich aber auch einfach in mein Zimmer zurück und lese.

Auf dem Blog bekommt man sehr gute Eindrücke, welche Daten auf Neumayer III gesammelt werden. Fragen die Forschenden regelmäßig bei euch an, was es Neues gibt?

Die meisten Daten werden automatisch übermittelt. Unsere Aufgabe ist es, Geräte zur Datenaufzeichnung und diese Prozesse des Datentransfers zu überwachen und am Laufen zu halten sowie als Backup die Daten auf Speichermedien zu schreiben. E-Mails bekommen wir regelmäßig vom Bundesinstitut für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover, das im Rahmen der CTBTO (Comprehensive Nuclear Test Ban Treaty Organization) eine  Infraschall Teststation zur Überwachung von Atomwaffentests betreibt, die wir wiederum warten. Für das GFZ, das Helmholtz-Zentrum Potsdam, zeichnen wir seismologische und Magnetikdaten auf. Daneben bleibt aber auch Zeit, um selbst zu forschen oder Pinguine zu fotografieren.

 

Info: Bilder und Videos findet man im AtkaXpress

Benita Wagner vor den gestrandeten Eisbergen in der Atka-Bucht.

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