Aufgeben war nie eine Option

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Rainer Oberseider hat nach einer schweren Hirnblutung den Weg zurück ins Leben geschafft. Nun will er Mut machen.
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Rainer Oberseider lag nach einer schweren Gehirnblutung neun Monate im Wachkoma und kämpfte sich zurück ins Leben. Uns erzählt er seine Geschichte.

Ellwangen

Ein Jahr seines Lebens ist so gut wie ausgelöscht. "An die Zeit zwischen dem Abiball 2015 bis Weihnachten 2016 habe ich praktisch keine Erinnerung mehr", sagt Rainer Oberseider und lächelt.

Natürlich weiß der 23–jährige Ellwanger, dass er nach dem Abitur am Peutinger Gymnasium Physik studiert hat. Er war an der Universität in Ulm, lernte mit Kommilitonen auf Matheklausuren, pendelte jeden Tag mit dem Auto, doch Bilder an all das hat er keine mehr im Kopf.

An Weihnachten 2015 war Rainer mit seinen Freunden vom Tennisclub Ellwangen in der "Kanne" Jahresabschluss feiern. Er hatte eine Cola bestellt und noch nicht angerührt, da erfasste ihn ein schrecklicher Schmerz im Kopf. Seine Mutter holte ihn ab und brachte ihn sofort in die Notaufnahme der St. Anna Virngrundklinik. Im CT erkannte man eine Hirnblutung, Rainer wurde sofort in die Uniklinik Ulm gebracht und operiert. Es begann eine Leidensgeschichte, die sich fast ein Jahr hinzog.

Nach der Operation in Ulm, bei der ein Teil des Schädelknochens entfernt werden musste, fiel Rainer Oberseider ins Wachkoma. Seine Augen waren geöffnet, doch er reagierte nicht auf Ansprache.

Der Student wurde in eine Reha-Klinik verlegt, wo unter anderem seine Muskulatur trainiert wurde. Manche Ärzte und Pfleger hatten wenig Hoffnung, dass der junge Mann je wieder aus dem Wachkoma erwachen würde. Es war die Mutter, die fest daran glaubte, dass ihr Sohn wieder gesund werden würde. Auf eigene Verantwortung nahm sie ihn mit heim und setzte nach und nach die sedierenden Medikamente ab.

Das größte Glück war meine Mutter.

Rainer Oberseider

Die richtige Entscheidung

"Die richtige Entscheidung", sagt Professor Dr. Rainer Wirtz, Direktor der Neurochirurgie an der Uniklinik in Ulm, der Rainer Oberseider mittlerweile neunmal am Kopf operiert hat und bis heute betreut.

Ganz allmählich erwacht der Patient aus dem Wachkoma, er beginnt auf Ansprache zu reagieren, zunächst durch Zwinkern mit den Augen, dann durch leichte Bewegung der Finger. An Weihnachten 2016 spricht er sein erstes Wort nach der Hirnblutung: "Hallo".

Von da an geht es bergauf. Rainer wird in Ellwangen von der Praxis für Ergotherapie Alfred Beyer betreut. Bis zu drei Stunden am Tag übt er hier Muskulatur und Gehirn. Sein Gleichgewichtssinn ist noch beeinträchtigt und sein linkes Gesichtsfeld eingeschränkt. Die Mutter und ihr Lebensgefährte bauen zuhause Rehageräte auf, damit er auch hier trainieren kann.

2018 erkrankt die Mutter an Krebs, ein weiterer Schicksalsschlag für den jungen Mann. Er versucht, seiner Mutter zu helfen, so gut es geht. Als sie in das Hospiz kommt, wohnt er bei ihr bis zuletzt.

An die Zeit zwischen dem Abiball 2015 bis Weihnachten 2016 habe ich praktisch keine Erinnerung mehr.

Rainer Oberseider Einstiger Wachkoma-Patient

"Das größte Glück war meine Mutter", sagt er heute. Ohne sie hätte er es nicht zurückgeschafft ins Leben. Und jetzt, wo sie tot ist, möchte er ihr etwas zurückgeben.

Rainer Oberseider war als Gastschüler im diesjährigen Abijahrgang am Peutinger Gymnasium, er paukte mit den anderen, schrieb Klausuren. Jetzt will er zurück an die Uni nach Ulm. Aber nicht mehr Physik studieren, sondern Medizin, Neurologie. "Damit ich anderen helfen kann. Mathe, Physik erscheint mir heute viel zu theoretisch."

Hoffnung geben

Im März hat Stern-TV seine Geschichte dokumentiert. Drei Tage war er mit Patricia Golisch, Steffen Pepper und einem Kamerateam unterwegs. Vor Kurzem wurde die Sendung ausgestrahlt und ist nun im Internet auf Youtube zu sehen. Fast 400 000 haben sie mit "Daumen hoch" kommentiert. "Es haben sich bereits einige bei mir gemeldet, die auch eine Hirnblutung hatten. Ich hoffe, dass meine Geschichte anderen Mut macht, ihre Angehörigen und Freunde nicht aufzugeben, wenn sie im Wachkoma liegen. Dass sie ihnen helfen, so wie meine Verwandten und Freunde mir geholfen haben", sagt Rainer Oberseider.

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