„Das muss die Hölle sein“

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Die Sea Eye Maik Ludemann beim Auslaufen in Richtung Mittelmeer.
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Johannes Schmuker berichtet von Flüchtlingshilfe im Mittelmeer, Schikanen, unfassbarem Leid und unterlassener Hilfeleistung.

Ellwangen

Er hat auf dem Mittelmeer Flüchtlinge gerettet. Am Mittwoch war er zu Gast bei der Friedensdekade. Im Gespräch mit der SchwäPo erzählt Johannes Schmuker (67) aus Freising von seinen Einsätzen auf den Seenotrettungsschiffen der Hilfsorganisation „Sea-Eye“.

SchwäPo: Am Wochenende gab es Schlagzeilen, weil die „Sea Eye 4“ trotz rund 850 Flüchtlinge an Bord von Malta abgewiesen wurde. Was haben Ihnen Ihre Kollegen berichtet?

Johannes Schmuker: Innerhalb von 48 Stunden hatten wir sieben Rettungen. Die „Sea Eye 4“ war schon voll. Sie ist für rund 200 Personen ausgelehgt. Aber da war ein Holzboot mit 400 Menschen, in das schon Wasser lief. Wir waren bereits auf dem Weg Richtung Lampedusa, aber keiner kam zu Hilfe. So haben die Kollegen umgedreht. Es dauert Stunden, bis man mit Schlauchbooten die Flüchtlinge zum Schiff holt. Eine Person musste noch im Schlauchboot reanimiert werden. Ein Glück ist das gelungen. Auf dem Schiff war bei so viel Geflüchteten eine qualvolle Enge. Zehn Mannschaftsmitglieder haben versucht, 847 Menschen medizinisch und mit Lebensmitteln zu versorgen. Es waren 170 Kinder und Jugendliche, 130 Unbegleitete. So viele hatten wir noch nie. Da müssen die Flüchtlinge mithelfen. Das ist nicht schaffbar. Andere Schiffe haben mit Decken und Nahrungsmitteln ausgeholfen.

Wie fühlt es sich an, wenn man mitten auf dem Meer ist, mit einer Menge Menschen, die Hilfe benötigen und man bekommt keine Zusage, einen Hafen anlaufen zu dürfen?

Wir selbst kennen diese Situationen, die Flüchtlinge aber nicht. Aktuell reagiert Malta oft nicht, andere Küstenwachen sind oft nicht erreichbar, es spricht niemand Englisch, man weiß nicht, wie es weitergeht. Es ist eine riesige Belastung für alle. Es gibt Schiffe, die nicht reagieren, wenn man sie wegen Hilfe anfunkt. Sie wollen sich keinen Ärger aufhalsen. Es gibt Situationen, in denen die Menschen verzweifeln, drohen über Bord zu springen.

Wie ist die Situation aktuell?

Seit dem Regierungswechsel 2018 werden Helfer behindert und schikaniert, die Rettungsschiffe unter einem Vorwand an die Kette gelegt. Beispielsweise: Es seien zu viele Rettungswesten an Bord. Es kam schon vor, dass die libysche Miliz zur Einschüchterung ins Wasser feuert. Wenn man die Menschen an Bord hat und tage- oder wochenlang keinen Hafen findet, das sind Dramen, die auf dem Rücken der Menschen und der Crew ausgetragen werden. Die Menschen sind total erschöpft.

Wie kamen Sie zu „Sea Eye“?

Ich bin Bauingenieur, habe im Bereich Hochwasserschutz gearbeitet. Also Schutz der Menschen vor Wasser. Hobbymäßig gehe ich gerne segeln. 2017 habe ich einen Bericht gesehen über den Regensburger Verein und dachte, okay, da kann ich helfen. 2017 und 2018 war ich dann jeweils für drei Wochen im Einsatz. Flug nach Malta auf eigene Kosten, Schichtdienst, Dauereinsatz. Das ist körperlich anstrengend. Die Crew wechselt nach ein paar Wochen. Das ist eine wahnsinnige Leistung der Mannschaft. Zu meiner Zeit waren wir alle Ehrenamtliche, Hobbyseeleute und mit mit einem alten Kutter unterwegs. Die Sea Eye 4, die heute im Einsatz ist, ist ein großes Offshore-Schiff. Da braucht man ein professionelles Team: Kapitän, 1. Offizier usw. Zehn Leute kümmern sich ums Schiff, zehn um die Menschen. Wegen Corona muss die komplette Besatzung vor ihrem Einsatz erstmal für zwei Wochen aufs Schiff, bevor sie auslaufen können. Auch nach zwei Wochen Einsatz sind oft nochmal zwei Wochen Quarantäne nötig.

Was hat sie am meisten bewegt?

Man fährt eineinhalb Tage von Malta aus Richtung Libyen. Das ist so eine unendliche Weite, die Entfernungen gigantisch und diese Menschen wollen hunderte von Kilometern in kleinen Nussschalen zurücklegen. Das ist nicht vorstellbar, dass es Menschen so schlecht gehen kann, dass sie so etwas machen. Sie sagen, es sei ihnen egal, wenn sie ertrinken. Das Schlimmste sei, die Gewalt und Ausbeutung in Libyen ertragen zu müssen. Das muss die Hölle sein. In Tunesien haben wir einen Fischer kennengelernt, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, angeschwemmte Leichen oder Leichenteile beizusetzen. Es sind schon über 300.“

Johannes Schmucker an Bord der Seefuchs.

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