Berthold Weiß: „Ich bin ein Optimist“

+
Berthold Weiß, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Ellwanger Gemeinderat.
  • schließen

Der Ellwanger Fraktionsvorsitzende der Grünen, Berthold Weiß, positioniert sich zu aktuellen Fragestellungen.

Ellwangen. Wie wird sich die Energiekrise auf Ellwangen auswirken, was passiert mit der Virngrundklinik und wie kann und soll die Stadt künftig noch Wirtschaftswachstum ermöglichen? Zu diesen und weiteren Themen befragt unsere Zeitung in den kommenden Wochen die Vorsitzenden der Fraktionen im Ellwanger Gemeinderat. Den Auftakt macht der Chef von Bündnis 90/Die Grünen, Berthold Weiß.

Virngrundklinik: Wie groß sind Ihre Sorgen um den Krankenhausstandort Ellwangen? Und: Wie sehen Ihre Vorstellungen für eine optimale medizinische Versorgung in der Region aus?

Bertold Weiß: Unserer Fraktion geht es in erster Linie um den Erhalt einer vernünftigen medizinischen Versorgung, die auch noch in zehn und 20 Jahren für alle Menschen im Landkreis funktioniert. Dieses System schließt neben den drei Krankenhäusern übrigens auch die Haus- und Facharztpraxen mit ein. Wir brauchen zwingend ein tragfähiges Gesamtkonzept. Wenn in diesem Zuge die Virngrundklinik in Ellwangen erhalten bleiben kann, wäre das natürlich wunderbar. Aber die Standortfrage darf die Debatte nicht dominieren. Es müssen doch jetzt bei allen die Alarmglocken schrillen, wenn Kliniken, die man mit großem finanziellen Aufwand saniert hat, wegen fehlenden Personals ihre Betten nicht mehr belegen können.  In der Vergangenheit haben Seilschaften aus den unterschiedlichen Raumschaften verhindert, unsere Kliniken zukunftsfähig, mit entsprechenden Schwerpunkten, aufzustellen. Ich hoffe, dass sich diese Seilschaften nicht erneut durchsetzen.

LEA: Wird die LEA zu einer Dauereinrichtung in Ellwangen? Und: Wäre das aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Die Grünen waren immer der Meinung, dass diese Aufgabe - die Aufnahme von Flüchtlingen - gut zu einer Stadt wie Ellwangen mit ihrer urchristlichen Tradition passt. Davon ganz abgesehen ist es ein unbestreitbarer Fakt, dass in der aktuellen Situation alle bestehenden Landeserstaufnahmeeinrichtungen weiter benötigt werden. Und Fakt ist auch, dass es einige Zeit braucht, bis solche großen Infrastruktureinrichtungen eingerichtet sind und reibungslos laufen. In Ellwangen funktioniert die LEA bestens. Und ich behaupte, die Stadt hat von der LEA in den vergangenen sieben Jahren unter dem Strich auch eher profitiert als verloren.  Ich erinnere hier nur beispielhaft an die hohen Millionenzuwendungen des Landes für die EATA.  Die LEA steht aus unserer Sicht auch einer Entwicklung des alten Kasernengeländes nicht im Wege. Die Konversion könnte doch problemlos in zwei Schritten erfolgen. Im ersten Abschnitt würde dann zunächst nur der technische Bereich als neues Wohnquartier erschlossen. Sobald die LEA nicht mehr benötigt wird, könnte man dann in einem zweiten Abschnitt auch dieses Areal neu überplanen. Wann das sein wird, ob in fünf oder zehn Jahren, hängt von der Flüchtlingssituation ab.

Gewerbegebiet: Das Gewerbegebiet in Neunheim soll um rund 40 Hektar wachsen. Mittlerweile stoßen solche Pläne auf Widerstand in der Bevölkerung. Wie kann es künftig gelingen, das Wachstumsinteresse von Unternehmen und den Schutz von Natur und Umwelt in Einklang zu bringen?

Das ist für uns Grüne immer eine sehr schwierige Frage und Abwägungssache. Als es 2020 um den Regionalplan und die Ausweisung von 97 Hektar zusätzlicher Gewerbefläche in Ellwangen ging, haben wir als Einzige dagegen gestimmt, weil aus unserer Sicht die Grenzen des Wachstums bereits erreicht beziehungsweise überschritten sind. Meiner Meinung nach handeln in dieser Frage weite Teile des Gemeinderats leichtfertig. Fläche ist ein knappes Gut, da kann es nicht mehr sein, dass sich Betriebe mit 100 Mitarbeitern Parkflächen mit 80 Stellplätzen gönnen. Aber genau das passiert immer noch. Das ist fahrlässig. Die Betriebe müssen hier endlich umstellen und sie müssen ihre Gebäude in die Höhe planen. Außerdem muss auch für Gewerbegebiete Nachverdichtung das Gebot der Stunde sein. Unsere Fraktion hat für das Gewerbegebiet in Neunheim übrigens mal angeregt, dass Unternehmen ab einer bestimmten Größe ein Parkhaus oder eine Tiefgarage bauen sollten. Der Vorschlag fand damals im Gemeinderat keine Akzeptanz.

Verkehr: Das Verkehrsaufkommen in der Stadt und den Teilorten wächst unaufhaltsam und damit auch der Protest gegen den zunehmenden Lärm. Sind Ortsumfahrungen, wie man sie in Röhlingen und Eggenrot wünscht, tatsächlich das richtige Instrument, um diesem Problem zu begegnen – oder müsste eine Mobilitätswende nicht eigentlich anders aussehen?

Ich halte es bei dieser Frage mit dem bereits verstorbenen SPD-Verkehrsexperten Hermann Scheer. Der hat mal festgestellt: Wer Straßen sät, wird Verkehr ernten. Aus meiner Sicht brauchen wir tatsächlich keine neuen Straßen und Ortsumfahrungen. Was wir brauchen, ist ein massiver Ausbau des ÖPNV. Außerdem muss in Ellwangen das Radwegenetz deutlich besser werden. Die beiden Fahrradstraßen sind hier ein sehr guter Anfang. Wir müssen endlich weg von der Denke, auch noch den letzten Meter mit dem Auto fahren zu müssen.

Energiekrise: Wie groß sind Ihre Sorgen mit Blick auf die Folgen des Ukraine-Kriegs und die dadurch ausgelöste Energiekrise? Wie hart wird es die Stadt Ellwangen treffen?

Die Situation ist kritisch, wir – Privatleute, Unternehmen und auch die Stadtverwaltung – werden nicht umhinkommen, Energie zu sparen, wo es geht. Bei der Stadt hat man mit der Verlängerung der Schließzeiten des Wellenbads ein erstes richtiges Signal gesetzt. Aber da wäre noch sehr viel mehr möglich, etwa bei der Straßenbeleuchtung. Ich bin ja grundsätzlich ein Optimist und glaube, dass wir auch dieses Problem als Gesellschaft meistern werden. Ich glaube nicht, dass Menschen im kommenden Winter in Turnhallen müssen, um sich dort aufzuwärmen.

Landesgartenschau:  Bislang zeigen sich die Ellwanger in Sachen Landesgartenschau sehr verhalten. Was schlagen Sie vor, wie kann man die Begeisterung für die Großveranstaltung entfachen?

Klar ist, dass eine Landesgartenschau nur erfolgreich sein kann, wenn dafür auch eine Begeisterung in der Bevölkerung entfacht werden kann. Unsere Fraktion hatte sich zwar gegen die Ausrichtung der Landesgartenschau ausgesprochen, weil das Event aus unserer Sicht für Ellwangen eine Hausnummer zu groß ist. Aber die Mehrheit im Gemeinderat hat anders entschieden und jetzt tragen wir die Planungen selbstverständlich mit und wünschen uns auch, dass die Veranstaltung ein Erfolg für die Stadt wird.  Bis 2026 ist noch ausreichend Zeit, die Menschen mitzunehmen. Wenn die Begeisterung in Ellwangen in vier Jahren – auf den Punkt - da ist, reicht das aus.

Grünes Vorrangthema: Welches Thema brennt Ihrer Fraktion derzeit besonders auf den Nägeln – was wollen Sie vorrangig im Gemeinderat bearbeiten und vorantreiben?

Uns brennt das Thema 3E – erneuerbare Energien, Effizienz und Einsparung - auf den Nägeln. Übrigens nicht erst seit heute. Wir hatten das Thema schon vor zehn Jahren auf der Agenda, wurden damit im Gemeinderat aber nicht wirklich ernst genommen. Jetzt zeigt es sich: Es muss uns gelingen, mit klugen Konzepten eine größere Unabhängigkeit von fossilen Energien zu erreichen. Wir verfügen ja über eigene Ressourcen, die man aber noch viel effizienter nutzen muss. Ich nenne hier beispielhaft Pfahlheim. Die Ortschaft hat Biogas, Windkraft und Photovoltaik und bringt damit eigentlich alle Voraussetzungen mit, ein energieautarkes Dorf zu sein. Aber dazu bräuchte es dann natürlich auch noch ein entsprechendes Verteilernetz. Wir müssen bei diesem Thema künftig deutlich weiter denken. In den Teilorten und der Stadt ist einiges möglich. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn unser Geld für Energie künftig nicht mehr nahezu ausschließlich in politisch instabile Gas- und Erdölförderländer ginge, sondern zumindest ein Teil der Wertschöpfung in Ellwangen stattfindet. Möglich wäre es!

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

Kommentare