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Mit Hammer und Herz

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Von: Alexandra Rimkus

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Haggy Sey arbeitet in Ellwangen als selbstständiger Hufbeschlagschmied. Den Beruf üben in Deutschland nur noch 3500 Menschen aus.
Haggy Sey arbeitet in Ellwangen als selbstständiger Hufbeschlagschmied. Den Beruf üben in Deutschland nur noch 3500 Menschen aus. © Oliver Giers

Der 23-jährige Pa-Alhagie Dennis Sey arbeitet seit diesem Jahr als selbstständiger Hufbeschlagschmied.

Ellwangen-Schleifhäusle 

Er gehört einer aussterbenden Zunft an: Pa-Alhagie Dennis Sey, den alle nur kurz Haggy rufen. Der 23-jährige Ellwanger hat sich einen Beruf ausgesucht, den in Deutschland nur noch sehr wenige Menschen ausüben. Haggy Sey ist Hufbeschlagschmied. Im Dezember hat der gelernte Baugeräteführer und ausgewiesene Pferdekenner die kostspielige Fortbildung erfolgreich abgeschlossen; jetzt hat er den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt. 

Angst vor der neuen beruflichen Herausforderung hat der 23-Jährige nicht. Kein Wunder, denn Haggy ist ein Kämpfer. War er schon immer. Musste er auch immer sein. Geboren am 19. Juni 1999 im Frauengefängnis Gotteszell in Schwäbisch Gmünd, kam der Sohn eines Gambiers und einer Deutschen im Alter von gerade einmal einem Tag in eine Pflegefamilie. Ein Ehepaar aus Ostdeutschland, das sich in Neuler-Schwenningen niedergelassen hatte, nahm den Jungen bei sich auf.

Haggys Kindheit und Jugend war nicht immer leicht - was nicht an den Pflegeeltern lag, sondern an Haggys Hautfarbe. Von manchen Lehrern wurde er gemobbt, von rabiaten Mitschülern gab's auch schon mal „auf die Schnauze“, berichtet er rückblickend und  - wie es seine  Art ist - breit grinsend. Haggy denkt nämlich grundsätzlich positiv. Er nimmt das Leben - auch wenn's mitunter gar nicht lustig ist - mit Humor. Als 2015 die LEA in Ellwangen öffnete und er im Zug nach Aalen von einem Fahrgast als vermeintlicher Flüchtling angepampt wurde, dass er die Tür noch nicht aufmachen dürfe, konterte er im breitesten Schwäbisch: „Hald dei Gosch. Des woiß i selbr!“ Den „bleeden Seggl" ließ Haggy danach verblüfft im Zug zurück. 

Ein erfolgreicher Gespannfahrer

Wobei Haggy keinen Hehl daraus macht, dass es in seinem Umfeld auch sehr viele Menschen gibt, die ihm von Beginn an wohlgesonnen waren und ihn immer unterstützt haben. Dazu zählen zum Beispiel Nachbarn in Schwenningen, wie Familie Wagner, wo Haggy als kleiner Bub seinen breiten schwäbischen Dialekt erfolgreich eingeimpft bekommen hat. Oder die Familien Hutter und Bäuerle, wo der Junge seine Liebe zum Pferd ausleben konnte. Nicht zu vergessen, Familie Winter in Schleifhäusle, wo Haggy derzeit wohnt und in deren Gasthof er bei Bedarf auch gerne mal mit anpackt. Weil es ihm Spaß macht. Genauso wie seine Arbeit mit Pferden. 

Die großen Vierbeiner haben es Haggy von Kindesbeinen angetan. Ein Onkel aus Jena war Pferdezüchter. Besuche bei ihm gehörten zu den Highlights in Haggys Kindheit. Ebenso wie übrigens auch Besuche bei den Ellwanger Pferdetagen oder beim Kalten Markt. Das waren für den Jungen aus Schwennigen immer „Pflichttermine“. Mittlerweile ist er selbst als Gespannfahrer regelmäßig beim Kalten Markt dabei; auch Blutritte in der Region lässt sich Haggy, der seit letztem Jahr ein eigenes Pferd besitzt, nicht entgehen.

Wobei der 23-Jährige lieber Gespann fährt, als reitet. Ersteres beherrscht er exzellent, was ihm die Teilnahme bei vielen großen internationalen Fahrwettbewerben eingebracht hat. Als Beifahrer und als Pferdebetreuer gilt Haggy Sey als absolute Koryphäe. Aus ganz Deutschland wird er mittlerweile von Fahrsportler für Turniere angefragt. In den letzten Jahren ist der 23-Jährige auf diese Weise weit rum gekommen; selbst in Windsor  - damals noch vor den Augen der Queen - ist er schon Gespann gefahren. Mit diesem Hobby ist aber vorerst Schluss, erklärt Haggy, der in seiner Freizeit auch noch Kleintierzüchter ist und gerne Standard tanzt. „In der nächsten Zeit muss ich mit dem Fahrsport kürzer treten.“

Einer von 3500 Hufschmieden

Haggy Sey will sich die nächsten Jahre voll und ganz auf seinen neuen Job konzentrieren. Er will sich als Hufbeschlagsschmied einen Namen machen. Rund 15 000 Euro hat der junge Mann in seine zweieinhalbjährige Ausbildung beim Landgestüt Staatsgut Schwaiganger in Bayern investiert. Im Dezember 2022 legte er erfolgreich die Prüfung ab und  gehört jetzt ganz offiziell zu den rund 3500 aktiven Hufbeschlagschmieden, die sich in Deutschland um rund 1,3 Millionen Pferde kümmern müssen.

Eine große Aufgabe, wenn man bedenkt, dass Pferde in der Regel alle sechs bis acht Wochen frisch beschlagen werden sollten oder - falls sie keine Hufeisen tragen - zumindest eine Barhufpflege brauchen. Wobei viele Pferdebesitzer genau an diesen Stellen oft sparen. Einige lassen die Tiere monatelang auf alten Eisen laufen. Eine fatale Fehlentscheidung, sagt Haggy. Denn: „Ohne gesunden Huf kein Pferd!“

Wer sein Ross nicht richtig besohlt, mache es krank, erklärt der 23-Jährige, der sich bei seiner Arbeit viel Zeit nimmt und die Vierbeiner intensiv anschaut, bevor er - mitunter erst nach Rücksprache mit einem Tierarzt - entscheidet, welche Maßnahme sinnvoll ist. Heißbeschlag sowie Spezial-  und Orthopädie-Beschläge und Hufpflege hat Haggy Sey in seinem Angebotsportfolio.

Die Kosten sind überschaubar, eine Barhufpflege gibt es  bei ihm schon ab 50 Euro, Steuern und Anfahrt sind da schon inklusive. Trotzdem ist das vielen Pferdebesitzern noch zu teuer, sagt Haggy, der aber trotzdem an sich und seinen Erfolg glaubt. Er will sich durchkämpfen und alle überzeugen – vor allem seine Kritiker. Wenn das einer schaffen kann, dann Haggy.

Über die Geschichte des Hufbeschlags

Eigentlich benötigen Pferde gar keinen Hufschutz. Wildpferde kamen und kommen problemlos ohne Hufeisen aus. Erst als der Mensch das Pferd für sich entdeckte, bekam es ein Problem: Weil der Huf eines domestizierten Arbeits- und Hauspferds - bei hoher Beanspruchung durch den Menschen - einfach nicht schnell genug nachwächst. Schon im 4. Jahrhundert vor Christus wussten die Menschen, „ein gutes Pferd muss harte Hufe haben.“ Der griechische Schriftsteller und Pferdekenner Xenophon verglich die Hufe eines Pferdes mit dem Fundament eines Hauses: „Wenn der Unterbau nichts taugt, ist auch der schönste Oberbau wertlos.“

Erste Hinweise auf „Hufschutzvorrichtungen“ - aus Leder, Stroh, Bast oder Lappen -  sind schon aus dem ersten Jahrtausend vor Christus bekannt. Ab dem 9. Jahrhundert häufen sich Berichte über „vernagelte Pferde“ in Europa. Der Beruf des Hufbeschlagschmieds war geboren und über Jahrhunderte hinweg ein angesehenes, „ehrbares“ Handwerk, was sich auch in der Kirchenchronik der freien Reichsstadt Aalen/OAK von 1765 nachlesen lässt.

Die Ära der Schmiede, die Hufeisen mit Hammer und Amboss am heißen Ofen noch selbst herstellen mussten, endete irgendwann um 1930. Seitdem wird mit fabrikgefertigten Eisen gearbeitet. Es gibt Modelle in allen Größen und Gewichten. Eine Errungenschaft, um die uns die Völker der Antike beneidet hätten.

Das glühende Eisen wird in Form gebracht.
Das glühende Eisen wird in Form gebracht. © Oliver Giers
Haggy Sey (rechts) bei der Arbeit. An seiner Seite, sein Aufheber Fynn Wiehl aus Stödtlen, der mit großer Kraft den Huf sicher halten muss, während Sey seine Arbeit verrichtet.
Haggy Sey (rechts) bei der Arbeit. An seiner Seite, sein Aufheber Fynn Wiehl aus Stödtlen, der mit großer Kraft den Huf sicher halten muss, während Sey seine Arbeit verrichtet. © Oliver Giers
Haggy Sey arbeitet in Ellwangen als selbstständiger Hufbeschlagschmied. Den Beruf üben in Deutschland nur noch 3500 Menschen aus.
Haggy Sey arbeitet in Ellwangen als selbstständiger Hufbeschlagschmied. Den Beruf üben in Deutschland nur noch 3500 Menschen aus. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Wo Hufe gefeilt werden fallen Spähne.
Wo Hufe gefeilt werden fallen Spähne. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Pferdeportrait
Pferdeportrait © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Hufpflege vorm beschlagen.
Hufpflege vorm beschlagen. © Oliver Giers
Die Hufeisen werden vorbereitet.
Die Hufeisen werden vorbereitet. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied.
Haggy Sey, selbstständiger Hufbeschlagschmied. © Oliver Giers
Hufeisen im Feuer.
Hufeisen im Feuer. © Oliver Giers

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