Förster findet Spuren eines Wilderers

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Förster Tilman Pfeifle an einer Buche mit den Kerbzeichnungen des Wildschützen "AR"; die Buche ist nach Schätzungen Pfeifles etwa 180 Jahre alt.

Ritzzeichnungen in alten Buchen erzählen eine Wilderergeschichte im Schönbergerwald. Der Förster auf dem Schönbergerhof, Tilman Pfeifle, erzählt.

Neuler/ Rosenberg

Ritzzeichnungen in alten Buchen, ein Wildschütze und Förster Tilman Pfeifle – wie das zusammengehört? Eine spannende Geschichte.

Es war keine gute Zeit, die sogenannte "Weimarer Republik" zwischen 1919 und 1933. Neunmal mussten die Württemberger den Reichstag und sechsmal den Landtag wählen. Die Reparationskosten des Ersten Weltkriegs belasteten die öffentlichen Haushalte. Am 25. Oktober 1929 und in den Tagen danach brach die New Yorker Börse zusammen und innerhalb weniger Tage lösten sich Milliarden von Börsenwerten in Luft auf. Eine hohe Arbeitslosigkeit und vielfältige Not herrschte danach auch in Deutschland.

In den Oberämtern Aalen, Ellwangen und Neresheim waren im Spätsommer 1929 insgesamt 214 Personen arbeitslos gemeldet gewesen, am 5. Februar 1930 wies die Statistik bereits 1711 Erwerbslose aus. Zu den vielen Folgen der Arbeitslosigkeit zählte, dass Lebensmittel und Brennholz knapp und teuer wurden und von den ärmeren Schichten der Bevölkerung, vor allem von den Arbeitslosen, kaum bezahlt werden konnten. Brennholzdiebstähle und die Wilderei nahmen zu.

Hier beginnt die Wilderergeschichte. Auf dem Hüttenhof, dort wo sich heute der Campingplatz und das Baumhaushotel befinden, wohnten damals der Hüttenhofbauer und seine Familie. Der Hof war entsprechend groß und besaß deswegen ein eigenes Jagdrecht. An diesen Privatwald grenzte das Staatsrevier, das vom Forsthaus Schönbergerhof betreut wurde. Dort saß seit Anfang November 1924 der Forstwart Franz Bux.

Dessen Geschichte hat der heutige Schönbergerhof-Förster Tilman Pfeifle erforscht. Er schreibt:

"Der am 23.2.1883 in Rechenberg geborene Forstmann war ein sehr gläubiger Katholik. Wohl auch, weil er vorher ein Revier in Hohenberg hatte, "pilgerte" er so manchen Sonntag mit seiner Frau Sofie und seiner siebenköpfigen Kinderschar zur Jakobuskirche auf dem Hohenberg. Die Kleinsten, die noch nicht so weit laufen konnten, wurden in ein Leiterwägele gesetzt."

Er musste den Wilddieb auf frischer Tat ertappen.

Tilman Pfeifle Förster und Autor

Tilman Pfeifle erzählt vom Sohn eines "eigentlich gar nicht armen Nachbarn, dem seine eigene 100-Morgen-Jagd wohl nicht groß genug war". Regelmäßig habe er die Grenze überschritten und sei so zum "Wildschütz" geworden. "Nach so mancher ‘Freipirsch' ritzte er in die Rinde der im Staatsforst stehenden Buchen in Grenznähe die Initialen ‘AR' mit Jahreszahl oder auch zur Verhöhnung einen Förster mit langer Nase, teils mit Dackel und Gewehr", so Tilman Pfeifle.

Forstwart Bux habe immer wieder frische Spuren von abgeschossenem Wild gefunden und habe ungeklärte Schüsse gehört. Der Förster habe sich Tag und Nacht auf die Pirsch begeben. "Er musste den Wilddieb auf frischer Tat ertappen, denn der bloße Besitz von Wildbret und Waffen war bei einem Jagdscheininhaber kein Beweis", erklärt Pfeifle. Doch alle Anstrengung sei erfolglos geblieben. Niemand konnte "AR" je etwas nachweisen. "Wahrscheinlich wurde ihm sein Tun irgendwann doch zu heiß und er unterließ einfach später die Grenzübertritte", interpretiert Tilman Pfeifle die Situation. "AR" sei 1943 am Kuban-Brückenkopf in Russland gefallen berichtet Tilman Pfeifle.

Hinter "AR" stehe Adam Röther, Sohn des gleichnamigen Vaters und Enkel eines ebenfalls Adam Röther, im Volksmund "Hüttenbauer" genannt. Die Röther waren evangelisch im sonst katholischen Umland und gehörten geistlicherseits – obwohl Rosenberger Bürger – zur evangelischen Kirchengemeinde Adelmannsfelden.

Ob AR dem katholischen Forstwirt Franz Bux eine auswischen wollte und deswegen gelegentlich ins Staatsrevier hinüber wechselte um zu zeigen, dass der evangelische Jäger mindestens so gut wie der katholische Forstwart ist? Erzählt habe man solche Geschichten – und viele mehr – unter dem großen Keilerkopf in der "Linde" im benachbarten Hütten, einem kleinen Teilort der Gemeinde Rosenberg, erinnert Pfeifle. Montagabends habe früher der Jägerstammtisch getagt, um den sich manche andere Geschichte ranke, die aber – bei Tageslicht betrachtet – überwiegend der Gattung "Jägerlatein" zugeschrieben sei. Nicht zuletzt habe auf dem Bogen des großen und meist übervollen Aschenbechers folgendes gestanden: "Stammtisch für Jäger, Angler und sonstige Lügner".

Die Wilderei hat vor allem in den Heimatfilmen der 1950er Jahre romantische Züge angenommen. "Aber sie war und ist bis heute eine Straftat, für die in schweren Fällen bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen", betont Förster Tilman Pfeifle.

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