Die Geschichten-Ausgraber

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Fast schon unscheinbar ist die fertige Festschrift. Man sieht ihr nicht an, wieviel Geduld, Zeit, Energie und Herzblut Martin Vaas (links) und Jochen Staiger in das Projekt hineingesteckt haben.
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Wie zwei junge Fußballer zu echten Vereinsforschern wurden und Wertvolles für kommende Generationen zusammentrugen.

Neuler

Was macht man so als junger Mann mit 31 Jahren? Kumpels treffen. Vielleicht mit der Freundin ins Kino. Motorradfahren, Fußball, Zocken? Da ist eine Menge Platz für Klischees. Martin Vaas und Jochen Staiger jedenfalls, beide aus Neuler, der eine 32, der andere 31, haben es anders gemacht. Ganz anders.

Eineinhalb Jahre lang bestimmten 100 Jahre alte Protokolle in Sütterlin, Mails an Archive, lange Sofagespräche mit den über 90-jährigen Neulermern und die Suche nach vergessenen Kellerschätzen ihre Freizeit.

Dass durch die Pandemie kein Sportbetrieb möglich war, sie nicht vier Mal in der Woche auf dem Fußballplatz standen, hat Jochen Staiger und Martin Vaas - beide seit rund 25 Jahren beim Turnverein, ähnlich lange Fußballer, seit sie 20 sind gemeinsam Schriftführer – Zeit verschafft. Zeit, um sich so richtig in die Vereinsgeschichte reinzuschaffen.

Anlass war das hundertjährige Bestehen des Vereins im vergangenen Herbst. Dafür wollten sie als Schriftführer eine Festschrift erstellen. Draus geworden ist eine intensive Zeit. Vom Frühjahr 2020 an saßen sie ungefähr zwei Mal pro Woche zusammen. Jochens Freundin Caro und die Kumpels aus dem Popo-Club mussten manches Mal warten. Weil's doch irgendwie wieder länger dauerte, wenn die beiden samstags loszogen, eigentlich nur kurz ein Foto abholen wollten. Dann aber auf den Sofas alter Neulermer „hängen blieben“. Die Lauscher aufsperrten, wenn die ihre Wissenskiste und das Fenster zur Vergangenheit öffneten. Die Fotoalben raus kramten. Und so manche spannende Anno-Dazumal-Details zu Tage förderten. „Wenn sie erstmal ins Erzählen kommen, packen sie richtig aus“, schmunzelt Staiger. „Und irgendwann hat das dann auch nichts mehr mit dem TVN zu tun“, ergänzt Vaas. Da wurde es gern mal 23 Uhr. Viel zu spät. Aber drin im Herzen, da waren die Zwei ein Stückchen reicher. Die Besuchten hatten sich gefreut über das Interesse der beiden jungen Fußballer. „Das war richtig schön, die Leute näher kennenzulernen“, so Elektronikingenieur Staiger.

Dass diese Sofaabende mit den Zeitzeugen wertvoll sind, für ihr Projekt und auch für sie selbst, haben die Zwei schnell gespürt. Und so hat sich auch ihre Rolle gewandelt. Von den Schriftführern, die „einfach“ fürs Jubiläum eine Festschrift zusammenstellen, wurden sie zu Vereinsforschern. Zu Geschichten-Ausgrabern. Zu Wie-war-das-nun-genau-Fragern. Zu Wissen-Zusammentragern. Damit haben die beiden den kommenden Sportlergenerationen des TVN und auch der Gemeinde ein Geschenk gemacht. Dieses Wissen um das Früher verschwindet, wenn sich keiner drum bemüht. Aber: Jochen Staiger und Martin Vaas haben es getan. Und das Ganze zu ihrem Projekt gemacht.

Dass sie mit den Originalprotokollbüchern von 1921 eine vermutlich wertvolle Quelle besaßen, war klar. Doch das Sütterlin stand zwischen ihnen. Fünf Anläufe, doch keiner beherrschte dieses spezielle Sütterlin. Dann hatten sie Glück. Bei Karl Sorg. „Er fing einfach so an zu lesen“, schüttelt Staiger bei der Erinnerung den Kopf. Fünf Stunden übersetzte der 92-Jährige, der seit einem dreiviertel Jahrhundert TVN-Mitglied ist. Dann beschloss er: „Lasst mir das Buch da. Ich les' es ein paar Mal durch. Dann kann ich es Euch flüssig diktieren.“ Und so saßen sie dann ein paar Tage später da und transskripierten in ihren Laptop. „Karl konnte dann die Geschichten zu dem, was im Protokoll stand, erzählen. Das war sehr wertvoll“, sagt Projektingenieur Vaas. Unter anderem auch die, warum Schafe als Platzwarte eingesetzt wurden. (Die Bauern hatten andere Sorgen, der Verein kein Geld, jemanden fürs Mähen zu bezahlen und der Schafsdung ließ das ramponierte Gras wunderbar wachsen.) Im Stadtarchiv Biberach wurden sie fündig bei ihrer Recherche zur Vereinsfahne, von jedem der 13 Vorstände ein Foto zu finden, war eine Herausforderung. Nikolaus Rieger war in den 30ern weggezogen, keiner kannte ihn mehr. Wer könnte etwas wissen? Selbst im Hühnerstall von Anton Weis standen die jungen Männer und fragten sich durch den Ort. Dann war's der „Schwarza Hans“ (wieder Karl Sorg), der helfen konnte. Von Verwandtschaft bei Lauchheim wusste. Bei der haben sich Vaas und Staiger noch am selben Tag gemeldet. Und wenig später kam ein Brief und das ersehnte Bildmaterial.

Auch Ehrenvorstand Hans Löcher steuerte ein paar Geschichten bei. Zum Beispiel die, wie das damals so war in den Fünfzigern. Wenn sich die Fußballer trafen, mit dem Drahtesel nach Aalen fuhren. Dann bei der Ankunft – so ganz ohne E-Bike – eigentlich platt waren. Und sich regelmäßig eine Klatsche beim VfR holten. Das Material zu sammeln war eine intensive Zeit. Fürs Verarbeiten, dazu brauchte es dann einen langen Atem, Durchhaltevermögen, ein kleines Team im Hintergrund. Und auch das ein oder andere Bier.

Wenn sie erst mal ins Erzählen kommen, packen sie richtig aus.“

Jochen Staiger, Mitglied TV Neuler
Dieser Vereinskrug ist der einzige Besitz - neben den Protokollbüchern - des TV Neuler, der den Krieg überlebt hat.

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