Mit dem Fahrrad zwischen den Fronten

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Wie der Pommertsweiler Pfarrer Betzler Kopf und Kragen riskierte.

Bühler/Pommertsweiler. Der damalige Pommertsweiler Pfarrer Wilhelm Betzler berichtet aus seinen Aufzeichnungen: "22. April 1945. Es ist soweit. Der Amerikaner ist da; es ist ein Sonntagmorgen, an dem ich um 11 Uhr in Bühler Gottesdienst zu halten habe. Bei meiner Abfahrt mit dem Fahrrad in Pommertsweiler sind alle ahnungslos und bei meiner Ankunft in Bühler steht höchstens die Hälfte der sonstigen Kirchenbesucher vor der Kapelle. Sie sind sehr erregt."

Tags zuvor seien die Amerikaner in Bühlerzell einmarschiert, es habe einen Toten gegeben, erfährt Betzler. Er hält den Gottesdienst, die Gemeinde ist ernst. Alle gehen rasch nach Hause, bis auf Herrn Schenk.

"Herr Schenk geht mit mir zu seinen Verwandten in der Wirtschaft zum Lamm. Ich will noch nicht an den Ernst der Lage glauben, aber man hört das näherkommende Brausen der Panzer das Tal herauf. Herr Schenk geht mit der Wirtin und ihren Kindern in den Keller, da hört man schon das Knallen von Schüssen.

Ich beobachte von der Wirtsstube aus in Richtung Kapelle und sehe dort, neben einigen kleinen Panzern, einen riesigen Panzer, der Richtung Aalen fährt.

Die Amerikaner huschen um die Hausecken, und bald kommen deutsche Soldaten mit erhobenen Händen zum Vorschein, sie werden abgeführt.

Ich erschrak heftig, als plötzlich einer der kleinen Panzer in Richtung des Hauses Bieg feuerte und ahnte, was ich nachher sah: die Vorderfront des Hauses war zusammengeschossen. Ich dachte noch: Jetzt müssen sie sich der Wirtschaft nähern, da flog die Stubentür auf und vor mir stand ein himmellanger Neger. Er war über meine Anwesenheit so verblüfft, wie ich über seine. Langsam ging er auf mich zu und setzte mir die Waffe auf die Brust. ‘I am a priest', sagte ich, aber er verstand es nicht, es wird wahrscheinlich nicht richtig amerikanisch gewesen sein. Ich sagte noch einmal das selbe und nahm langsam meine Hände hoch und öffnete meinen Mantel. Da sah er meinen Priesterkragen und ließ die Waffe sinken."

Pfarrer Betzler versucht, in einem unbeobachteten Moment mit dem Fahrrad über Zimmerberg nach Pommertsweiler zu gelangen. Bei der Hammerschmiede passiert er eine Panzersperre, die von deutschen Soldaten gehalten wird.

Von Pommertsweiler aus sieht er bereits, dass Leinenfirst brennt. "Trotzdem war man erstaunt, als ich berichtete, dass Bühler bereits in amerikanischer Hand sei." Die deutschen Truppen in Pommertsweiler seien nur mangelhaft bewaffnet gewesen. Aus Richtung Hammerschmiede und Neuler hört man die Kämpfe. Pfarrer Betzler versuchte, einen abseits stehenden deutschen Offizier zum Abzug zu bewegen. Dieser entgegnete ihm: "Seien Sie froh, dass das niemand gehört hat, sonst müsste ich Sie erhängen lassen." Erst gegen 16 Uhr rücken die Deutschen ab, kurz zuvor ist Neuler von den Amerikanern unter starken Kämpfen eingenommen worden. Die Amerikaner zögerten; erst gegen 19.30 Uhr rückten sie schließlich in das von den Deutschen geräumte Pommertsweiler ein und beziehen Quartier.

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