Pferde brauchen keinen Diesel

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Es geht auch ohne Motorenlärm: Martin Rathgeb mit "Bärli" und der Wiesenegge.
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Martin und Andreas Rathgeb arbeiten mit ihren Kaltblutpferden im Wald und auf dem Feld. Bei großen Flächen sind die Tiere den Maschinen unterlegen. Doch dafür verbrennen sie keinen Sprit.

Ellenberg-Muckental

Ein Koloss von 850 Kilogramm stapft über die Wiese am Waldrand bei Muckental. Er leistet exakt eine Pferdestärke:  „Bärli“, der Kaltblutwallach schleppt mit gleichmäßigem Schritt eine stählerne Wiesenegge hinter sich her. Diese Arbeit müssen alle Landwirte, die Wiesenflächen bewirtschaften, im Frühjahr vornehmen. Dabei werden Maulwurfshügel und Mist verteilt, Äste und andere Fremdkörper entfernt, damit bei der Gras- oder Heuernte sauberes Futter eingefahren werden kann.

Wenn "Bärli" die Egge über die Wiese zieht, geht Martin Rathgeb, sein Besitzer, seitlich versetzt. Die Leinen, mit denen er das Tier dirigiert, hält er in der Hand. Es ist ein so ganz anderes Arbeiten, als man es von der Landwirtschaft mit Traktoren heute gewohnt ist. Die Egge ist gerade mal 1,5 Meter breit, das Pferd braucht länger als ein Traktor, um die gesamte Fläche zu bearbeiten, obwohl es wendiger agieren kann. Anders ist auch: das Pferd verursacht keinen Lärm, das Gespann agiert fast lautlos und es stößt kein fossiles CO2 aus. Ein Pferd frisst Gras und Heu und Hafer. Mit Benzin und Diesel kann es nichts anfangen.

Dass Pferde tatsächlich noch im Feld arbeiten und nicht nur etwa bei Festumzügen zur Schau gestellt werden, sieht man nur noch selten. Ein Grund: man findet kaum noch die Geräte und Maschinen, die für den Vorspann von Tieren gebaut sind. Die Wiesenegge, die "Bärli" angehängt ist, kommt aus dem Landtechnikmuseum Halle 7/1 in Killingen. Sie gehört Thomas Vatter, der dort viele alte Maschinen sammelt und ausstellt. Er hat nach Muckental eine ganze Reihe von Geräten aus den 1920-er bis 1960-er Jahren mitgebracht. Einen Wiesenhobel aus Holz, der an der Unterseite mit Eisen beschlagen ist, eine Wiesenegge aus Balken, mit Eisennägeln gespickt und noch eine Art Wiesenhobel, bei dem der Winkel, mit dem die Bretter über den Boden gleiten, mit einer Mechanik verstellt werden kann.

Dieser Anbau, den die Männer zuerst versuchten, behagte den Pferden überhaupt nicht. Zu laut, zu sperrig, zu holperig: ein paar Galoppsprünge später war das seltsame Ding zerbrochen. "Beppi", der jüngere der beiden Kaltblüter, war durchgegangen. "Er muss noch lernen", sagt Andreas Rathgeb und führt nun den Jungspund ohne eine Anhängelast neben dem älteren Pferd her, damit er sich an die Geräusche und an die Maschinen gewöhnt.

„Ein Zugpferd muss das Arbeiten gewohnt sein“, sagt Martin Rathgeb. Die Egge bremst stetig, das Tier kommt schnell ins Schwitzen. Trotzdem zieht "Bärli" weiter. Der Mensch muss erkennen, wann das Pferd eine Pause braucht, damit es sich nicht aufreibt. Dann sagt Martin Rathgeb "Brrrrt", das Pferd bleibt stehen und nimmt sich ein Maul voll Gras.

Sind Pferde eine Alternative in der aktuellen Energiekrise? Wohl kaum, obwohl die Amish in den USA beweisen, dass man auch großflächige Landwirtschaft mit Pferden betreiben kann. Aus religiösen Gründen setzen sie bis heute auf Pferdegespanne. Und trotzdem hat Pferdekraft auch im Jahr 2022 noch seine Berechtigung. Martin und Andreas Rathgeb arbeiten mit ihren Tieren im Wald, sie haben ein Gewerbe als Holzrücker angemeldet und hatten in diesem Winter so viele Aufträge wie selten.

Der hohe Holzpreis sei ein Grund dafür, dass mehr Waldbesitzer auf die bodenschonende Arbeit mit Pferden setzen, sagen die Brüder Rathgeb. Sie sind im Privatwald und im Kommunalwald aktiv. Und sie profitieren von den gestiegenen Preisen für Treibstoff. Martin Rathgeb: "Die Kollegen, die mit Motoren arbeiten, mussten ihre Preise anheben, weil der Diesel so teuer ist. Wir konnten unseren halten. Die Pferde brauchen keinen Diesel."

„Ein Zugpferd muss das Arbeiten gewohnt sein.“

Martin Rathgeb, Holzrücker
Die beiden Zugpferde "Bärli" und "Beppi" mit ihren Besitzern Andreas (l.) und Martin Rathgeb. In der Mitte Thomas Vatter.

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