„Copy and Paste“ für die Jagst

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Jan Fischer und Manuel Redling (v.l.) vor einer Schleife der Jagst. Der Fluss reguliert sich selbst. Die Kiesbank in der Bildmitte war früher nicht vorhanden, davor und danach sind bis zu 1,5 Meter tiefe Stellen.
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Was die Planungen zur Renaturierung der Jagst vorsehen und wie sich die zeitliche Abfolge im Stand der Planung darstellt.

Ellwangen.

Die Jagst wird im Zuge einer naturnahen Umgestaltung vom Wehr am Mühlgraben entlang entgegen ihrem Lauf bis hinaus nach Schrezheim ihr Auftreten bis zur Landesgartenschau (LGS) 2026 verändern. Das alte „Korsett“ aus Betonrinne und Ufersteinen aus den 60er Jahren wird aufgebrochen, zurückgebaut und die Jagst wieder in ein frei fließendes, mäanderndes naturnahes Gewässer zurückverwandelt.

Diese Punkte wurden durch die Gemeinderatsbeschlüsse Ende letzten und Anfang diesen Jahres verabschiedet. Eingriffe dieser Größenordnungen wecken natürlich auch Sorgen seitens Bürger, Naturschutz, Landwirtschaft und Anglern.

Den Befürchtungen der Bürger entgegneten die Planer der LGS mit Offenheit und Transparenz, setzten im März auf digitale Informationsveranstaltungen, die sogenannten „Digiloge“.

Weil man sich aber immer noch schwer vorstellen kann, wie die frei fließende Jagst einmal aussehen soll, informierten LGS-Landschaftsarchitekt Jan Fischer und Manuel Redlinger vom Regierungspräsidium Stuttgart, seines Zeichens Gewässerökologe, vor Ort anhand einer „Referenzstrecke“.

Diese Strecke befindet sich südlich von Saverwang. Dort entging auf einer Stercke von gut 600 Metern ein Stück der Jagstbegradigung, und der Fluss hat sein altes Bett behalten. Das bedeutet: würde man die Jagstschleifen in die Länge ziehen, dann wäre sie dort gut zwei einhalb mal so lang. „Man hat der Jagst und damit der Natur damals im Grunde drei viertel des Raumes genommen“, verdeutlicht Manuel Redling.

Heute dient dieses Stück als Vorlage für die Neugestaltung. „Wir machen mit diesem Abschnitt im Grunde Copy and Paste“, erklärte Redling. Und das funktioniert so: Der Verlauf des Flusses wird kopiert, am Rechner modelliert und auf den bestehenden Plan und das Gelände übertragen. Anschließend laufen Simulationen, um die Auswirkungen auf Ökologie, Gewässerschutz und Hochwasserschutz zu erörtern.

Begrünung bis 2025

Nach Abschluss der Planungen Ende 2021 könnten die Erdarbeiten in 2022 folgen, erklärt Jan Fischer. Spätestens Frühjahr 2025 soll eine sogenannte „Anspritzbegrünung“ erfolgen. Das bedeutet, dass im ufernahen Bereich auf etwa zwanzig Metern Breite ein Wasser-Samen-Gemisch aufgebracht wird. Die Samen stammen von autochtonen Gehölzenen, also heimischen Arten, die an der Jagst zwischen dem Bucher Stausee und Crailsheim heimisch sind.

Obenauf wird eine schützende Schicht aus Stroh und Naturleim aufgebracht. Im ufernahen Bereich folgen danach Anpflanzungen von heimischen Gehölzen und hochstämmigen Bäumen, sowie Weidenpflanzungen und -stecklingen im vier- bis fünfstelligen Bereich. „Wir hoffen, damit auch den Biber gnädig stimmen zu können“, bekennt Redling.

Fertigwohnung für den Biber

A propos Biber: er wird schon im Vorfeld neue Burgen im oberen Bereich bekommen, aus Betonfertigteilen, mit Stroh ausgekleidet. „Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.“ Und die haben den Vorteil, dass die Biber mit Kameras beobachtet werden können, was auch für Schulklassen interessant sein kann.

„Im Grunde ist es ein Reset, und danach reguliert sich der Fluss selbst und korrigiert“, bestätigt Redling. Und Fischer ergänzt: „Die Jagst mäandert stark. Wenn man sie lässt, kann sie sich an ungeschützten Stellen zwei bis drei Meter im Jahr an den Schleifen holen.“ Um das zu vermeiden, wird dort anfallendes Totholz eingebaut, das ungefähr 30 Jahre halten soll: „Danach ist der Bewuchs aus Gehölz und Bäumen stark genug, um das Ufer zu stabilisieren.“ So kann ein natürlicher Auenwald entstehen, gesäumt von dann naturgeschützten Blühwiesen.

Vertreter von Angelvereinen wünschten sich, zu Beginn bei den Erdarbeiten einige tiefere Stellen in der Sohle mitzudenken und anzulegen, damit sich die Fische leichter ansiedeln können. Und Vogelschützer hoben die Bedeutung von Schilfzonen als Ruhe- und Brutorte für Vögel hervor. Redling und Fischer nahmen die Anregungen dankend auf, um sie in die Planung einfließen zu lassen.

Ein weiterer Termin speziell mit Vertretern der Angler- und Naturschutzverbände soll im Laufe des Jahres folgen.

Und was ist mit jenen, die Angst haben vor zu viel oder zu wenig Wasser in der Jagst? „Die lade ich ein, sich diesen Abschnitt anzuschauen“, sagt Redling offen. Panta rei.

"Im Grunde machen wir mit diesem Abschnitt Copy and Paste."

Manuel Redling, Gewässerökologe
Ellwangen ursprüngliche Jagst
Landesgartenschau Ellwangen Jagst

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