Mordprozess: Keine Beweise, dass Adrian S. von seiner Mutter misshandelt wurde

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Archivfoto: opo
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Am vierten Tag der Hauptverhandlung wird ein "Bekennerschreiben" vorgelesen, das der Angeklagte vor der Tat in Rot am See verfasst hat.

Ellwangen. Der Mordprozess gegen Adrian S. schreitet voran. Der Mann, der beschuldigt wird, am 24. Januar in Rot am See sechs Menschen getötet und zwei schwer verletzt zu haben, darf noch diese Woche das Urteil erwarten.

Nachdem der Angeklagte vorige Woche im Schwurgerichtssaal zusammengebrochen war und die Verhandlung abgebrochen werden musste, versichert sich Vorsitzender Richter Gerhard Ilg zu Beginn des vierten Verhandlungstages, dass Adrian S. auch verhandlungsfähig ist. Der junge Mann bestätigt, in guter gesundheitlicher Verfassung zu sein. Er sitzt ruhig auf der Anklagebank, wirkt heute eher teilnahmslos. Manchmal verdreht er seine Augen, offenbar ein Tick, den er nicht kontrollieren kann.

Erster Zeuge ist der Polizeibeamte, der für die kriminaltaktische Untersuchung am Tatort, speziell das Zimmer von Adrian S. zuständig war. Im zweiten Obergeschoss des Gasthauses "Deutscher Kaiser", das Lokal gehörte dem Vater, lebte der Angeklagte in selbst gewählter Isolation. Die Tür war stets verriegelt, mit Überwachungskameras und Infrarotschranke gesichert.

Ich muss dieses Monster so oder so aufhalten.

Adrian S. in seinem Bekennerschreiben

Zwei bemerkenswerte Entdeckungen machte der Polizist: einen Karton mit Klebeband, Kabelbinder, Bunsenbrenner, Seil, Sekundenkleber und einem Beil. Was es damit auf sich hatte, geht aus einem handschriftlichen Text in einem Collegeblock hervor. Er beginnt mit dem Satz "Ich wusste, dass ich es töten würde" und liest sich wie ein Bekennerschreiben. Der Angeklagte hat darin aufgeschrieben, warum er seine Mutter hasst und warum er sie umbringen wollte.

Er schreibt von ihr nur in der sächlichen Form "es", nennt sie "Monstrum", "Dämon" und schreibt, er habe die Misshandlungen, die er unter ihr zu erleiden hatte, lange verdrängt. "Mit 23 kommen die Erinnerungen wieder zurück", steht da. Jetzt erinnere er sich wieder an "die Höllenqual", die er "in den Fängen dieses Dämons" erlitten habe. Adrian S. unterstellt der Mutter "sadistischen Genuss" dabei, ihn zu vergiften: "Es hat alles gehasst, was einen Penis hatte". Und dabei habe sie ihm auch noch vorgegaukelt, wie sehr sie ihn lieb habe. Zuerst habe er geplant, sie zu foltern, daher die Utensilien in dem Karton. Dann sei ihm klar geworden, dass "die Matriarchie" sie schützen würde. "Ich muss dieses Monster so oder so aufhalten, und das geht nur indem man es tötet und seine Diener mit ihm" liest der Richter vor.

Ein Waffensachverständiger vom LKA berichtet von der Untersuchung der Walther 9 Millimeter Sportpistole. Die gefundenen Kugeln stammten eindeutig aus dieser Waffe. Weitere Polizisten schildern die Spurensicherung.

Am Nachmittag werden drei Ärzte aus dem Klinikum Lahr/Ettenheim als Zeugen und Sachverständige gehört. Ein Beweisantrag der Verteidigung, dem Angeklagten sei 2012 bei einem Krankenhausaufenthalt gesagt worden, man habe das synthetische Östrogen Etinylestradiol in seinem Blut entdeckt.

Keine Spur von Etinylestradiol

Es ist ein Versuch der Verteidigung, dem Tatmotiv des Angeklagten Substanz zu geben: Hass auf die Mutter, weil sie ihn über längere Zeit mit dem weiblichen Sexualhormon vergiftet habe. Um es kurz zu machen. Keiner der drei Ärzte kann sich an eine derartige Feststellung erinnern. Überhaupt erinnern sie sich an den Patienten nicht mehr. Nur anhand der Akte machen sie Aussagen, die aber der Verteidigung nicht helfen.

Im Gegenteil: Der Neurologe Prof. Dr. Volker S. versichert, das Blut eines männlichen Patienten werde nicht auf Etinylestradiol untersucht. Auch bei dem Krankheitsbild, mit dem Adrian S. eingeliefert wurde, Migräneanfall mit Sprachstörung, sei das nicht angezeigt gewesen. Eine Fälschung der Patientenakte, wie von Adrian S. behauptet, schließen sowohl der Leiter der Klinik wie auch der Oberarzt und der Stationsarzt aus. Die Laborwerte zu fälschen sei unmöglich, weil sie nicht nur in der Klinik sondern auch im Labor elektronisch gespeichert werden.

Alles nur Einbildung?

Diese Aussagen müssen für Adrian S. extrem deprimierend sein. Bislang gibt es keinerlei Beweis dafür, dass seine Mutter ihn jemals misshandelt oder gar vergiftet hat. Jeder Prozessbeobachter muss momentan davon ausgehen, dass sich Adrian S. die Misshandlungen eingebildet hat. Aus der Patientenakte von 2012 wird deutlich, dass Adrian S. offenbar auch vor diesem Krankenhausaufenthalt schon Migräneanfälle hatte. Und man erfährt, dass die Mutter wollte, dass ihr Sohn einem Psychiater vorgestellt werde. Das erfolgte dann auch, allerdings nur bezüglich der Beschwerden, mit denen Adrian S. in der Klinik war.

Ob Adrian S. bereits während seiner Kindheit und Jugend psychisch auffällig war, ob er zum Tatzeitpunkt psychisch gestört war und möglicherweise nicht voll schuldfähig, dazu wird man vielleicht am Mittwochnachmittag mehr erfahren, wenn der Sachverständige Dr. Peter Winckler sein psychiatrisches Gutachten vorträgt. Am Donnerstag sind dann bereits die Plädoyers zu erwarten.

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Archivfoto: Oliver Giers

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