Die ganze Wahrheit über die Schwedenmadonna

+
Museumsleiter Matthias Steuer mit der gotischen Pietà: Die Hand der Christusfigur wurde nachträglich angeklebt.
  • schließen

Der Leiter des Schlossmuseums, Matthias Steuer, hat eine alte Schrift entdeckt, die eine Legende aus dem 30-jährigen Krieg belegt.

Ellwangen

Jeder in der Stadt kennt den „Schwedenturm“ des Ellwanger Schlosses mit dem ursprünglichen Zugang zum Innenhof. Jahrzehntelang wurde bei den Heimattagen hier gefeiert. Die Legende, von der dieser Turm seine Bezeichnung bekommen hat, ist weniger bekannt: Ein schwedischer Soldat soll im 30-jährigen Krieg in die Schlosskapelle eingedrungen sein und an der dort aufgestellten Pietà der Jesusfigur mit dem Schwert die Hand abgehauen haben. Daraufhin sei dem Frevler das Schwert entfallen, weil seine Hand plötzlich zu verfaulen begann. Der Soldat habe so übel gerochen, dass ihn die Kameraden in das Verlies des Michaelsturms sperrten, wo er jämmerlich dahinsiechte und starb. So wurde der Michaels- zum Schwedenturm.

Die gotische Pietà steht heute im Schlossmuseum, jeder kann sehen, dass die Hand der aus Holz geschnitzten Jesusfigur nachträglich angeklebt wurde. Als Beleg für den Wahrheitsgehalt der Legende genügt das freilich nicht. Den hat aber nun Matthias Steuer in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel entdeckt. Eine achtseitige Druckschrift, die um 1720 entstanden ist, beschreibt das Ereignis aus dem 30-jährigen Krieg bis ins Detail. Als dreiteiliges Gebet, in Versen gereimt und mit einem Kupferstich der Madonna versehen.

Aus dem Druck geht hervor, dass sich der Vorfall in der Hofkapelle nicht bei der Schwedenbelagerung 1631/32 ereignete, sondern bereits 1622, als nur gelegentlich versprengte schwedische Truppen in der Region unterwegs waren.

Das Gedicht beschreibt das Leiden des Soldaten auch nicht als plötzliches Verfaulen. Vielmehr sei der Mann eher allmählich dahingesiecht. Außer der Hand sei auch ein Zeh der Christusfigur beschädigt worden. Tatsächlich sieht man bei genauem Hinsehen, dass auch der große Zeh angeklebt ist.

Für Matthias Steuer ist die Druckschrift auch Beleg dafür, dass die Schwedenmadonna vor ihrer Beschädigung bereits weithin bekannt war. „Die Figur wurde offenbar wie ein Gnadenbild verehrt“, sagt Matthias Steuer. Und das obwohl die Hofkapelle nur an wenigen Tagen für die Allgemeinheit überhaupt zugänglich war.

Das dreiteilige Gebet, das neben der „Trauergeschicht“ die Kapitel „Verehrung“ und „Liebessäufzer“ enthält, ist ein schöner Beleg für den einfachen Volksglauben vor der Aufklärung, für den gute und schlechte Taten entweder belohnt oder bestraft werden.

Die Schwedenmadonna befindet sich als Kopie auch in der St. Wolfgangskirche, eine Stiftung des ehemaligen Oberbürgermeisters Dr. Stefan Schultes.

Info: Das Schlossmuseum startet am Ostersonntag, 17. April in die neue Saison. Führungen können unter Tel.: 07961/54380 oder 0162/9188006 vereinbart werden.

Die Figur wurde wie ein Gnadenbild verehrt.“

Matthias Steuer, Museumsleiter

Zurück zur Übersicht: Stadt Ellwangen

Mehr zum Thema

Kommentare