Flüchtende aus der Ukraine in Ellwangen: Deutsch mit Fingerspitzengefühl

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Acht ukrainische Schülerinnen und Schüler lernen in einer Klasse die deutsche Sprache am Kreisberufsschulzentrum. Nächste Woche kommen fünf weitere hinzu.
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Am Kreisberufsschulzentrum wurde eine eigene Klasse für Jugendliche aus der Ukraine gebildet. Der Deutschunterricht steht im Mittelpunkt und die Lehrkräfte leisten dafür Überstunden.

Ellwangen. An der Gewerblich-hauswirtschaftlichen Schule des Kreisberufsschulzentrums wurde vor vier Wochen eine eigene Klasse für Jugendliche aus der Ukraine gebildet. Aus den Kollegien beider Berufsschulen meldeten sich spontan 30 Lehrerinnen und Lehrer und waren bereit, den Unterricht mit Überstunden abzudecken. Darunter sind auch Lehrkräfte mit Russischkenntnissen, was die Kommunikation mit den Schülerinnen und Schülern erleichtert.„Russisch verstehen alle und die meisten sprechen es auch“, berichtet Margret Hägele, die am Kreisberufsschulzentrum die VABO-Klassen koordiniert. Das Kürzel steht für „Vorbereitung Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse“ und bislang waren es vor allem Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und vielen afrikanischen Ländern, die in diesen Klassen für ein zertifiziertes Niveau ihrer Deutschkenntnisse lernen. Das Niveau A2 ist Voraussetzung, wenn man eine Ausbildung beginnen will.

Noch gibt es keinen Bildungsplan und vor allem sei Improvisation gefragt, sagt der stellvertretende Schulleiter Dr. Stephan Scheiper. Der Konferenzraum wurde kurzerhand zum Klassenzimmer umfunktioniert. Die Zusammensetzung der Klasse ändert sich schnell, weil viele Flüchtlingsfamilien nur vorübergehend untergekommen sind und in eine andere Stadt weiterziehen. Einige wohnen privat, andere in der LEA. „Die meisten wollen weiter in die Metropolen. Vielleicht ist vielen nicht bewusst, wie gut die Angebote bei uns auch in kleineren Orten sind. In der Ukraine ist man im ländlichen Raum wohl ziemlich abgehängt“, sagt Julia Reinhard, die in der Klasse unterrichtet.

Die sehr unterschiedlichen Sprachkenntnisse der Schülerinnen und Schüler macht das Unterrichten in der Klasse mitunter schwierig. Manche hatten in der Schule Deutsch und Englisch, andere hatten nur Russisch als Fremdsprache. Sehr aufwendig ist es die Bildungsbiografie zu erheben, Zeugnisse und Schulbescheinigungen müssen übersetzt werden. Die VABO-Klasse ist in ein Netzwerk mit anderen Schulen eingebunden, wer ein entsprechendes Niveau hat, kann an das Gymnasium wechseln.

Die Arbeit mit den Jugendlichen aus der Ukraine erfordert Fingerspitzengefühl, versichert Margret Hägele, „...weil jeder sein Päckchen mit sich trägt.“ Manche kommen aus den umkämpften Gebieten und bangen um Angehörige zuhause, manche haben selbst Nächte im Luftschutzkeller verbracht und die Erinnerungen kommen hoch, wenn der Brandmelder auslöst. Dass alle in engem Kontakt mit ihrer Heimat sind, Verwandte und Freunde vermissen, kann zu Betroffenheit in Situation führen, an die man nicht denkt, zum Beispiel, wenn das Wortfeld Familie gelernt werden soll.

Fingerspitzengefühl brauchen die Lehrkräfte auch, damit es in der Schülerschaft nicht zu Unfrieden kommt. „Das Berufsschulzentrum besuchen viele Jugendliche mit russischen Wurzeln, auch weil im Technischen Gymnasium Russisch als Sternchenthema möglich ist“, erklärt Schulleiterin Esther Hoffmann. Vorsichtig versuche man, Patenschaften unter russischsprachigen Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, wenn die Ukrainer dafür offen sind.

Ein weiteres Problem: angesichts verschiedener Sonderregelungen für Flüchtlinge aus der Ukraine können sich diejenigen, die aus Syrien, Afrika, Afghanistan gekommen sind, schnell als „Flüchtlinge zweiter Klasse“ fühlen. Freie Wahl des Wohnorts, bessere finanzielle Förderungen, die Möglichkeit zu arbeiten, freies Busticket von der LEA zum KBSZ: Das haben Asylbewerber nicht.

In der VABO-Klasse sollen die ukrainischen Schülerinnen und Schüler schnell wieder Schulalltag erleben, auch wenn sie teilweise noch online von der Schule zuhause unterrichtet werden. Für die meisten ist unklar, wie ihre weitere Zukunft aussieht. Ohne Deutschkenntnisse kommen sie aber hier nicht voran.

Infos über das Kreisberufschulzentrum: http://www.kbsz-ellwangen.de

Russisch verstehen alle und die meisten sprechen es auch.“

Margret Hägele, Koordination VABO-Klassen

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