Durch Spielsucht zum Betrüger

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Hinter gewerbsmäßigem Betrug, der vor dem Ellwanger Amtsgericht verhandelt wurde, steht ein trauriges menschliches Schicksal. Symbolfoto: pixabay
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Ein Jahr und neun Monate Haft erhält ein Kleinunternehmer dafür, dass er zwar Vorkasse einzog, aber die Aufträge nicht ausführte. Warum dahinter ein menschliches Schicksal steht.

Ellwangen/ Westhausen

Gewerbsmäßigen Betrug eines Westhauseners in neun Fällen verhandelte der vorsitzende Richter Norbert Strecker am Ellwanger Amtsgericht. Der Angeklagte war dabei kein Unbekannter: Bereits 2018 wurde er wegen ähnlichen Vorgehens eben von Richter Strecker zu zehn Monaten auf Bewährung verurteilt, die nun mit in die Gesamtstrafe einflossen.

Die Vorgehensweise des Betrügers war dabei immer die gleiche: als Inhaber einer kleinen Autotuning-Firma in Westhausen hatte er über eBay-Kleinanzeigen und Facebook Angebote zur Autofolierung eingestellt, Aufträge angenommen und Vorauszahlungen eingenommen, die Aufträge dann aber nicht ausgeführt.

Über einen Zeitraum von rund zwei Jahren schädigte der 35-jährige Westhausener so insgesamt über 30 Menschen im süddeutschen Raum. Seit November vergangenen Jahres sitzt er dafür bereits in Schwäbisch Hall in Haft, im Februar wurde er für dieses Vorgehen in zwei Fällen für sechs Monate Haft vom Amtsgericht Waiblingen verurteilt, ein weiteres Urteil vom Amtsgericht Dillingen über acht Fälle ist noch nicht rechtskräftig.

Der 35-jährige zeigte sich vollumfänglich geständig. "Ich bin spielsüchtig und habe das Geld verzockt", gab er unumwunden zu. "Ich bin der schlimmste Spieler der Welt. Wenn man spielt, denkt man nicht an die Konsequenzen. Erst nachdem die letzte Münze im Automaten gelandet war, wurde mir klar, dass ich das Geld für das Material für die Aufträge verzockt habe."

Dies habe in einen Teufelskreislauf geführt, das Rad habe sich immer schneller gedreht. Er habe immer mehr Anzeigen geschaltet, um Geld für Material zu bekommen und die Aufträge zu retten, doch immer wieder sei er rückfällig geworden.

Alles verloren, gegen die Wand

"Das hat auch dazu geführt, dass ich mittlerweile alle um mich herum verloren habe. Meine Familie verachtet mich." Zuletzt habe sich auch seine Lebensgefährtin, mit der er ein drei Jahre altes Kind hat, von ihm getrennt. Er stammt aus der Türkei, zog mit der Familie im Alter von sieben Jahren nach Deutschland, wo er das Berufskolleg mit Fachhochschulreife abschloss. Um diese Zeit begann die Spielsucht. Erste Einträge im Vorstrafenregister folgten, zunächst wegen kleinerer Delikte, dann auch Urkundenfälschung und Betrug.

Ich bin der schlimmste Spieler der Welt.

Angeklagter

Zudem hatte die Spielsucht zwischenzeitlich weitere Erkrankungen ausgelöst, Psychosen und Depressionen, weswegen er auch seit einigen Jahren starke Medikamente einnimmt. "Ich habe es versucht, aber ich bin nicht losgekommen", gestand der 35-Jährige, der zuletzt sogar untergetaucht war und polizeilich gesucht wurde. "Ich möchte reinen Tisch machen, einen Neuanfang. Darum habe ich mich auch selbst der Polizei gestellt. Ich wollte die Leute nicht schädigen. Ich hätte gutes Geld verdient, wenn ich die Aufträge zu Ende gebracht hätte."

Gefängnis als Hoffnung

Im Gefängnis habe er sich an die Suchtberatung gewandt und um psychologische Betreuung gebeten. "Mir ist im Knast einiges klar geworden. Die letzten vier Monate waren die einzigen in den letzten 17 Jahren, in denen ich nicht gezockt habe."

Die Staatsanwaltschaft forderte unter Berücksichtigung der einschlägigen Vorstrafen, vorherigen Urteile und bereits ausgesprochenen Haft- und Bewährungsstrafen eine Gesamtstrafe von zwei Jahren Haft sowie Schadenersatz für die Geschädigten.

Richter Strecker blieb mit einem Jahr und neun Monaten sowie Schadenersatz unter der Forderung. Das umfassende Geständnis, eine mögliche teilweise Schuldunfähigkeit durch die Spielsucht und starken Medikamente sowie sein glaubhafter Versuch, sein Leben neu zu ordnen, berücksichtigte er dabei. Dennoch: "Sie haben sehr viele Leute geschädigt, das Geld ist für die Leute kein Pappenstiel", bilanzierte Strecker.

Der Angeklagte akzeptierte das Urteil in vollem Umfang und verzichtete auf Rechtsmittel.

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