Forschungsstation: 26-jährige Ellwangerin arbeitet in der Antarktis

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Benita Wagner vor der Station Neumayer III in der Antarktis: sie gehört zum 42. Überwinterungsteam des Alfred-Wegener Institut.
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Die Geophysikerin Benita Wagner aus Ellwangen überwintert auf der Forschungsstation Neumayer III und berichtet über Zoom von ihrer Arbeit.

Ellwangen/Antarktis

Die 26-jährige Benita Wagner aus Ellwangen, die 2013 an der St. Gertrudis Abitur gemacht hat, arbeitet derzeit auf der Antarktis-Forschungsstation Neumayer III. Auf der Südhalbkugel hat der Winter begonnen. Wie sich der anfühlt, erzählte sie SchwäPo-Redakteur Gerhard Königer bei einem Gespräch über Zoom:

Schwäbische Post: Hallo Frau Wagner, in Ellwangen hatten wir gerade einen Wintereinbruch mit viel Schnee. Wie ist denn bei ihnen das Wetter so?

Benita Wagner: Wir haben Sturm mit 50 Knoten, Böen bis 70 Knoten. Draußen ist Schneetreiben, White Out, das heißt man sieht keine Kontraste mehr, alles ist weiß. Die gefühlte Temperatur liegt bei minus 20 Grad, das Thermometer zeigt minus 9.

Das hört sich ja gar nicht so schlimm an, wie ich mir das vorgestellt habe. Was kann man bei solchen Bedingungen arbeiten?

Bei Sturm verlassen wir die Station nur, wenn es sein muss. Alle drei Tage müssen meine Kollegin und ich abwechselnd aber zu den Observatorien. Als Geophysikerinnen sind wir für die Außenstationen zuständig, an denen seismologische und geomagnetische Werte gemessen werden. Die liegen eineinhalb Kilometer von der Station entfernt. Für Wetterbedingungen wie wir sie gerade haben, wurde ein Seil gespannt, an dem man sich entlang bewegen kann.

Von wo drohen die größten Gefahren?

Das sind tatsächlich die niedrige Temperatur und das White Out. Im Schneetreiben kann man leicht die Orientierung verlieren und wenn man nicht mehr zur Station zurückfindet ist das maximal ungünstig, davor wurden wir gewarnt.

Wilde Tiere sind keine Gefahr?

Hier gibt es nur Pinguine und Vögel in Stationsnähe, die Eisbären bleiben in der Arktis.

Und was ist im Notfall? Wenn jemand schwer krank wird?

Wir haben hier eine der am besten ausgestattete Krankenstation in der Antarktis und eine sehr gute Chirurgin im Team. Wir haben Internet über Satellit und bekommen, wenn nötig fernmedizinische Unterstützung. Auf was wir nicht zählen können, ist ein schneller Rettungseinsatz außerhalb der Sommersaison. Während dieser kommen häufiger Flugverbindungen zustande. Im Winter, bei niedrigen Temperaturen, Dunkelheit und ungenügenden Wetterfenstern kann man nicht davon ausgehen, dass Flugzeuge landen können. Es gibt zwar noch andere Forschungsstationen, doch die sind so weit entfernt, dass wir sie mit unseren Fahrzeugen nicht kurzfristig erreichen können. Acht Kilometer nördlich liegt jedoch unsere Emergency-Base, das ist ein Camp, in das wir uns retten können, falls die Neumayer-Station keinen Schutz mehr bietet.

Fühlen Sie sich unter diesen Umständen sicher?

Wir alle sind uns bewusst, dass Dinge schief gehen können, doch wir haben ein gutes Sicherheitskonzept. Wenn man sich verantwortungsvoll verhält, kann man sich sehr sicher fühlen. Auf jeden Fall steigt die Wertschätzung für die Station, wenn man die Naturgewalt hier erst einmal erlebt hat.

Ist es nicht ziemlich einsam dort unten?

Im 42. Überwinterungsteam sind wir neun Personen. WissenschaftlerInnen, TechnikerInnen, unsere Ärztin hat die Stationsleitung, es gibt einen Koch und einen Funker. Wir verstehen uns gut und haben auch genug zu tun, damit uns nicht langweilig wird.

Was sind denn die Hauptaufgaben der Station?

Hier laufen eine ganze Reihe von Geräten, die zu betreuen und zu warten sind. Die Daten von Langzeitmessungen müssen gesammelt, ausgewertet und an WissenschaftlerInnen weitergeschickt werden. Die Station an sich aufrecht zu erhalten, erfordert auch tägliche Arbeiten. Man arbeitet hier nicht nur in seinem Spezialgebiet. Man hilft aus, wo gerade Hilfe benötigt wird.

Wo kommt eigentlich die Energie für die Station her?

Es gibt hier drei dieselbetriebene Blockheizkraftwerke für den Strom- und Wärmebedarf. Zudem haben wir noch ein Windrad. Das Trinkwasser wird aus Schnee geschmolzen und ansonsten versorgen wir uns aus den Vorräten, die im Sommer hergebracht wurden. Vor zwei Wochen haben wir die letzte Tomate gegessen. Jetzt gibt es noch ein paar Äpfel und Orangen. Wenn im Oktober zum ersten Mal wieder frisches Obst und Gemüse ankommt, darauf freut man sich schon.

Was war bislang ihr schönstes Erlebnis?

Diese extreme Natur, die Eislandschaft zu erleben, ist tatsächlich sehr beeindruckend. Spannend war es auch, für das Anlgen von "Polarstern", dem Eisbrecher des Alfred-Wegener-Institus (AWI) im März die Schelfeiskante zu untersuchen, Eisabbrüche und Spalten zu dokumentieren, auch zur eigenen Sicherheit. Im Winter werden solche Ausflüge zwar seltener aber je nach Wetterverhältnisse durchaus noch möglich, sodass man die weiße Wildnis noch einmal auf eine ganz andere Art erleben kann. Denn wir gehen ja auf die Polarnacht zu, ab 21. Mai kommt die Sonne nicht mehr über den Horizont. Dann herrscht hier 24 Stunden ein Halbdunkel wie zur Dämmerung. Dann werde ich auch noch ein paar schöne Polarlichter sehen, hoffe ich.

Wie haben sie sich auf die Antarktis vorbereitet?

Die Station Neumayer III wird vom Alfred Wegener Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung betrieben. Das Überwinterungsteam traf sich in Bremerhaven und wurde vier Monate lang auf den Einsatz vorbereitet. Von Gletschertraining in Tirol über Feuerwehrkurs in Schleswig-Holstein, Konfliktmanagement, Pistenbully reparieren bis Zähne bohren war alles dabei. Am 26.12.21 flogen wir nach Kapstadt und gingen an Bord der "Polarstern". Das Forschungsschiff brachte uns in die Nähe der Schelfeiskante, von wo wir mit dem Hubschrauber zur Station geflogen wurden.

Kann da eigentlich jeder mitmachen? Welche Voraussetzungen muss man mitbringen?

Das AWI schreibt die Stellen aus. Ich habe im vorigen Jahr den Master in Geophysik gemacht und mich auf diese Stelle beworben, die auf zwei Jahre befristet ist. Je nachdem, welche Funktion ausgeschrieben ist, gibt es mehr oder weniger Bewerbungen. Es wird aber nicht nur auf die fachliche Kompetenz geachtet sondern viel Wert auf Teamfähigkeit und physische sowie psychische Belastbarkeit gelegt.

Wann kommen Sie wieder zurück?

Der Aufenthalt in der Antarktis ist für 14 Monate angesetzt. Je nach Flugverkehr, Wetter und inzwischen auch pandemischer Lage in der Welt, kann sich das um einige Tage verschieben. Wenn alles planmäßig verläuft, geht es für uns Mitte Februar wieder zurück in die milderen Gefilde.

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