Die Menschen wertschätzen die Musik mehr

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Multitalent: Reinhard Krämer, Organist, Kantor und Konzertmanager der evangelischen Kirchengemeinde an "einem der schönsten Arbeitsplätze der Stadt", hoch oben in der Empore der Stadtkirche.
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Reinhard Krämer ist seit 25 Jahren Kantor in Ellwangen. Was ihn bewegt und wie sich seine Arbeit auch durch Corona verändert hat.

Ellwangen

Einen der teuersten und zugleich schönsten Arbeitsplätze der Stadt kann Reinhard Krämer, Kantor der evangelischen Kirchengemeinde für sich beanspruchen. Im vergangenen Frühjahr erst wurde sein Arbeitsgerät für rund 75 000 Euro saniert: die Orgel der evangelischen Stadtkirche. Seit nunmehr 25 Jahren steigt er beinahe täglich die vielen Stufen auf die zweite Emporenebene zu dem großen Musikinstrument, das 1880 von den Gebrüdern Link aus Giengen errichtet wurde. "Ich bin unter anderem für dieses und viele andere kostbare Musikinstrumente der Gemeinde verantwortlich", erklärt Krämer. Am liebsten spielt er Romantiker wie Mendelssohn und natürlich Bach. "Einmal täglich muss das sein. Der ist komplex, das hält den ganzen Kopf fit." An "seiner" Orgel hängt er sehr: "Da sind noch ganz alte Teile erhalten. Und diese Register und Flöten haben einen ganz besonderen, eigenen Charme, der Gänsehaut verleiht."

Eine weitere Säule seiner Aufgaben bildet das Konzertmanagement der Kirchengemeinde. "Das kulturelle Programm war mit der Grund, warum ich heute überhaupt hier bin," gibt Krämer auch schmunzelnd zu. Denn das Speratushaus und die Stadtkirche kannte der in Kirchheim/Teck geborene Krämer aus erster Hand, als auftretender Künstler. "Ich war gern hier auf Konzerten, und als die Stelle ausgeschrieben wurde, dachte ich mir, da musst Du hin."

Sechs Konzerte müsste er laut Vertrag im Jahr organisieren, "aber es sind meist nie weniger als zwölf. Es macht mir Freude und ist mir wichtig." Die besondere Herausforderung liegt darin, dass die auftretenden Künstler immer mit ins Risiko gehen, "denn wir verlangen keinen Eintritt, alles basiert auf Spenden." Dennoch habe er in den 25 Jahren kaum Schwierigkeiten gehabt, ein Programm aufzustellen. "Die Künstler kommen gern, wir genießen einen guten Ruf." Nicht zuletzt auch sein Verdienst, schmerzt ihn die aktuelle Situation ohne Konzerte umso mehr: "Das letzte Jahr hat alles verändert."

Früher zählten mehr die Unterschiede, heute mehr das miteinander.

Reinhard Krämer Kantor

Denn auch die dritte Säule seiner Arbeit ist weitgehend zum Erliegen gekommen. Als Kantor leitet Krämer neben dem großen Chor auch den Jugend- und die Kinderchöre. "Normalerweise haben wir immer Proben, für den aktuellen Gottesdienst, und für ein größeres Chorprojekt." Jetzt erlaubt die Verordnung der evangelischen Landeskirche nur das Proben auf den anstehenden Gottesdienst, in der Kleingruppe mit 5 Personen und zwei Metern Abstand. "Das geht hier schon nicht mehr auf der Empore."

Das Proben neuer Programme mit dem gesamten Chor geht hingegen gar nicht mehr. "Das Werk Dietrich Bonhoeffers wäre unser nächstes Projekt als Kantorei gewesen", bedauert Krämer. Auch organisatorisch hat sich im letzten Jahr viel verändert: "Wir nutzen jetzt Videoschalten und Doodle, da tragen sich die Sänger selbst für Proben und Gottesdienste ein."

Was sich insgesamt verändert hat über all die Jahre hinweg? Krämer muss nicht lange überlegen. "Die Ökumene. Früher zählten mehr die Unterschiede, heute mehr das miteinander." Und der Applaus nach dem Gottesdienst habe über die Jahre zugenommen, vor allem im letzten Jahr. "Die Menschen wertschätzen die Musik mehr, gerade auch in diesen Zeiten. Und es freut mich, wenn meine Musik ihnen Freude bereiten kann."

In den Chören ist noch Platz

Die Kantorei sucht immer engagierte und interessierte Sängerinnen und Sänger in allen Altersklassen. Wer mitmachen möchte, kann sich gerne melden. Mehr Informationen unter

https://www.kirche-ellwangen.de

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