Podcast: Ein Glas mit Lars - Folge 43

Erst ein Flüchtling, nach Jahren ein Freund, dazwischen ein Rauswurf

+
Evelyn und Tobias leben seit sechs Jahren mit Mahmoud zusammen. Mahmoud möchte nur unscharf fotografiert werden. Er hat Angst, dass seine Familie Probleme mit dem Assad Regime bekommt.
  • schließen

 Mahmoud floh aus Syrien und kam nach Ellwangen. Über den anstrengenden Weg, sich auf andere Menschen einzulassen.

Jagstzell.

Irgendwann ist Evelyn der Kragen geplatzt. Sie hat Mahmoud und Ali vor die Tür gesetzt, regelrecht rausgeschmissen. Dabei wollte sie mit ihrem Partner Tobias doch helfen, als die Flüchtlingswelle im Jahr 2016 auch auf der Ostalb einen Höhepunkt erreicht hat. „Das war eine persönliche Niederlage“, sagt sie. Heute, sechs Jahre später, sitzt Mahmoud wieder am Esstisch.

Es gibt Hochs und Tief, „darüber muss sich jeder bewusst sein, der Flüchtlinge aufnimmt“, sagt Evelyn. Mehr als eine Stunde lang plaudern Evelyn, Mahmoud und Tobias im Podcast „Ein Glas mit Lars“ über ihre Erfahrungen. Evelyn, ehrenamtlich in der Landeserstaufnahme (LEA) in Ellwangen engagiert, wollte damals, vor sechs Jahren, mehr tun, als „nur“ in der LEA zu helfen. „Das war mir ein inneres Bedürfnis, ich kann das gar nicht so genau beschreiben.“ Sie und Tobias nahmen Mahmoud und Ali in ihr kleines Haus auf. Tobias räumte sein Büro leer. Fortan war es das Zimmer der beiden Syrer.

Anfangs gibt es Probleme

„Es prallen Kulturen aufeinander, dessen muss sich jeder bewusst sein“, sagt Tobias. Mahmoud spricht im Schlaf, „da gab es abends auf einmal Geräusche, die wir vorher nicht kannten“, sagt Evelyn. Ali war der Ältere. Er kommandierte Mahmoud herum. „Es war für mich normal, Älteren zollt man Respekt“, sagt Mahmoud. Trotzdem knallt es irgendwann. „Ich konnte nicht mehr, es gab nur Streitereien.“  Sie stellte den beiden jungen Männer die Koffer vor die Tür. „Tobias wollte mich noch zum Bahnhof fahren“, erinnert sich Mahmoud. „Ich dachte nur: Was? Da wirft mich jemand raus und bringt mich noch zum Bahnhof.“ Er ging dann zu Fuß.

Wer sich um andere Menschen kümmern möchte, braucht einen langen Atem, und darf sich nicht sofort über Kleinigkeiten aufregen. „Pünktlichkeit kannten die Syrer nicht“, sagt Tobias. „Eine halbe Stunde oder eine Stunde später kommen, das spielte für mich keine Rolle“, sagt Mahmoud.

Mit den Ämtern und Behörden war es auch nicht immer leicht. „Da kommt schnell Frust auf, wenn nicht sofort geholfen wird“, sagt Evelyn. Wie heute auch herrschte damals ebenfalls eine Ausnahmesituation. Evelyn und Tobias holten Mahmoud wieder zurück. Mit vielen Behördengängen. Sie bezahlten die Sprachschule, eine Traumatherapie. Und sie sprechen viel mehr miteinander – auch offener. Vertrauen aufzubauen ist anstrengend. „Anfangs habe ich immer ja gesagt – ich kannte aber auch kein anderes Wort“, sagt Mahmoud.

Es dauert Jahre

Es braucht Jahre bis aus dem deutschen Paar und dem syrischen Flüchtling ein Team wird. Mahmoud verließ seine Geschwister und Eltern als 16-Jähriger. Er war politisch engagiert, drohte vom Assad Regime verfolgt zu werden. Über die Türkei und in einem undichten Schlauchboot ging es erst nach Slowenien, dann auf die Ostalb. Er vermisst seine Familie, jeden Tag. Er fragt sich, warum er ins Freibad gehen kann und seine Geschwister nicht. Das belastet einen jungen Menschen. „Auch nach nunmehr sechs Jahren gibt es schwierige Zeiten.“

Sich um andere Menschen zu kümmern, ist anstrengend. Jemanden so nah an oder besser in sein Leben zu lassen, bedeutet einen jahrelangen Prozess. Zumal, wenn die Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten kommen. „Dessen muss sich jeder bewusst sein“, sagt Evelyn. Auch mit Blick auf die aktuelle Situation.

Mehr als eine Stunde sprechen Evelyn, Tobias und Mahmoud im Podcast über die vergangenen sechs Jahre. Sie reden offen, erzählen über Probleme, über Trennung, Liebe und Familie. Den Podcast gibt es auf www.schwäbische-post.de und auf allen gängigen Podcastplattformen unter dem Stichwort „Ein Glas mit Lars“.

Zurück zur Übersicht: Jagstzell

Kommentare