Beraubt, geschlagen und gedemütigt

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Die Opfer des Krieges: Am Straßenrand stehen Männer um ein Pferdegespann, das einen Volltreffer abbekommen hat. Im Kriegsjahr 1945 wurde manchmal in größter Not auch das Fleisch von Tierkadavern gegessen.
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Weil er erst 14 Jahre alt ist, wird Hermann Lang im Mai 1945 mit anderen Jugendlichen aus dem Kriegsgefangenenlager am Tegernsee in ein Entlasslager gebracht.

Ellwangen

Er trug zwar in den letzten Kriegstagen die Uniform der Waffen-SS, wurde aber aufgrund seines jugendlichen Alters nicht wie ein SS-Mitglied behandelt. Hermann Lang und sein Freund Eberhard geben sich als "Hitlerjungen" aus und können so das Lager Rottach-Egern verlassen, in dem zehntausende deutsche Soldaten, darunter fast die komplette SS-Division "Götz von Berlichingen" unter freiem Himmel festgehalten wird.

Mit Lastwagen werden die Jugendlichen in ein Entlasslager gebracht. Wo das sein soll, erfahren sie nicht. Über München und Dachau geht es weiter nach Norden. Von der Pritsche sehen die Jugendlichen ein Land in Trümmern: die Städte zerschossen, Kriegsschrott am Straßenrand, ausgebrannte Flugzeuge, Panzer, Granatwerfer.

Sie sehen Menschen im Elend: Ausgebombte, Geflohene, ehemalige Zwangsarbeiter. Man ist froh, dass der Krieg zu Ende ist, einerseits. Doch was ist denn noch da? Hermann Lang und sein Kamerad Eberhard fahren durch ein besiegtes Land, für das sie vor wenigen Tagen noch gekämpft haben. Jetzt gibt "der Feind" den Ton an. US-Soldaten sagen, was erlaubt ist und was nicht. Den jungen Deutschen fällt es schwer, das zu akzeptieren, das wird aus den Tagebuchaufzeichnungen von Hermann Lang deutlich.

"Einige Kilometer nach Dachau stellten wir fest, dass es in Richtung Ingolstadt ging. Dort überquerten wir die Donau über eine Behelfsbrücke, die alte war gesprengt worden. Weiter ging es nach Norden. Wenn wir durch Ortschaften kamen hatten wir hin und wieder Glück, wenn uns Bewohner ein Brot zuwarfen. Gegen Abend erreichten wir Ochsenfurt, unser Bestimmungsort.

Wieder hinter Stacheldraht

Wir hielten bei einer größeren Fabrik, der Anblick war nicht gerade einladend. Ein zwei bis drei Meter hoher Stacheldrahtzaun, doppelt ausgeführt zog sich vom Eingang um das ganze Lager. Im Inneren hielten die Lastwagen an, die Verschläge wurden geöffnet. Wir wurden empfangen von 20 bis 30 Amerikanern mit Schlagstöcken. Ich hatte Glück: weil ich jung und noch klein war, konnte ich schnell zwischen ihnen hindurch rennen und bekam bei dem Spießrutenlaufen nicht viel ab. Danach mussten wir uns in Reihen aufstellen und alles, was wir besaßen vor uns auf den Boden legen."

Die beiden Ellwanger erleben die Willkür der Sieger und die Schmach der Besiegten. Zwei Amerikaner kommen mit einem Kinderwagen und nehmen alles an sich, was sie gebrauchen können: Taschenmesser, Geldbörsen, Uhren und manches andere.

"Einen mutigen Zwischenfall beobachtete ich dabei: Als sich die zwei gerade bückten, um verschiedene Gegenstände einzusammeln, griff ein Gefangener schnell in den Kinderwagen und holte mehrere Messer heraus. Wenn sie ihn erwischt hätten, hätte ihn das vielleicht sein Leben gekostet.

Das Lager war in mehrere Abteilungen aufgeteilt. Unsere Bewacher waren äußerst brutal und schikanierten die Gefangenen wo es nur ging. Morgens um 6 Uhr wurden die Tore geöffnet und wir mussten hinunter zum Main rennen. Am Flussufer mussten wir uns in vier Reihen aufstellen und stramm stehen. Drei oder vier US-Soldaten gingen durch die Reihen und pickten sich mit einem Fingerzeig einzelne von uns heraus. Nachdem sie so circa 20 Mann bestimmt hatten, mussten die im Stechschritt an uns vorbei marschieren, mehrere Male.

Eine andere Schikane war, wenn 15 bis 20 Mann von uns sich ausziehen und in den Main gehen mussten. Wer nicht schwimmen konnte wurde mit Fausthiebenin das Wasser getrieben, bis gerade noch der Kopf aus dem Fluss ragte. Die Schwimmer mussten bis zur Mitte des Flusses schwimmen, der hier 60 bis 80 Meter breit war. Wenn sie die Mitte erreicht hatten, kam nicht etwa das Kommando zum Umkehren. Nein die Bewacher schossen mit ihren Gewehren über die Köpfe der Schwimmer hinweg, als Zeichen, dass sie umkehren sollten. Später erfuhren wir von Bewohnern der Ortschaften unterhalb von Ochsenfurt, dass fast täglich Tote am Fluss angetrieben wurden."

Leichen treiben im Main

Beschreibt Hermann Lang hier Kriegsverbrechen? Gab es Verstöße gegen die Genfer Konvention im Lager Ochsenfurt? Lang und sein Kamerad erfahren nicht, ob die Toten ertrunken sind oder Schussverletzungen hatten. Die Schikanen im Lager Ochsenfurt empfinden sie als brutal und demütigend. Ob die GIs schlicht ihre Wut auslebten über die eigenen Gefallenen oder ob sie den deutschen Soldaten einfach "Denkzettel verpassen" wollten, bleibt unklar.

Wir wurden empfangen von 20 bis 30 Amerikanern mit Schlagstöcken.

Hermann Lang

"Nach zwei Stunden stramm Stehen wurden die Tore geöffnet und wir mussten im Laufschritt an der Essensausgabe vorbei. Dort gab es immer dasselbe: einen Schöpfer Nudeln oder Reis in das Kochgeschirr beziehungsweise eine Blechbüchse, denn viele hatten ihr Kochgeschirr nicht mehr. Das Rennen zum Lager hatte auch einen Vorteil, da auf unserem Weg immer wieder junge Amerikaner mit Stöcken nach uns schlugen und man so doch manchem Schlag ausweichen konnte. Die Lager waren tagsüber gut gefüllt. Bei Nacht waren sie jedoch nur halb voll, weil sich die Gefangenen wegen der Kälte und dem Reif eng aneinander legten, um etwas Wärme zu bekommen.

Nach drei Tagen hatten wir das Glück und konnten zum Übernachten in die Fabrikhallen rein. Nach einigen Tagen ging im Lager die Parole um, dass wieder Farmer gesucht würden. Die Bauern hätten niemand für die Arbeit auf den Hofstellen. Die Kriegsgefangenen, Polen, Russen und andere Nationen waren alle abgehauen, nachdem die Amerikaner als Befreier gekommen waren. Die Deutschen waren jedoch nicht zurück, waren selbst in Gefangenschaft oder gefallen oder auf dem Weg nach Sibirien."

Im Lager beginnen Verhöre:

"Die nächsten Tage wurden sämtliche Soldaten im Lager verhört. Es ging darum, untergetauchte SS-Offiziere und Bewacher von Konzentrationslagern zu finden. Da die Verhörzimmer neben dem Lager waren, wurden wir ab und zu durch lautes Schreien und Gebrüll aufmerksam, dass sie wieder einen gefasst hatten. Irgendwann war ich an der Reihe und mir war es gar nicht wohl dabei. Wir hatten uns ja als Hitlerjugend ausgegeben und hätten mit der SS in Gefangenschaft bleiben müssen.

Verhör durch deutsche Juden

Der Offizier, der mich verhörte, wusste genau Bescheid über Ellwangen und die SS-Kaserne. Er sagte mir, dass dort nicht viel zerstört sei, nur ein paar Häuser seien abgebrannt. Es ging so weit alles gut und ich durfte wieder gehen. Später habe ich erfahren, dass die Verhörmannschaft fast völlig aus deutschen Juden bestanden hat. Deshalb waren sie so scharf auf SS-Angehörige."

Bald darauf müssen sich die Jüngsten im Lager aufstellen und werden aussortiert, um bei Bauern eingesetzt zu werden. Sie werden mit Lastwagen auf das Land gefahren und in den Dörfern von Bauern übernommen. Am Abend treffen sie sich wieder und werden von GIs mit dem LKW ins Lager zurückgefahren.

"Mein Dorf hieß Essfeld bei Giebelstadt. Bei dem Bauern, bei dem ich unterkam, hatte ich es nicht besonders gut. Seine Frau war in Ordnung aber er nörgelte an allem herum. Nach einigen Tagen geschah es, dass uns die Amis am Abend nicht abholten und wir mussten bei dem Bauern übernachten. Das Zimmer war nicht gerade das Beste, aber es ging einigermaßen."

Als Lang und sein Kamerad öfter nicht abgeholt werden, planen sie zu fliehen.

"Ich sprach mit Eberhard darüber und er war gleich einverstanden. Das Problem war: Wie sage ich es meinem Arbeitgeber? Außerdem war da noch die Sperrzeit: Morgens durfte man sich nicht vor 6 Uhr auf der Straße zeigen und am Abend nicht nach 20 Uhr. Wir besprachen uns an den Abenden. Schließlich kam der Tag der Flucht. Am Morgen, es war noch dunkel, stand ich auf und kleidete mich so geräuschlos wie möglich an, um niemanden zu wecken. Als ich mein Zimmer verließ, traute ich meinen Augen nicht: An der Tür hing ein kleiner Laib Brot, eingewickelt in Papier und Schnur. Also hatte meine Bäuerin doch etwas gemerkt. Als ich über den Hof ging, sah ich an einem Fenster eine Gestalt, bestimmt meine Bauersfrau."

In Teil 8 unserer Serie versuchen die beiden nach Ellwangen zu gelangen.

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