Als Ellwanger zu Reichsbürgern wurden

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Das von Karl Rieder entworfene Denkmal des "sterbenden Fähnrichs" erinnert an die Gefallenen von 1866 und auch 1870/71: Es steht am Friedhof St. Wolfgang.
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1871 wurde der preußische König Wilhelm I. in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. In Ellwangen erinnert manches noch an diese denkwürdige Zeit.

Ellwangen

Das Jahr 1871, der Sieg des Preußenkönigs Wilhelm über Napoleon III., brachte das Kaiserreich, die Einheit der Deutschen. Was das mit Ellwangen zu tun hat? Als Untertanen des württembergischen König Karl wurden sie zu Bürgern des Deutschen Reiches und der Kaiser wurde ihr neuer Herrscher. Vieles änderte sich bald darauf grundlegend: Das Militär wurde neu organisiert und das Geld. Gulden und Kreutzer verschwanden und machten Mark und Pfennig Platz. Die Männer durften einen Abgeordneten in den Berliner Reichstag wählen.

Das Kaiserreich wurde oft als glückliche Zeit des Aufschwungs geschildert, um Elsass und Lothringen erweitert, wird Deutschland zur Großmacht in Europa, sogar Kolonialreich. Nationalstolz machte sich breit, auch in Württemberg.

Es lohnt sich die Jahre des Umbruchs genauer zu betrachten: In Württemberg war noch 1870 die Begeisterung für die sich anbahnende deutsche Einheit unter der Führung Preußens nämlich eher verhalten. Vier Jahre zuvor hatte man an der Seite Österreich-Ungarns gegen die Preußen gekämpft. Eine der letzten Schlachten war am 24. Juli in Tauberbischofsheim. In Ellwangen sei "eine heillose Panik ausgebrochen, als man hörte, in Crailsheim seien die Preußen eingezogen", schreibt Otto Löwenstein in seinen Kindheitserinnerungen. Und Bismarck sei 1866 der "bestgehasste Mann" gewesen.

Doch dann schließt der König von Württemberg Frieden und einen Beistandspakt mit Preußen. Die Ellwanger stellen auf dem Friedhof ein prächtiges Kriegerdenkmal auf. Karl Rieder, ein Bürger der Stadt, entwirft den "sterbenden Fähnrich", der noch heute auf St. Wolfgang niedersinkt. Die Namen von vier Ellwangern stehen dort und von sechs weiteren aus anderen Gemeinden des Oberamts.

Frankreich erklärt den Krieg

Am 19. Juli 1870 erklärt Frankreich Preußen den Krieg und 18 000 Württemberger ziehen unter preußischem Oberbefehl erneut ins Feld. Sie tragen den blauen Waffenrock mit doppelter Knopfreihe, 1864 einheitlich für alle vier Waffengattungen (Jäger, Infanterie, Reiter, reitende Artillerie) eingeführt.

Es sollte der letzte Krieg sein, in dem man die Soldaten an ihren bunten Uniformen schon von weitem zuordnen konnte. Später werden "feldgrau" und "tarnfleck" üblich. Am 6. August in der Schlacht bei Wörth im Elsass kommt es zum ersten großen Einsatz der württembergischen Felddivision. Der Krieg nimmt schnell einen für die deutschen Armeen vorteilhaften Verlauf, was auch die Stimmung zuhause hebt.

Die Franzosen sind schlecht vorbereitet. Dabei haben sie die moderneren Waffen: Das französische Chassepotgewehr ist den deutschen Zündnadelgewehren an Reichweite überlegen. Die Württemberger müssen mehrere hundert Meter durch feindliches Feuer laufen, bevor sie selbst schießen können.

Auch bei der Artillerie setzen die Franzosen moderne Technik ein: die Mitrailleuse, eine Kanone mit 25 Läufen, wird mit einem Magazin bestückt und feuert 25 Geschosse als Salve los. Der Vorläufer der späteren Maschinengewehre ist bei den deutschen Soldaten wegen des Streufeuers gefürchtet.

Bismarck war 1866 der bestgehasste Mann.

Otto Löwenstein in Ellwangen aufgewachsen

Und trotzdem siegen sie weiter: Am 9. August 1870 wird die Festung Lichtenberg eingenommen, von Teilen der württembergischen Felddivision. Über 200 französische Soldaten kommen in Kriegsgefangenschaft. Und nach dem großen Sieg bei Sedan am 1. September geht Napoleon mit einer ganzen Armee in die Gefangenschaft.

Sturmholz im Ellwanger Wald

In Ulm zählt man im Oktober die gefangenen feindlichen Soldaten schon zu Tausenden. Sie werden in den Kasematten der Festung eingesperrt.

Zu der Zeit haben die Ellwanger ganz andere Sorgen als den Krieg. Ein gewaltiger Orkan bläst am 26. Oktober über die Region hinweg und reißt 449 000 Festmeter Holz um. Ein fürchterlicher Schaden, den man schnell aufarbeiten will, um den wirtschaftlichen Verlust zu begrenzen.

Man schickt eine Anfrage nach Ulm und tatsächlich kommen am 21. November mit dem Mittagszug 200 französische Kriegsgefangene und eine 60-köpfige Wachmannschaft württembergischer Landwehr.

Es seien überwiegend Kaiserjäger gewesen und sie hätten sich freiwillig zu diesem Einsatz gemeldet, kann man 1908 in der Festzeitung des württembergischen Kriegerbundes zum 19. Bundestag in Ellwangen lesen. Den ausführlichen Bericht hat Dr. E. Schott aus Ellwangen verfasst. "Morgens um 7 Uhr gehts von jetzt an täglich nach einem vorher eingenommenen Kaffeefrühstück hinaus ins Gehölz, jeder in seiner heimatlichen Uniform", schreibt er.

Und tatsächlich zeigt eine alte Fotografie eine größere Gruppe Männer in französischen Uniformen, aufgestellt im Wald mit Äxten und Sägen. Ein seltenes Dokument, aufgenommen von einem Wanderfotografen aus Stuttgart. Die Fotografie steckt 1870/71 noch in den Kinderschuhen. Zum Abbilden der Kriegshandlungen sind die Bildkünstler mit ihren sperrigen Fotoapparaten noch nicht in der Lage. Das erledigen Maler wie eh und je, die beide Kriegsparteien im Tross haben. Sie fertigen die farbenprächtigen Gemälde, vom Sieg in Sedan, von der Ausrufung der Republik in Paris, von der Belagerung durch deutsche Truppen und die Württemberger sind mit dabei.

Lesen Sie im zweiten Teil wie Friedrich Retter, der Ellwanger Abgeordnete in Stuttgart, "den letzten Mann und den letzten Gulden" für den Krieg in Frankreich zu geben bereit ist.

Die Franzosen und ihre Bewacher im Wald bei Rotenbach auf einer Fotografie aus dem Jahre 1871.
Die Kriegshandlungen halten nicht die Fotografen, sondern Maler fest. Dieses Bild hängt im Museum von Gravelotte.

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