Brutales Vorgehen, minimale Beute

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Die zweite große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Jochen Fleischer verhandelt gegen einen Kosovaren und eine Deutsche. 

Ellwangen

Einbrüche in Einfamilienhäuser in Eigenzell und Crailsheim, ein Überfall mit Pistole auf  den Pennymarkt in Essingen, ein Überfall mit Beil auf den Lidl in Crailsheim sowie mit Schusswaffe auf die Filiale der VR-Bank in Jagstzell: zwischen April 2018 und April 2019 sorgten eine Serie von Gewalttaten in der Region für Angst und Schrecken und für viel Arbeit bei der Polizei. Jetzt stehen die mutmaßlichen Täter vor Gericht, ein 25-jähriger Mann aus dem Kosovo und eine 30-jährige Frau aus Ellwangen, die in Crailsheim lebt. Die Staatsanwaltschaft beschuldigt den Mann, der in Hand- und Fussfesseln aus der Haft vorgeführt wird, die bewaffneten Überfälle und Einbrüche mit brutalem Vorgehen gegen Bewohner und Mitarbeiter ausgeführt zu haben. Die Frau wird der Beihilfe und gemeinschaftlicher Hehlerei beschuldigt. Sie ist nicht in Untersuchungshaft und trägt auch keine Handschellen.

Hat man es hier mit einem Gangsterpärchen al la Bonnie und Clyde zu tun? In welcher Beziehung stehen der Mann mit Sidecutfrisur und schwarzem Vollbart und die schlanke Frau mit den langen blondierten Haaren? Das bleibt vorerst im Dunkeln, weil weder er noch sie Aussagen zur Person oder zu den Tatvorwürfen machen. Wenn man sich die Anklage im Detail ansieht, waren die beiden auch eher von Pleiten, Pech und Pannen verfolgt: Beim Pennymarkt in Essingen schließt die bedrohte Mitarbeiterin nicht auf und rennt weg. Beim Wohnungseinbruch in Eigenzell erbeutet man vor allem Gemälde und Antiquitäten, die man anschließend nicht los wird. Der bedrohte Mitarbeiter der VR-Bank hat keinen Schlüssel zum Tresor und so bleibt es bei einer Beute von 80 Euro. Beim Überfall auf eine Frau in ihrem Wohnhaus in Crailsheim werden Münzen und Schmuck im Wert von mehreren tausend Euro erbeutet. 

Am ersten Prozesstag geht es um diesen Einbruch in Crailsheim. Die Bewohnerin ist allein zuhause, als der Einbrecher mit einer Halloweenmaske und einer Pistole vor ihr steht und "Geld, Schmuck" verlangt. Sie habe zuerst an einen Aprilscherz geglaubt, sagt die Frau im Zeugenstand. Als sie in den Keller fliehen will, geht ihr der Einbrecher nach, schießt zweimal und sie glaubt am Kopf getroffen worden zu sein, weil sie eine blutende Wunde hat. Der Mann zwingt sie in das Schlafzimmer, wo er Gold- und Silbermünzen erbeutet, die dem Lebensgefährten der Verletzten gehören. Auch Handtaschen und einen wertvollen Ring nimmt er mit.

Insgesamt ist die Beute aber eher gering, weil der Täter weder den Tresor voller wertvoller Münzen entdeckt, noch die Münzkassetten im Arbeitszimmer, die sogar offen dagelegen seien, sagt der Lebensgefährte der Überfallenen aus. Zur Tatzeit war er mit dem Porsche in der Waschanlage.

Die Beraubte und ihr Lebensgefährte sind nachhaltig traumatisiert, sie kann monatelang nicht allein sein, schließt alle Türen ab. Der Mann hat sich ein Gewehr gekauft, aus Angst vor weiteren Einbrechern. Mehrere Polizeibeamte schildern ihre Ermittlungen, die ergaben, dass der Täter wohl durch ein Kellerfenster eingestiegen ist. Die Verletzung der Frau rührt wohl von einem Schlag mit der Waffe her und ist keine Schussverletzung.

Dieser Einbruch ist für den Täter trotz der Beute ein Misserfolg: Am Tatort verliert er Kleidungsstücke, ein T-Shirt und eine Socke, an denen DNA-Spuren anhaften, von dem Kosovaren und von seiner Komplizin. Aus seiner Waffen fallen Teile des Magazins und Patronen verliert er auch. Die Verletzungen des Opfers machen die Tat zu einem Gewaltverbrechen.

Der Verteidiger der Angeklagten spricht zu Beginn der Verhandlung über eine Verständigung. Wenn sie mit einer Bewährungsstrafe davon kommt, wäre sie möglicherweise bereit umfassend auszusagen, wird angedeutet. Doch zu einer Absprahe kommt es nicht. Am Amtsgericht Crailsheim ist gegen sie ein weiteres Verfahren wegen Drogenbesitz anhängig. Wie das zu bewerten ist, kann Oberstaatsanwalt Jörg Böhmer nicht sagen. Bezüglich der heute vorgebrachten Anklage, sagt er: "Ich sehe die Angeklagte nicht hinter Gittern".

Fortsetzung am Nachmittag: Als Zeuge ist der jüngere Bruder der Angeklagten geladen, gegen den ein Ermittlungsverfahren läuft, weil er sich in einem Brief an das Amtsgericht  als Täter bei dem Wohnungseinbruch in Crailsheim offenbart. Zuvor gibt es unter den Beteiligten des Verfahrens einen Disput, ein Verteidiger stellt den Antrag, den 21-Jährigen ohne Zeugenbeistand nicht aussagen zu lassen. Es stehe die Befürchtung im Raum, dass der Zeuge sich selbst belasten könnte. Nach einer Unterbrechung entscheidet das Gericht, dass kein Beistand erforderlich ist. Richter Fleischer klärt den jungen Mann ausführlich auf, dass er die Aussage verweigern kann.

Der Zeuge bleibt dabei, wiederholt, was er schon in dem Brief geschildert hat. Er habe Druck wegen Schulden bekommen, habe in der Wohnung der Schwester "was getrunken und was gezogen", dann die dort liegende Waffe, ein T-Shirt und eine Socke genommen. Eigentlich habe er die Jet-Tankstelle überfallen wollen, sich dann aber nicht getraut. Schließlich sei er in das Haus eingestiegen, habe die Bewohnerin verletzt und die Münzen mitgenommen. Er schildert viele Details richtig. Doch es gibt auch Widersprüche: er behauptet, sich mit hochgezogenem Pulli verhüllt zu haben während das Opfer von einer Halloweenmaske sprach.

Oberstaatsanwalt Böhmer hält ihm schließlich die Aussage eines verdeckten Ermittlers vor, der den Zeugen und seine Schwester zur Tatzeit in einem Auto gesehen hat. Offensichtlich hatte die Polizei den Kosovaren bereits in Verdacht und ließ die Wohnung in Crailsheim beschatten.

Warum der jüngere Bruder den Lebensgefährten seiner Schwester decken könnte, bleibt offen. Vielleicht dachte er aufgrund seiner Drogenabhängigkeit und seines Alters mit Jugendstrafe davonzukommen. 

Am Mittwoch geht der Prozess zu den Taten VR-Bank Jagstzell und Lidl Crailsheim weiter. Insgesamt sind fünf Verhandlungstage angesetzt.

Der zweite Verhandlungstag zum Nachlesen: Die Angeklagte packt aus

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