Die Generäle lassen Kinder kämpfen

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Ellwangen im Nationalsozialismus: SS-Truppen marschieren durch die damalige "Adolf-Hitler-Straße". Anfang 1945 werden sogar noch 14-jährige Buben eingezogen wie Hermann Lang.
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Der 14-jährige Ellwanger Hermann Lang flieht im April 1945 mit einer versprengten SS-Einheit vor der US-Armee und erlebt unterwegs Kameradschaft und Kriegsgräuel.

Ellwangen

Er gehörte zum "letzten Aufgebot" des Führers: Der 14-jährige Hermann Lang trug im April 1945 die SS-Uniform und sollte das Deutsche Reich gegen die Amerikaner verteidigen. Seine Einheit setzte sich in der Nacht vom 22. auf den 23. April ab. Erfahrene Soldaten zogen zusammen mit Kindern in Richtung Alpenfestung, so muss man das heute sehen. Zu verstehen ist es nicht.

Das Tagebuch von Hermann Lang schildert die letzten Kriegstage aus den Augen eines Jungen, der für sein Land seinen Beitrag leisten will, geradeso wie es den Kindern im Nationalsozialismus eingetrichtert wurde. Dass der Krieg längst verloren war und es nur noch darum ging zu überleben, mögen die Erwachsenen, mit denen er marschierte, wohl begriffen haben. Für ein Kind sieht die Welt jedoch anders aus: Seine Schilderungen lesen sich wie ein großes Abenteuer:

"In Unterkochen erhielten wir im Vorübergehen an einer Rampe eine Dose Wurst in die Hand gedrückt: Das war die erste Verpflegung seit zwei Tagen."

Die Verpflegung nehmen er und zwei weitere Jugendliche ein paar hundert Meter weiter direkt am Straßenrand ein, obwohl man ihnen aufgetragen hat, bei Tag in weitem Abstand zu marschieren.

"Über uns flog in ziemlich großer Höhe ein Flugzeug schon längere Zeit hin und her. Keiner von uns beachtete es besonders, man hatte sich schon so daran gewöhnt. Plötzlich hörte man in der Ferne stärkeren Donner in kurzen Abständen und schon ging bei uns der Zauber los. Die erste Granate schlug circa 10 bis 20 Meter neben uns im Graben ein. Da war unser Hunger schlagartig vergessen, wir stoben in alle Richtungen auseinander. (...)Wenn es möglich gewesen wäre, den ganzen Körper im Stahlhelm unterzubringen, ich hätte es versucht. Aber so musste ich den ganzen Schotterregen über mich ergehen lassen. Nach ungefähr einer viertel Stunde war der ganze Zauber vorbei. Das Flugzeug war in der Zwischenzeit auch verschwunden. Es war ein feindlicher Artillerie-Beobachter gewesen und sowie sich größere Ansammlungen bildeten, gab er das sogleich an die Stellungen weiter. Verletzte hatten wir nur einen und, wie konnte es anders sein, natürlich den Sanitäter."

Über Oberkochen und Königsbronn geht es bei Nacht weiter in Richtung Giengen, das die Gruppe gegen Mittag erreicht.

"Dort wurde gleich Unterkunft in den Kellern der umliegenden Häuser gesucht. Obwohl nach Aussagen einiger Kameraden im Keller mehrere Ratten umher sprangen, schliefen alle sofort ein. Nach einigen Stunden, so gegen 16 Uhr, kam der Befehl zum Sammeln durch. Die neue Order lautete, sofort oben am Berg (oberhalb des Bahnhofs) Stellungen graben und den Gegner erwarten."

Während Ellwangen und Aalen bereits an die Amerikaner übergeben sind, bereitet sich Hermann Lang in Giengen auf den Kampf vor, der angesichts der technischen Überlegenheit des Gegners aussichtslos sein musste.

Verletzte hatten wir nur einen und, wie konnte es anders sein, natürlich den Sanitäter.

Hermann Lang in seinem Tagebuch

"Gegen Abend erhielt ich den Auftrag als Melder in die Stadt zum Hauptgefechtsstand zu gehen, um neue Meldungen entgegen zu nehmen. Auf dem Weg nach unten hörte man schon in der Ferne ersten Panzerlärm und einzelne Schüsse. Nachdem ich den Hauptgefechtsstand ausgemacht hatte, er war in einer Wirtschaft neben einer Kapelle, ging ich rein. Ein Posten meldete mich an. Als nach kurzer Zeit der Befehl zum Eintreten kam, staunte ich nicht schlecht. Es waren drei Generäle und mehrere Offiziere im Zimmer. Nachdem ich meine Hacken zusammengeschlagen hatte, kam einer der Generäle zu mir und fragte mich einige persönliche Dinge, mein Alter, woher und warum waren die wichtigsten Fragen. Nachdem ich alles so gut wie möglich beantwortet hatte, stellte er mich den anderen Offizieren vor und lobte mich als deutschen Jungen und Idealisten über alles. Zum Dank erhielt ich den Befehl: Die sechste Kompanie sollte die Stellung halten, bis alle anderen sich abgesetzt haben, danach könnten wir auch die Stellung räumen. So, nun hatten wir die Bescherung. Nachdem ich wieder mein Männchen gebaut und eine stramme Kehrtwendung hingelegt hatte, verließ ich den Raum. Beim Hinausgehen bemerkte ich, dass alles fluchtartig zum Rückzug vorbereitet wurde und man konnte nicht verheimlichen, dass es hier drunter und drüber ging."

Generäle lassen ihren Rückzug von Kindern sichern und schämen sich nicht, sie auch noch für ihren "Idealismus" zu loben: Realität in Deutschland im April 1945.

"Auf dem Weg zurück traf ich einen von unserer Kompanie, der hatte einen Arm voll Brote organisiert. In der Nähe der Felsen, unterhalb unserer Stellung, mussten wir noch in einen Keller, weil Pioniere eine Brücke nebenan zur Sprengung vorbereiteten. Kaum waren wir unten, flog auch schon die Brücke mit lautem Getöse in die Luft. Zehn Minuten später waren wir bei unseren Kameraden, zuerst die Freude über das Brot, dann die langen Gesichter über meine Meldung. Mancher hatte sein Loch nur notdürftig gegraben, aber nach dieser Botschaft buddelte sich jeder noch tiefer ein. Kaum war man damit fertig, ging auch schon der Zauber wieder los. (...) Im Lauf der Zeit wurde es immer heftiger und man konnte den Kopf kaum aus dem Loch stecken. Vermutlich hatte uns wieder ein Flugzeug ausgemacht. Bei dem Krach konnte man kein Motorengeräusch hören und zu sehen war auch nichts mehr, da die Dämmerung herein brach. In der Stadt unten brannten auch schon wieder die ersten Häuser und das Kettengerassel von Panzern kam auch immer näher. Da erhielt ich den Befehl, zu unseren Leuten draußen in ihren Löchern zu gehen und ihnen mitzuteilen, dass sie das Feuer sofort einstellen sollten. Es hatte ja keinen Sinn, da unter uns auf der Straße die Panzer schon längere Zeit vorüberrollten und wir somit eingeschlossen waren. Auch sollten sie sich alle im Gefechtsstand einfinden. An ein Loch kann ich mich noch erinnern, es wurde vermutlich durch einen Volltreffer zerstört. Es sah grausig aus, ein Körper zwischen Dreck und Lehm. Nachdem es bei uns still geworden war, verstummte auch das feindliche Feuer.

Gegen Mitternacht beschließen Lang und seine Kameraden, sich zurückzuziehen und sich an einem Baum oben am Berg zu treffen.

"Nach einer kurzen Rast und Besprechung der Lage wurde der Marsch gemeinsam fortgesetzt. Unsere große Hoffnung war, dass die Panzer noch nicht so weit oder in Richtung Hermaringen gefahren waren. Dadurch hatten wir die Möglichkeit in Richtung Hürben-Lonetal in der Dunkelheit zu entkommen. Nach einem Gewaltmarsch erreichten wir die Straße Hermaringen-Hürben."

Im Dunkeln trifft die Gruppe auf andere deutsche Soldaten, die hier die Straße bewachen sollen, sich aber sofort dem Rückzug anschließen, als sie hören, wie die aktuelle Lage ist. Die jetzt deutlich angewachsene Gruppe schöpft neues Selbstvertrauen und denkt nicht ans Aufgeben.

"In einem der nächsten Orte, Hürben oder Lonetal, besorgten wir uns unter gewaltigem Protest der Bewohner ein Pferdefuhrwerk. Unsere Marschrichtung war die Donaubrücke bei Günzburg. Um nach Möglichkeit vor den Amerikanern dort zu sein, gab es fast keine Ruhepausen mehr."

In Teil 3 unserer Serie "75 Jahre Kriegsende" trifft Hermann Langs Gruppe auf einen Wehrmachtsoffizier, der an der Donaubrücke die Rückzugstruppen für einen Gegenangriff sammelt.

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Ein Stahlhelm mit SS-Runen, wie ihn Hermann Lang trug. Die Uniform ist im Schlossmuseum ausgestellt.

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