Ellwanger Mordprozess: Wie wird ein Sonderling zum Mörder?

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Der Sechsfachmord von Rot am See gibt Rätsel auf. Der 27-jährige Angeklagte Adrian S. gesteht die Tat und ist überzeugt, dass seine Mutter ihn vergiften wollte. 

Ellwangen. Ganz verhüllt mit einer grauen Jacke, wie ein schreckliches Wesen, das niemand sehen soll, wird Adrian S. in den Schwurgerichtssaal geführt, wo die Kameras und Mikrofone mehrerer Sendeanstalten warten. Dann ist die Jacke weg und da steht ein junger Mann mit strubbeligen Haaren, Brille, Jeans und zerknittertem Hemd. Sechs Menschen soll er brutal erschossen haben, zwei schwer verletzt, in der Anklage, die Staatsanwalt Carsten Horn verliest, wird fast jeder einzelne Schuss aufgeführt. Man kann es nicht fassen.

Auf die Fragen von Richter Gerhard Ilg beginnt der 27-Jährige zu erzählen, offen und ausführlich, von der Kindheit, Jugend, als wollte er alles schon lange loswerden. Er ist überzeugt, dass die Mutter ihn vergiften wollte und beschloss schon vor Jahren, sie deshalb umzubringen. Und alle, die sie nicht daran hinderten, gleich mit.

Adrian S. kommt 1993 in Rothenburg zur Welt, verbringt die ersten Jahre in Rot am See, wo der Vater eine Landwirtschaft und einen Gasthof hat. Die Eltern trennen sich bald, die Mutter, die zwei ältere Kinder mit in die Ehe brachte, nimmt Adrian mit nach Lahr, wo sie als Hebamme arbeitet.

Adrian sagt, das Verhältnis zur Mutter sei nie gut gewesen. Sie habe ihn psychisch und körperlich misshandelt. "Ich war Bettnässer und musste bis neun oder zehn Windeln tragen." Die Mutter habe ihm absichtlich weh getan, sich über sein Geschlechtsteil lustig gemacht. Die Aversion, das Misstrauen gegen die Mutter wächst, je älter er wird. Weil sie die Anti-Baby-Pille genommen habe, als sie mit ihm schwanger war, sei er mit Fehlbildungen zur Welt gekommen, an der Harnröhre und den Hoden. Die Operation am Geschlechtsteil ist seine früheste Erinnerung. Er ist überzeugt, die Mutter hätte lieber ein Mädchen gehabt und mischte ihm deshalb synthetische weibliche Hormone ins Essen.

Eindringlich, mit vielen Details schildert der junge Mann Gespräche, Szenen. Und die Zuhörer schauen betreten und fragen sich, wie viel davon er sich einbildet und ob an den Vorwürfen tatsächlich etwas wahr ist. Der psychiatrische Gutachter Dr. Peter Winckler aus Tübingen stellt Zwischenfragen.

Adrian macht Abitur mit Schnitt 1,6. Studiert Maschinenbau in Aachen, bricht nach dem ersten Semester ab. Zieht zum Vater nach Rot am See, studiert in Stuttgart BWL, bricht wieder ab. Er sei ein Sonderling, eine "Nachteule" sagen Nachbarn und Verwandte, die als Zeugen aussagen. Die meiste Zeit verbrachte er am PC, auch mit Ballerspielen, gibt Adrian S. zu.

Wann sind die Wut auf die Mutter und der Frust über sexuelle Defizite zum Wahn geworden? Adrian sichert sein Zimmer mit Kameras und Bewegungsmelder, reinigt die Türklinke, wenn die Mutter da war.

2013 kündigt er ihr und der Halbschwester an: "Ich bringe euch beide um." Es habe seinem damaligen Gerechtigkeitsverständnis entsprochen, dass alle sterben müssen, die nicht verhinderten, was die Mutter ihm antat. Er wird Mitglied im Schützenverein, um sich legal eine Pistole kaufen zu können.

Als der Richter ihn zur Tat befragt, blickt Adrian S. vor sich auf den Tisch und schildert, wie er sich im Obergeschoss versteckte, am Tag als sich die Verwandtschaft im Haus traf. Als der Vater und die Mutter die Treppe hochkommen, schießt er ohne Warnung los. Den Vater in den Kopf, die Mutter in den Rücken. Er schießt auf den Halbbruder, der ihn aufhalten will, und auf dessen Großeltern, die beide schwer verletzt entkommen. Er wechselt das Magazin, geht dem verletzten Halbbruder in den Hinterhof nach. Da ist die Halbschwester, hält ihren Bruder im Arm. Adrian S. richtet beide mit Kopfschuss.

Onkel und Tante, die Adrian immer wie einen Sohn behandelten, laufen herbei. Er erschießt sie. Adrian S.: "Ich habe auf alles geschossen, was sich bewegte."

Dann lädt er ein neues Magazin, geht ins Haus und verpasst der noch lebenden Mutter einen Kopfschuss. Im Zimmer nebenan schreien die beiden Söhne der Halbschwester: "Mama, Mama". Er richtet die Pistole auf sie, drückt aber nicht ab. "Ich habe im Esszimmer überlegt Suizid zu begehen, hatte aber nicht den Mumm abzudrücken", sagt er. Stattdessen ruft er 110 und stellt sich.

Staatsanwalt Horn will wissen, wie er heute zu den Taten steht. "Ich wünschte, ich hätte es nicht getan", sagt er, immer noch überzeugt, dass ihn die Mutter vergiften wollte. Er möchte mit einem Lügendetektor beweisen, dass er die Wahrheit spricht.

Der Prozess wird am Dienstag um 9 Uhr im Schwurgerichtssaal mit der Vernehmung von Zeugen fortgesetzt.

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