Am Achenpass ist die Flucht zu Ende

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Der 14-jährige Hermann Lang aus Ellwangen flieht mit einer SS-Einheit vor den US-Truppen bis in die Alpen. Am 8. Mai kommt die Meldung von der Kapitulation durch.

Ellwangen

Die letzten Tage und Stunden des Dritten Reiches waren bestimmt von Willkür. Deutsche Soldaten nahmen sich auf der Flucht vor dem Feind, was sie zu brauchen glaubten. "Volksverräter", oft genug nur Männer und Frauen, die an die Vernunft appellierten, wurden aufgeknüpft oder erschossen, Opfer von Flieger- oder Panzerbeschuss liegen am Straßenrand. 14-Jährige in Uniform kämpfen mit Panzerfäusten und Maschinengewehren. So wie der Ellwanger Hermann Lang, der sich mit einer Einheit der SS bis in die Tiroler Alpen durchgeschlagen hat. Bei einem Bauern kommen er und ein Kamerad unter und ziehen Zivilkleider an. Um am nächsten Tag mit einem Wehrmachtssoldaten doch wieder hinterher zu fahren.

Die Fahrt auf dem Kettengrad ging in Richtung Achensee. Wir fühlten uns wieder so richtig frei und glücklich und freuten uns schon auf ein Wiedersehen mit den Kameraden. Gegen Abend kamen wir am Ende des Sees in den Ort Maurach und hier sah ich die ersten bekannten Gesichter. Wir verabschiedeten uns von unserem Fahrer und suchten in den umliegenden Häusern nach unserer Führungsspitze. Als wir anklopften und eintraten gab es ein mords Hallo, alle freuten sich, und wir uns am meisten. Am nächsten Tag wollten wir eigentlich in Richtung Innsbruck weiterziehen, doch aus dieser Richtung kamen uns immer mehr Soldaten entgegen. Nach reichlicher Überlegung beschlossen wir, in den Bergen zu bleiben und lieber wieder ein Stück zurück zu gehen. Entlang des Achensees, an einem Engpass, bereiteten Pioniere alles für eine Sprengung vor, um die nachfolgenden Amerikaner für längere Zeit aufzuhalten. Ein halbe Stunde weiter stieg uns ein seltsamer Geruch in die Nase. Eine Wegbiegung weiter sahen wir die Bescherung: An einem größeren freien Platz zwischen Berg und See musste ein Truppenkonvoi Halt oder Rast gemacht haben. Dabei wurde er wohl von Jagdflugzeugen überrascht. Die meisten Fahrzeuge standen nämlich im Halbkreis, waren total zerschossen. Bei manchen brannten noch die Reifen, anderes lag verkohlt oder zerfetzt im Geröll herum. Es sah grauenhaft aus. Einen grausigen Anblick boten die Pferdegespanne: Durch den Beschuss mit Leuchtspur oder Brandmunition waren die Holzwagen in Brand geraten und die Ladung, größtenteils Munition, war explodiert und hatte die Wagen samt der Pferde zerrissen. Die Straße entlang des Achensees war ein gefundenes Fressen für die feindlichen Jäger. Als wir in die nächste größere Ortschaft einmarschierten, staunten wir nicht schlecht: aus den meisten Fenstern hingen weiße Tücher heraus. Die Einwohner hatten natürlich gedacht, als wir vor zwei Tagen durchgezogen waren, der Feind würde gleich nachkommen. Da hatten sie sich gewaltig verrechnet. Auf uns wirkte das wie ein rotes Tuch auf den Stier und dementsprechend verhielten wir uns auch.

Eine gefährliche Situation: deutsche Soldaten kommen zurück und Zivilisten, die sich den US-Soldaten ergeben wollten, laufen Gefahr, als Verräter behandelt zu werden.

Wir bekamen nichts von der Bevölkerung, das waren die Österreicher. Und dem Gegner hätten sie es womöglich entgegengebracht. Als wir dem Ort den Rücken kehrten, gingen Eberhard und ich nicht mehr zu Fuß. Wir hatten jeder ein Fahrrad zugeteilt bekommen. Am Vormittag sahen wir mitten im Bach einen Omnibus stehen. Den hatten Soldaten beim Rückzug irgendwo mitgenommen und nachdem der Sprit zu Ende ging, einfach in den Bach hinein gefahren. Gegen Mittag kam dann die Meldung durch, dass ein Waffenstillstand geschlossen worden sei. Für manchen von uns brach die Welt zusammen. Obwohl man schon länger wusste, so kann es nicht weitergehen, hatten doch einige die Hoffnung nicht aufgegeben und immer noch an eine plötzliche Wendung geglaubt.

Kapitulation, aber kein Feind in Sicht

Für die Jugendlichen bedeutete das: Raus aus den Bergen und sich den Amerikanern ergeben. Zuvor haben sie noch ihre übrigen Waffen, zum Beispiel einen Schützenpanzer, ein Maschinengewehr und einen Granatwerfer unbrauchbar gemacht. Danach hat sie der Gruppenführer antreten lassen zum Appell.

Er teilte mit, dass man in voller Uniform, mit allen Waffen, auch Gasplanen und Gasmasken, sich anschließend zur Abfahrt treffen werde. Da keiner von uns noch eine Gasmaske hatte, musste man sich welche besorgen, was aber kein größeres Problem war, da diese Gegenstände reichlich am Straßenrand lagen. Wir bestiegen einige fahrbereite Lkw und ab ging die Fahrt in Richtung Norden.

Die vier GIs dachten, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen.

Hermann Lang

Alle waren nun gespannt auf die ersten Amerikaner: Nachdem wir den Achenpass fast hinter uns hatten, war es so weit: Nach einer scharfen Kurve stand plötzlich ein Jeep mit vier Amerikanern vor uns. Wir hielten an und alle sprangen von den Lastwagen, um sich den Amerikanern zu ergeben. Es war ein köstlicher Anblick, als 40 bis 50 Soldaten in SS-Uniform und voller Bewaffnung sich dem Jeep näherten. Die vier GIs dachten, ihr letztes Stündlein hätte geschlagen. Aber nachdem wir das Fahrzeug umringt hatten und einige Offiziere mit Englisch-Kenntnissen sich mit ihnen einigermaßen verständigt hatten, bekamen sie langsam wieder Farbe ins Gesicht. Als sie begriffen hatten, dass wir uns in Gefangenschaft begeben wollten, ging ein richtiger Handel los. Sie gaben uns alles, was sie bei sich hatten. Von uns bekamen sie dafür Pistolen als Gegenleistung.

Hermann Lang wird den Tag nie vergessen, weil er den ersten Kaugummi seines Lebens erhalten hatte. Da ich keine Ahnung hatte, wie man ihn kaut, war das ganze Päckchen mit 5 oder 6 Kaugummi in ein paar Minuten gegessen. Nachdem mich mein Kumpel nach einiger Zeit fragte, wo ich meine Kaugummi hätte und ich ihm den Sachverhalt schilderte, lachten sie alle und klärten mich auf.

Und jetzt: Ab in die Kriegsgefangenschaft

Auf der Fahrt ins Lager nach Rotach-Egern am Tegernsee wurde noch manche Waffe, zum Beispiel eine 6-35er Damenpistole, in Einzelteile zerlegt und zum Fahrzeug raus geworfen. Vor uns tauchten nun die ersten feindlichen Panzer am Straßenrand auf, es war die erste Sperre. Dort angekommen mussten wir unsere Waffen alle abgeben. Danach ging es noch ein Stück mit dem Lkw und den Rest bis zu unserem Lager zu Fuß weiter. Das Lager bestand aus einem großen Wiesental, rechts war ein großer Fluss, links ein Mühlkanal und gleich dahinter die Berge. An allen vier Ecken waren Panzer und Wachtürme mit Maschinengewehren aufgestellt. Die Bewachung war nicht so streng, es wollte ja keiner abhauen, wohin denn ohne Entlass-Papiere. Hier im Lager waren einige tausend Soldaten, und das Ende des Camps hatte ich auch in den darauf folgenden Wochen nie zu sehen bekommen.

Das Kriegsverdienstkreuz für die Buben

Wie Lang bekamener und Eberhard von ihrem Kommandeur das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse für Tapferkeit. Wir waren natürlich stolz über diese Auszeichnung, obwohl uns ein Stück Brot zu diesem Zeitpunkt mehr genützt hätte.

In Teil 5 unserer Serie schildert Hermann Lang das Chaos im Gefangenenlager. Erst als die Ruhr ausbricht, werden die Kriegsgefangenen verlegt.

SS-Offiziere und Soldaten in der Ellwanger Kaserne: Hermann Lang und seine Einheit erlebten die deutsche Kapitulation auf dem Achenpass ohne jeglichen Feindkontakt. Archiv-

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