Flutkastastrophe: Eindrücke aus einer surrealen Welt

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THW Ellwangen Hilfe bei Flutkatastrophe
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Ein Baufachberater des THW aus der Region war mit vor Ort im Raum Neuenahr/Ahrweiler. Was er erlebte und warum er anonym bleiben möchte.

Ahrweiler / Ellwangen. Ein knapper Monat ist vergangen seit der schlimmen Unwetterkatastrophe, die im Westen Deutschlands verheerende Schäden angerichtet hat. Auch das THW Ellwangen war vor Ort mit mehreren Helfern im Einsatz. Besonders benötigt wurde aber vor allem der Baufachberater. Nur wenige gibt es davon in Deutschland. Sie sind gelernte Bauingenieure, Meister im Bauhandwerk, Statiker oder vergleichbares, im THW engagiert und haben zusätzlich die THW-Weiterbildung durchlaufen. Zudem arbeiten sie auch beruflich täglich in diesem Umfeld.

Der Baufachberater wird dann angefordert, wenn es abzuschätzen gilt, wie schwer ein Gebäude oder Bauwerk beschädigt ist. Ob es von Rettungskräften und Räumkräften überhaupt betreten werden kann, oder ob die Statik so in Mitleidenschaft gezogen wurde, dass Gefahr für Leib und Leben besteht.

Eine Aufgabe, die trotz aller Emotionalität und Anspannung, in der sich alle vor Ort befinden, einen kühlen Kopf erfordert. "Wir bedienen uns für die Einschätzung der Lage verschiedener Techniken. Dazu gehört zum Beispiel das Setzen von Messpunkten mit Hilfe von Gipsmarken, Rissmonitoren und Lasermessungen. Wir müssen schauen, ob sich das Gebäude oder vielleicht der Baugrund bewegt. Durch das Wasser kam es neben den augenscheinlichen Schäden auch massiv zu Auswaschungen und Setzungen im Untergrund. Diese können auch erst nachträglich auftreten, nachdem das Wasser zurückgewichen ist, und dann wird es erneut gefährlich", erklärt der Baufachberater des THW.

"Aber diese Arbeit braucht Zeit. Und wir müssen auch anderntags wieder kommen und uns ein Bauwerk erneut anschauen, bevor wir eine Einschätzung abgeben können."

Und die Situation erfordert auch Aufklärungsarbeit, denn nach außen sieht es mitunter so aus, als ob nichts unternommen wird. Gerade, wenn Menschen noch vermisst werden, keine einfache Situation. "Wenn wir mit den Betroffenen reden können, verstehen die das dann aber auch, trotz aller Emotionen."

Um ihre Aufgabe sind sie nicht zu beneiden. Meist sind sie die ersten, die ein Gebäude überhaupt betreten. Was sie dort erwartet, ist unklar. Noch immer werden mehr als 40 Menschen im Ahrtal vermisst. Unterwegs sind die Baufachberater immer im Team, um im Vier-Augen-Prinzip die Lage einzuschätzen. Sie entscheiden aber nicht, ob ein Gebäude abgerissen wird. "Das obliegt der Baurechtsbehörde vor Ort, die sich aber auf uns stützt. Wir beraten und geben unsere Empfehlung."

Zehn Tage dauerte sein Einsatz, seit 2. August ist er wieder zurück. Die Bilder und Eindrücke wirken bei dem Baufachberater noch nach. "Es ist wie ein abstraktes Bild, alles unwirklich. Auf der einen Seite stehen Häuser, da ist alles in Ordnung. Und drüben ist alles zerstört."

Die nächste große technische Herausforderung für das THW wird der Aufbau von sogenannten Separierungsanlagen, im Grunde Behelfs-Kläranlagen. Mit Saugwagen, einer Art umgekehrtem Tanklastwagen, wird dann das Wasser in den Gebäuden abgesaugt und in die Separierungsanlagen gebracht.

"Es macht sonst keinen Sinn, Keller leer zu pumpen, selbst wenn man das Gebäude betreten kann", so der Baufachberater. "Was sich dort befindet, ist eine Brühe, in der alles drin sein kann. Das kann man nicht einfach wieder ins Freie oder die Ahr lassen." Diese 'Brühe' ist kontaminiert, durch Treibstoff, Fäkalien, Abwässer, Klärschlamm, Gefahrgutstoffe und mehr. Und ein idealer Nährboden für Keime und Krankheitserreger aller Art.

Nachsorgeteams stehen bereit, sowohl für Helfer, als auch für die Betroffenen. "Und das ist wichtig", erklärt der Baufachberater. Denn man funktioniert zwar im Einsatz, aber man muss sich austauschen. "Das sind nicht nur Bilder. Das sind all die Eindrücke, die Gerüche. Das fasst einen an."

Die Helfer des THW sind ehrenamtlich unterwegs, die Arbeitgeber stellen sie frei und dem THW eine Rechnung. "Dennoch, die Arbeitskräfte fehlen im Betrieb. Daher ein ganz dickes Dankeschön an die Arbeitgeber, die das mit unterstützen. Ohne die geht es nicht."

Aktuell sind noch Helfer des THW Ellwangen im Einsatz, die Bereitschaft dauert bis Ende September an. Dann wird über die Einsatzlage vor Ort neu entschieden und wenn nötig, verlängert. Wenn sie angefordert werden, gehen sie wieder. Und helfen.

"Es ist wie ein abstraktes Bild, alles unwirklich."

Baufachberater , Technisches Hilfswerk
  • Warum wir uns für diese Form des Berichts entschieden haben
  • Den Namen und Details zu den eingesetzten Kräften nennen wir auf Wunsch und zum Schutz der Helfer bewusst nicht. Denn leider wurden die Helfer vor Ort von Personengruppen angefeindet, die nicht zu den Anwohnern gehören und die die Katastrophe für politische Zwecke zu missbrauchen versuchten. Im Einsatzgebiet waren auch Personengruppen unterwegs, die sich in nachgemachten Uniformen als Ordnungs- und Hilfskräfte ausgaben, mit dem Ziel, Falschinformationen zu verbreiten und Wut in der Bevölkerung auf die Rettungskräfte zu schüren. Zudem sind Fälle bekannt, bei denen auch im Nachgang eines Einsatzes versucht wurde, über soziale Medien und Strafanzeigen Druck auf die Helfer auszuüben.
Die Gewalt des Wassers hat auf einer Länge von 20 Kilometern nur eine Brücke stehen lassen. Die Baufachberater des THW sind oft die ersten, die ein Bauwerk betreten, um abzuschätzen, damit nachfolgende Kräfte mit Aufräumarbeiten beginnen können.
Zerstörungen in der Region Ahrweiler

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