Als Ellwangen große Kreisstadt wurde

+
50 Jahre Eingemeindung: Wie sich die Fläche der großen Kreisstadt zusammensetzt.
  • schließen

Am 1. Januar 1972 schlossen sich die Gemeinden Schrezheim, Rindelbach und Röhlingen mit Ellwangen zusammen. Ein Jahr später kam Pfahlheim hinzu.

Ellwangen

Was wäre Ellwangen ohne die vier Gemeinden, die sich im Zuge der Gemeindereform mit der Stadt vereinten? Was wäre aus den ehemaligen Gemeinden geworden, wären sie selbstständig geblieben? 2022 gibt es einen guten Anlass, darüber nachzudenken, denn die Einheit aus Ellwangen, Schrezheim, Rindelbach und Röhlingen wird 50 Jahre alt. Pfahlheim kam 1973 hinzu.

Noch ist man sich in Ellwangen, Schrezheim, Röhlingen, Rindelbach und Pfahlheim noch nicht ganz sicher, wie man das Jubiläum begehen soll. Das liegt sicherlich mit daran, dass die älteren Generationen sich heute gern an die gute alte Zeit erinnern und diese mit der kommunalen Eigenständigkeit in Verbindung bringen.

Für jüngere ist ganz selbstverständlich, was die Eltern so kontrovers diskutiert und letztlich entschieden haben: dass ihre Gemeinde Teil der Stadt Ellwangen werden soll.

Im Landtag wurde schon seit Mitte der 1960-er Jahre über eine Verwaltungsreform in Baden-Württemberg diskutiert. Es sollten größere, effektivere Einheiten geschaffen werden, in denen wirkungsvollere Investitionen möglich sind. Weniger Landkreise und Kommunen mit Minimum 5000 Einwohnern. Denn Landkreise wie Kommunen standen damals vor gewaltigen finanziellen Herausforderungen:

Trinkwasserversorgung war ein bedeutendes Thema. Leitungen waren insbesondere in kleineren Ortschaften erst wenige Jahre zuvor verlegt worden. Mit viel Überzeugungsarbeit hatte man die Bürger dazu gebracht, die eigenen Brunnen und Quellen aufzugeben. Nun musste die Versorgung auch gesichert werden, was bei der schnell wachsenden Bevölkerung nur mit überregionalen Wasserverbänden möglich war.

Kläranlagen waren gerade erst im Aufbau begriffen. Viele Häuser hatten noch keinen Kanalanschluss, sondern nur Latrinen, die regelmäßig mit Pumpwagen geleert werden mussten.

Müllbeseitigung war kommunale Angelegenheit. Überall gab es Müllkippen, keine geregelten Deponien. Verfüllt wurden Gruben und Klingen.

Straßenbau: Die kommunalen Straßen und Wege zu unterhalten oder auszubauen war für die Gemeinden, die große Gemarkungen aber wenig Einwohner hatten, ein Kraftakt.

In der Stadt Ellwangen war die Situation ähnlich brisant: Die Bevölkerung, die in der Nachkriegszeit von vielen Flüchtlingen verstärkt worden war, wuchs schnell. Doch die Gemarkung war klein und bot kaum sinnvolle Flächen für Wohn- oder Gewerbeentwicklung. Schon Ende der 60-er Jahre pendelten viele in Ellwangen Arbeitende aus den Nachbargemeinden ein.

Hinzu kam, dass die Stadt Ellwangen als Mittelzentrum Aufgaben für die Daseinsfürsorge der Menschen in der Umgebung hatte. Etwa im Bereich Bildung mit dem Bau weiterführender Schulen und Sportanlagen, im Bereich Gesundheit mit Krankenhaus und Altenheimen, sowie als Verkehrsknotenpunkt und Sitz überörtlicher Behörden. Dafür brauchte die Stadt mehr finanzielle Mittel, eine größere Bürgerschaft.

Es war die Landesregierung, die über die Landräte Druck auf die Gemeinden aufbaute. Das Stadt-Umland-Problem wurde angesprochen, die Steuerkraft, das krasse Missverhältnis lasse sich durch den Zusammenschluss zu einer bevölkerungsreicheren Kommune glätten. Vorteile für beide Seiten wurden beschworen, etwa im Bereich Bauleitplanung und Baulanderschließung. Ein gemeinsamer Flächennutzungsplan war ja schon in Arbeit.

Je näher der Tag des Bürgerentscheids rückte, desto tiefer gingen die Debatten ins Detail. Wer bekommt wie viele Mandate im Gemeinderat? Wie werden die geplanten Investitionen verteilt? Wie wird der jeweilige Bürgermeister in die Verwaltung der dann großen Kreisstadt Ellwangen eingebunden?

Anfang Juli fanden in allen drei Gemeinden Bürgerversammlungen statt. Da kamen plötzlich Aussagen von Landesbeamten wie: „Das ist jetzt die letzte Chance, die Eingemeindung auf freiwilliger Basis zu beschließen. Im nächsten Jahr kommt sie sonst per Gesetz.“

Die Landwirte fürchteten um ihren Einfluss auf die Kommunalpolitik, wenn nicht mehr im eigenen Rathaus, sondern in Ellwangen entschieden werde. Stadträte kamen zu den Versammlungen und warben für die Eingemeindung, weil die große Kreisstadt dann auch Pässe und Ausweise ausstellen sowie Baugenehmigungen erteilen dürfe. Für solche Behördengänge musste man damals noch zum Landratsamt nach Aalen fahren.

Die Verhandlungen muten aus heutiger Sicht ein wenig nach „Zuckerbrot und Peitsche“ an, wobei das Zuckerbrot eindeutig die auf neun Jahre festgelegten finanziellen Zuwendungen beziehungsweise Investitionen in den neuen Teilorten waren.

Am 18. Juli war schließlich der Tag der Entscheidung, beziehungsweise des Bürgerentscheids. 1631 Wahlberechtigte in Rindelbach, 1725 in Röhlingen und 1456 in Schrezheim durften über die Frage der Eingemeindung abstimmen. In Rindelbach waren 61 Prozent dafür, in Röhlingen 59,7 Prozent, in Schrezheim 58,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung: knapp über 60 Prozent. Kein berauschendes Ergebnis, aber klar genug, dass die drei Gemeinderäte entsprechend beschließen konnten.

„An Ellwangen wird es nun liegen, dieses Vertrauen durch Tatkraft, Gerechtigkeitssinn und Bürgernähe zu erfüllen“, kommentierte in der Schwäpo Dr. Rudolf Grupp das Ergebnis.

Bürgermeister Wöhr und der Gemeinderat wandten sich über die Zeitungen an die Öffentlichkeit: „Wir sind sicher, dass Sie sich als gleichberechtigte Bürger Ellwangens fühlen werden.“

  • Wie war es in den selbstständigen Gemeinden?
  • Wie lebte es sich bis zur Eingemeindung in den selbstständigen Gemeinden? Wie war ihre finanzielle Situation? Wie sahen die Rathäuser aus? Wie wurde über die Eingemeindung im Vorfeld diskutiert? Wie entwickelten sich die Teilorte weiter? Das soll in den nächsten Wochen in einer Serie von Berichten über Röhlingen, Rindelbach, Schrezheim, Pfahlheim und Ellwangen dargestellt werden.
Vertragsunterzeichnung am 18. Oktober: (v.l.) Die Bürgermeister Robert Vetter (Röhlingen), Eduard Merz (Rindelbach), Karl Wöhr (Ellwangen) und Leopold Wentz (Schrezheim).

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

Mehr zum Thema

Kommentare