Grundsteuererklärung: "Und jetzt drücken wir auf Senden"

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Volle Hütte im Spertaushaus: 180 Menschen wollten sich hier über das Procedere der Grundsteuererklärung aufklären lassen.
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Im Speratushaus ging es am Mittwochabend ziemlich emotional zur Sache. 180 mehr oder weniger verzweifelten Menschen wurde hier von Experten die neue digtiale Grundsteuererklärung erläutert.

Ellwangen.

Es wurde oft mit dem Kopf geschüttelt, mitunter verzweifelt gelacht, mal leise, mal etwas lauter geflucht, aufgeregt zwischengerufen und... es wurde fleißig mitgeschrieben. Im rappelvollen Speratushaus stand am Mittwochabend die neue digitale Grundsteuererklärung auf dem Stundenplan. 180 Menschen waren gekommen, um sich hier von Experten das komplizierte Prozedere erklären zu lassen.  Mehr wurden  an dem Abend nicht in den Saal gelassen.

Dass die Stimmung am Mittwochabend im Speratushaus etwas angespannt war, lag definitiv nicht an den drei Referenten auf dem Podium. Die gaben über zwei Stunden ihr Bestes, erklärten mit einer Engelsgeduld und so anschaulich wie möglich - anhand von 55 Powerpoint-Folien -, das, was sich die deutschen Steuerbehörden da auf Geheiß des Bundesverfassungsgerichts ausgedacht haben: die digitale Grundsteuererklärung über das Programm Elster. Das Verfahren lässt derzeit Grundstückseigentümer im ganzen Land verzweifeln.

Und auch bei den Menschen auf der Ostalb ist der Beratungsbedarf enorm, wie Diplom-Ingenieur Alfons Fischer, seines Zeichens Mitglied im Gutachterausschuss Nördlicher Ostalbkreis und Ansprechpartner für Bodenrichtwerte im Rathaus Ellwangen, erklärte. In seinem Büro stünde das Telefon seit Wochen nicht mehr still, ließ Fischer die Zuhörer wissen. Deshalb habe er auch den Vortrag im Speratushaus initiiert, der - so Fischer - innerhalb von drei Tagen restlos ausgebucht war. Der Abend könne zwar keine Steuer- oder Rechtsberatung ersetzen, aber er könne "Hilfe zur Selbsthilfe sein", zeigten sich Fischer und seine beiden Mitstreiter, die Steuerberater Julia Opferkuch und Felix Sättele von der Ellwanger Kanzlei Baumann und Partner, überzeugt.

Los ging's nach diesem Eingangsstatement zunächst mit ein paar unverfänglichen, allgemeinen Informationen zur Grundsteuerreform. Doch schon an dieser Stelle des Vortrags sollte es erste Unmutsbekundungen geben.  Als Julia Opferkuch darauf hinwies, dass je nach Bundesland andere Spielregeln gelten - in Bayern wird zum Beispiel anders verfahren als in Baden-Württemberg - wurde zum ersten Mal hörbar im Publikum gemurrt: "Lächerlich."

Das nächste Kopfschütteln sollte nicht lange auf sich warten lassen. Dass die Internetseite des Online-Finanzamts Elster anfangs nur schwer oder gar nicht erreichbar  war, sei kein Wunder gewesen,  sagte Julia Opferkuch: "Es gibt in Deutschland immerhin 33 Millionen Grundstückseigentümer, die nun alle zwischen dem 1. Juli und dem 31. Oktober eine zusätzliche Steuererklärung abgeben müssen." Und das auch noch ausdrücklich digital. Ein Antrag in Papierform war anfangs nur denen gestattet, die nachweislich über keinen PC oder keine Internetverbindung verfügen. Von dieser Vorgabe  seien die Finanzämter - angesichts der enormen Probleme und Proteste  -   zwischenzeitlich aber wieder abgerückt. "Die gedruckten Formulare werden mittlerweile auch im Finanzamt Aalen allen ausgehändigt, die sie haben wollen. Die Begrifflichkeiten sind in dem Formular aber leider die gleichen wie bei Elster", warnte Fischer.

Opferkuch und Sättele ermutigten das Publikum deshalb auch, es über Elster zu versuchen. "Nach diesem Abend schaffen Sie das auch digital", gab sich Felix Sättele optimistisch. Er wies darauf hin, dass es neben Elster mittlerweile auch Grundsteuer-Softwareprogramme gibt, die das Ausfüllen erleichtern. Auch Hausverwaltungen oder Steuerberater könnten den Job übernehmen. Ebenso wie übrigens auch nahe, digitalaffine Angehörige - das sei bei der Grundsteuererklärung ausnahmsweise erlaubt. Wenn alle Stricke reißen, könnte man sich auf Youtube auch ein Erklärvideo anschauen, riet Sättele. Was für allgemeine Erheiterung im Saal sorgte. Allerdings nur kurz, denn dann wurde es richtig ernst.

Anhand eines Fallbeispiels wurde die Grundsteuerklärung einmal komplett durchgespielt - von Anfang bis Ende. In diesem Zuge wurde erklärt, welche Informationen dafür benötigt werden und wo man diese Informationen - vom 16-stelligen Aktenzeichen Einheitswert bis zur Flurstücksnummer inklusive Zähler und Nenner -   erhält.  Als wichtige Quelle dient in diesem Zuge die Internetseite BORIS-BW, das zentrale Bodenrichtwertinformationssystem der Gutachterausschüsse in Baden-Württembergs. Hier kann man unter anderem den für die Grundsteuererklärung benötigten Bodenrichtwert selbst abfragen. Und sollte es für das eigene Grundstück, aus welchen Gründen auch immer, überhaupt keinen Bodenrichtwert geben. Macht auch nichts - dann einfach den Bodenrichtwert einer "vergleichbaren Fläche" nehmen, so der Rat der Experten - was mit erneutem Gemurmel und ungläubigem Kopfschütteln quittiert wurde. "Das ist doch alles eine Zumutung."

Verzweifeltes Kopfschütteln war auch zu sehen, als es dann um den allerersten Schritt bei der digitalen Grundsteuererklärung ging - die Registrierung bei Elster. Dafür ist ein Identitätsnachweis erforderlich - entweder über eine Zertifikatsdatei samt Aktivierungsbrief oder über den Personalausweis, sofern der eine Online-Funktion besitzt, wofür allerdings ein Smartphone mit Near Field Communication (NFC) oder ein entsprechendes Lesegerät benötigt wird sowie - last but not least - die AusweisApp2.  "Nehmen Sie am besten die Zertifkatsdatei - das ist immer noch am einfachsten", empfahl Sättete dem vor sich hin murmelnden Publikum, das ab hier mit dem Handy - sofern dabei -  Folie für Folie abfotografierte. Der Rest schrieb - so schnell wie er konnte - mit. Was Alfons Fischer dazu veranlasste, einen beruhigenden Hinweis zu geben: Die Powerpoint-Präsentation sei für jeden im Internet über grundsteuer-bw.de (Ausfüllhilfen Elster/Grundvermögen) frei verfügbar. "Sie brauchen heute Abend wirklich nicht panisch alles mitschreiben." Einem älteren Herren, der anmerkte, weder über ein Handy noch einen Computer zu verfügen, wurde der Gang zum Finanzamt oder zum Steuerberater dringend ans Herz gelegt.

Natürlich kamen auch viele Fragen auf. Etwa, ob die Angaben in der Erklärung überhaupt geprüft werden (Ja!) und ob man die Erklärung auch noch ein zweites Mal abgeben könne, wenn man zuvor einen Fehler beim Ausfüllen gemacht hat (Wahrscheinlich ja - muss man aber mit dem Finanzamt klären). Die Besitzerin einer Eigentumswohnung monierte, dass baden-württembergische Grundsteuermodell nicht nur aus ihrer Sicht eigentlich verfassungswidrig sei, weil es ungerecht ist. Eine Anmerkung, auf die die Referenten nicht näher eingehen wollten: "Dafür sind wir wirklich die falschen Ansprechpartner."

Und so wurde weiter durchgezogen- bis zur allerletzten Erklärfolie. Nach knapp zwei Stunden war es dann schließlich so weit.  "Jetzt drücken wir auf Senden und die Pflicht ist getan." Jubel im Saal...

Hilfreiche Informationen zur Grundsteuererklärung gibt es:

1.  Im Internet unter www.grundsteuer.de sowie auf den Homepages vom Bundesfinanzministeriums und des Ministeriums für Finanzen Baden Württemberg. Auf der zuletzt genannten Seite finden sich unter anderem auch genaue Ausfüllanleitungen und ein Erklärvideo.

2. Beim örtlichen Finanzamt, zum Beispiel in Aalen, Telefon (07361)  95780 oder E-Mail: poststelle@finanzamt-bwl.de

3. Und bei der Geschäftsstelle des Gemeinsamen Gutachterausschusses Nördlicher Ostalbkreis im Rathaus Ellwangen, Telefon (07961) 84229, E-Mail:gutachterausschuss@ellwangen.de

Der Vortrag wird wiederholt - eine Anmeldung ist erforderlich

Aufgrund der enormen Nachfrage wird der Vortrag „Grundsteuererklärung im Rahmen der Grundsteuerreform“ am Mittwoch, 14. September, um 18 Uhr im Speratushaus wiederholt.  Die Teilnahme ist kostenfrei. Veranstalter ist die Volkshochschule Ellwangen in Kooperation mit der Geschäftsstelle des Gemeinsamen Gutachterausschusses Nördlicher Ostalbkreis, des Seniorenrats Ellwangen sowie des Steuerberatungsbüros Baumann und Partner. Es wird um Anmeldung in der Geschäftsstelle Gutachterausschuss gebeten; bevorzugt per E-Mail unter gutachterausschuss@ellwangen.de, Betreff „Vortrag Grundsteuer 14.09.“ mit Nennung des Namens und der Anzahl der teilnehmenden Personen. Alternativ ist eine Anmeldung unter Tel. 07961 / 84-229 möglich.

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