Schweinehalter: Opfer der Pandemie

+
Tobias Schirrle mit einem jungen Ferkel: Derzeit gibt er jedem Tier Geld mit, wenn es den Stall verlässt.
  • schließen

Gerade als der miserable Fleischpreis dabei war, sich zu erholen, kam die vierte Welle. Sie könnte einer ganzen Branche den Garaus machen.

Wört-Schönbronn

Tobias Schirrle (30) ist zwar noch jung, doch in der Schweinezucht macht ihm so schnell niemand etwas vor. Sein Vater hat den Stall zu einem Vorzeigebetrieb aufgebaut, 2015 an den Sohn übergeben und die ganzen Erfahrungen dazu. Der junge Landwirt weiß, dass die Schweinehaltung zwischen Preishochs und -tiefs bestehen muss. Der Schweinezyklus, die periodische Schwankung von Angebotsmenge und Marktpreis, ist als markanter Mechanismus längst auch in anderen Branchen ein Begriff.

Weil er mit dem Schweinezyklus groß geworden ist, brach Tobias Schirrle auch nicht in Panik aus, als der Ferkelpreis im Winter 2019/20 von fast 90 auf 20 Euro abstürzte. Das erste Coronajahr mit Lockdown für Gastronomie, Absage von Fasnacht und Volksfesten ließ den Fleischkonsum einbrechen. Wegen der afrikanischen Schweinegrippe war auch der Export kein Ventil mehr. 20 Euro für ein Ferkel, das ist ein Preis jenseits von Gut und Böse, jedem Tier, das den Stall verlässt, gibt der Bauer 18 Euro mit, oder sogar noch mehr.

Anders als das Fließband einer Fabrik lässt sich eine Schweinezucht nicht von heute auf morgen stoppen. Die trächtigen Sauen tragen ihre Jungen aus, egal wie sich Kosten und Preise entwickeln. Mäster können den Stall leer lassen, das nächste Preishoch abwarten. Doch Schirrles Sauen werfen weiter. Die knapp 300 Muttersauen sind Ergebnis jahrzehntelanger Zucht, daran hängt der ganze Betrieb. Eine Zucht kann man nicht unterbrechen, bis der Preis wieder anzieht. Züchter müssen das Tal durchschreiten und hoffen, dass der nächste Berg genügend einbringt, um die Verluste wieder auszugleichen.

Zudem hat Schirrle Verträge zu erfüllen, und damit sind gar nicht die Kreditverträge mit der Hausbank gemeint. Die Produktion von Schweinefleisch ist ein fein austariertes "Just in time" von Züchter, Mäster und Schlachter. Schirrles Ferkel gehen zu einem Mäster im Bodenseeraum, der einen regionalen Metzger beliefert. Die Produktionskette kommt nie ganz zum Erliegen. Selbst wenn die Nachfrage nach Fleisch so massiv einbricht, wie infolge der Pandemie, wird weiter geschlachtet. Dann wird Fleisch eingefroren und eingelagert.

Die Pandemie hat den Schweinezyklus komplett ausgehebelt. Gastronomie geschlossen, Volksfeste abgesagt, dann die skandalösen Berichte über Infektionsherde in Schlachthöfen und ein verregneter Sommer mit miserabler Grillsaison. Es ist als würde das Unheil der ganzen Welt auf die Schweinehalter hereinbrechen. Seit über fünf Monaten stehen die 20 Euro wie festgenagelt. Und als sich schließlich im Herbst ein Lichtstrahl am Horizont abzeichnet, kommt die vierte Welle, die das Weihnachtsgeschäft vernichtet.

Unter den Kollegen macht sich Verzweiflung breit, sagt Schirrle. 60 Prozent der Schweinezüchter in Deutschland und 80 Prozent im Süden wollen aufgeben. Solche Zahlen findet man auf Agrarforen und sie sind nicht einmal unrealistisch. Denn die miserablen Erzeugerpreise werden begleitet von einer extremen Verteuerung der landwirtschaftlichen Betriebskosten: Diesel, Futtermittel, Soja, Mineraldünger. Die Preise dafür haben sich seit dem Sommer teilweise mehr als verdoppelt.

Schlachtbetriebe und der Lebensmitteleinzelhandel haben mittlerweile erkannt, dass da eine Produktion wegzubrechen droht, was auch ihre Existenz bedroht. Sie bemühen sich aktuell, Züchter und Mäster über Verträge langfristig an sich zu binden. Aldi hat soeben verkündet, künftig nur noch Schweinefleisch zu verkaufen, das im Land gezüchtet, gemästet und geschlachtet wurde. "Das schaffen die nie", sagt Schirrle. "Die bekommen die nötigen Mengen nicht mehr."

Der Frust bei den Schweinehaltern ist mittlerweile so groß, dass eine kleine Mail die Entscheidung zur Hofaufgabe auslösen kann. Schirrle ist ITW-Erzeuger. Das Kürzel steht für "Initiative Tierwohl". Er hat schon vor Jahren eine kontrollierte Produktion aufgebaut. Seine Tiere haben mehr Platz, als die in konventioneller Haltung. Sie bekommen genfreies Futter, Spielzeug, sie werden schmerzfrei kastriert. Schon vor Monaten hat Schirrle neue Futterautomaten aufgestellt mit Graspellets von eigenen Wiesen. Die Schweine fressen das Rauhfutter gern. Der Landwirt ging davon aus, dass seine Haltung die Tierwohlanforderungen übererfüllt.

Jetzt wird ihm mitgeteilt, dass er zum 1. Januar Raufen einbauen und den Schweinen auch noch Stroh zugeben muss. Eine neue Vorgabe, die neue Investitionen auslöst, während sich am Erzeugerpreis nichts ändert. Manche Ferkel werden Durchfall bekommen, weil neue Bakterien in den Bestand kommen. Die Kosten werden noch einmal steigen, die Erträge werden noch einmal sinken und der Landwirt fragt sich, was eigentlich noch kommen muss, bevor es wieder aufwärts geht.

Ferkel in der Aufzuchtbox: Die Schweinezucht ist seit Monaten ruinös, weil der Ferkelpreis extrem tief verharrt. Ein Grund ist die Pandemie, die den Verzehr von Schweinefleisch einbrechen ließ.
Muttersau und Ferkel im Kastenstand, der verhindert, dass die Jungen zerdrückt werden.

Zurück zur Übersicht: Ellwangen

WEITERE ARTIKEL

Kommentare