Kommentar : Gerhard Königer meint, es steht zu viel auf dem Spiel, um abzubrechen.

EATA: Alles wird viel, viel teurer

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Der Z-Bau, in dem zu Bundeswehrzeiten Soldaten untergebracht waren, soll zur EATA, Ausbildungsakademie mit 200 Appartements und Schulungsräumen, umgebaut werden. Doch die Baukosten explodieren.
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Der Umbau des Z-Baus in der ehemaligen Reinhardt-Kaserne zur Ausbildungsakademie wird statt der ursprünglich geschätzten 15,7 rund 26,2 Millionen Euro kosten.

Ellwangen

Dass es bei Großprojekten zu Baukostensteigerungen kommt, ist in Deutschland schon fast die Regel. Doch in dieser Höhe? Fast elf Millionen Euro? Für eine Stadt wie Ellwangen ist die Summe einfach unvorstellbar.

Die Situation ist richtig ernst, das kann man daran erkennen, dass Oberbürgermeister Michael Dambacher und Bürgermeister Volker Grab die Information bei einem Pressegespräch bekannt geben, noch bevor der Gemeinderat am Abend über die Konsequenzen entscheiden soll.

Wie konnte es dazu kommen? Die Gründe für die Verteuerung liegen offenbar ganz wesentlich daran, dass die ursprüngliche Kostenrechnung nicht realistisch war. Zwar halten sich Elisabeth Balk, Leiterin des Stadtplanungsamtes, und Volker Grab, der seit dem ersten Beschluss 2015 mit dem Projekt befasst ist, mit Schuldzuweisungen zurück, auch weil man mit dem Architekturbüro Romer im Rechtsstreit liegt. Als sich die Stadt im Januar 2020 vom Büro Romer im Streit trennt, dauerte es fast ein Jahr, bis man mit den Architekten Roth und Partner neue Planer gefunden hat. Dann bringt die komplette Neuberechnung bei Massen und Mengen erhebliche Differenzen zutage.

Problematisch war auch der Asbestfund im August 2019. Der Estrich im kompletten Dachgeschoss ist belastet, Stäube finden sich in anderen Stockwerken und den Treppenhäusern.

Schließlich treibt der zeitliche Verzug der Arbeiten die Kosten, Handwerker springen ab, Corona verzögert zusätzlich. Aktuell steigen die Materialkosten.

Was ist die Lösung?

Die Stadt hat vier Varianten durchgerechnet: 1. die sofortige Einstellung der Bauarbeiten und der komplette Rückzug aus dem Projekt EATA. 2. die Fertigstellung lediglich des am weitesten fortgeschrittenen C-Flügels, 3. Fertigstellung des B und C-Flügels, 4. die Fertigstellung des kompletten Gebäudes.

Das Ergebnis: eigentlich kommt nur die komplette Fertigstellung in Frage, weil nur so der finanzielle Schaden zu begrenzen ist. Am Ende stehen dann der Gegenwert eines nutzbaren Gebäudes und die kalkulierten Einnahmen aus der Vermietung.

Wird das Projekt EATA aufgegeben, muss die Stadt mit großer Wahrscheinlichkeit die Zuschüsse (9,245 Millionen Euro) zurückzahlen. Das Gebäude wäre eine Bauruine, die bereits investierten Millionen müssten komplett abgeschrieben werden und die Ausbildungsakademie stünde vor dem Aus.

Nach den Berechnungen der Stadt würde der Projektabbruch 14,7 Millionen Euro kosten. Stellt man den Bau fertig, läge der städtische Anteil bei 17,6 Millionen, drei Millionen Euro mehr.

Die teilweise Fertigstellung kostet mindestens 17,8 Millionen Euro. Für den Betrieb der EATA fehlen dann aber dringend benötigte Räume. Auch bautechnisch wäre es problematisch, weil Versorgungsleitungen den kompletten Bau durchziehen.

Für den städtischen Haushalt wäre der Projektabbruch eine mittlere Katastrophe. Knapp 15 Millionen Euro müssten komplett abgeschrieben werden. Die Kostensteigerung dagegen betrifft bislang nur die mittlere Finanzplanung und könnte über zwei Haushaltsjahre gestreckt werden, stellt Stadtkämmerer Sebastian Thomer fest.

Die Folgen für den EATA-Betrieb

Der zeitliche Verzug wäre für die EATA gGmbH zwar eine Belastung, stellt Ulrich Nagl, zusammen mit Dorothea Ewers EATA-Vorsitzender, fest. Allerdings sei coronabedingt der Schulbetrieb nicht so stark angewachsen wie ursprünglich geplant. Derzeit seien es rund 20 Studierende, im Herbst erwarte man weitere 30 Personen aus Italien, die Ausbildungen in der Gastronomie anstreben. Das Kolping Bildungswerk werbe Studierende in Spanien, Italien und in den osteuropäischen Staaten an. Die Perspektive sei weiterhin gut.

„Das Konzept der EATA, junge Europäer als Auszubildende für Betriebe in der Region zu gewinnen, ist nach wie vor richtig“, stellt Dambacher fest. Der Fachkräftemangel sei ein riesiges Problem in verschiedenen Branchen und könne die wirtschaftliche Entwicklung nicht nur in Ellwangen in Gefahr bringen. „Ich glaube an den Erfolg der EATA“, mein Dambacher und plädiert dafür, die Baustelle zu vollenden, trotz der Mehrkosten.

Die entstehenden Appartements seien wichtig für die Idee des Bildungscampus und für den Wohnungsmarkt in Ellwangen. Nach 15 Jahren, dann endet die Zweckbindung der EU-Förderung, könne die Stadt das Gebäude völlig frei verwenden.

Ein Hoffnungsschimmer: Die Stadt bemüht sich derzeit um eine Nachförderung des Projekts und eine Verlängerung des Bewilligungszeitraums. Den hat das Ministerium für den ländlichen Raum schon in Aussicht gestellt. Bis 31.12.2023 muss aber endgültig abgerechnet sein. Ob es eine Erhöhung der Förderung aufgrund gestiegener Baukosten gibt, ist offen. Der ursprüngliche Zuschuss war gedeckelt.

Info: Einen ausführlichen Bericht über die Diskussion im Gemeinderat lesen Sie am Freitag online und in der Samstagsausgabe.

Das Konzept der EATA ist nach wie vor richtig.“

Michael Dambacher, Oberbürgermeister

Der Gemeinderat vertagt die Entscheidung

Im Gemeinderat herrschte am Abend große Betroffenheit. Das Gremium war bereits seit einem halben Jahr informiert. Die Stimmen lagen zwischen „Aussteigen, sofort“ und „Augen zu und durch“. Größte Vorbehalte gegen eine Weiterführung äußerte Bettina Vierkorn-Mack für die CDU. Walter Schlotter (FW-FBE) erklärte freiweg, einem „weiter“ nicht zuzustimmen. Rudi Kitzberger (Grüne) und Herbert Hieber (SPD) erklärten mit ihren Fraktionen einer Fortführung zustimmen zu können. Auch FW-FBE-Fraktionssprecher Gunther Frick sah aufgrund der Variantenberechnung im Ausstieg keine Option. Herbert Hieber (SPD) sprach sich dafür aus, eine Entscheidung erst in der Juli-Sitzung zu treffen beziehungsweise einen Bescheid des Landes bezüglich einer Nachförderung abzuwarten. Das begrüßte auch der OB, der nicht abstimmen ließ.

Macher sind gefragt

Eine bittere Nachricht: Die EATA wird 11 Millionen Euro teurer als geplant. Da liegt der Gedanke nahe: Reißleine ziehen.

Doch der Schaden für die Stadt wäre größer, viel größer und ist mit Geld allein nicht zu bemessen. Der Abzug der Bundeswehr, die Entwicklung der Konversionsfläche hat Ellwangen Perspektiven eröffnet. Die Idee mit dem Bildungscampus war nicht einfach so ins Blaue gesponnen. Dahinter steckt die Idee, Ellwangen als Mittelzentrum auszubauen. Einrichtungen schaffen, die über die Stadt hinaus Mehrwert für die Region bringen. Kernstück des Campus ist die EATA.

Würde sich die Stadt jetzt zurückziehen, würde sie Zukunftsperspektive verlieren. Außerdem steht der Ruf auf dem Spiel, ein verlässlicher Partner zu sein. EU, Land, Landkreis, Nachbarkommunen, Handwerksbetriebe haben auf das Konzept EATA gesetzt und auf die Stadt als soliden Bauherrn.

Auf dem Ruf steht auch die Vorbildfunktion: Der Z-Bau ist denkmalgeschützt und ein Stück Heimatgeschichte. Wenn die Stadt ihre Baudenkmäler einfach verkommen lässt, warum sollen dann Privatleute Mehrkosten für Denkmalschutz aufbringen?

11 Millionen Euro sind eine bittere Pille, die man schlucken muss.

Gerhard Königer

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